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Im Extremfall kostet Corona den Job

Bernauer Chefarzt Andreas Bock: „Die Diagnose Long-Covid ist für die meisten Patienten ein Schock“

Andreas Bock ist Chefarzt und Leitender Facharzt der Rehabilitationsabteilung an der Psychosomatischen Reha-Klinik Medical Park Chiemseeblick in Bernau-Felden.
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Andreas Bock ist Chefarzt und Leitender Facharzt der Rehabilitationsabteilung an der Psychosomatischen Reha-Klinik Medical Park Chiemseeblick in Bernau-Felden.
  • Dirk Breitfuß
    VonDirk Breitfuß
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Bernau – Manche Patienten haben sehr lange mit den Folgen einer Corona- Erkrankung zu kämpfen. Andreas Bock ist Chefarzt an der Psychosomatischen Reha-Klinik Medical Park Chiemseeblick in Bernau-Felden. Er leitet dort eine Gruppe mit Long-Covid-Patienten. Mit unserer Zeitung hat er über seine Erfahrungen gesprochen.

Welches sind die häufigsten Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung?

Andreas Bock: „Zu den von unseren Long-Covid-19-Patienten in der Psychosomatik am meisten beklagten Symptomen gehören auf der psychischen Ebene Ängste, erneut zu erkranken mit Panikattacken, chronische Konzentrations- und Gedächtnisstörungen und eine chronische Erschöpfung mit Müdigkeit sowie damit einhergehender Verlangsamung in beruflichen und privaten Anforderungs- und Belastungssituationen.

Körperlicherseits beklagen viele Patienten noch Symptome wie Atemnot, Erstickungsanfälle, Asthmabeschwerden, Muskelschwere und -schmerzen in Ruhe, die als sehr beeinträchtigend hinsichtlich der Lebensqualität wahrgenommen werden.“

Lässt die Schwere des Krankheitsverlaufs Rückschlüsse auf die Langzeitfolgen zu?

Bock: „Wir sehen in unserer Klinik fast ausschließlich Patienten , die nicht beatmungsbedürftig waren und trotzdem seit der Akutphase arbeitsunfähig sind aufgrund der psychischen und körperlich fortbestehenden Symptome.

Somit lassen sich Prognosen zu den Langzeitfolgen auf psychosomatischem Gebiet aus meiner Sicht noch nicht endgültig abschätzen.“

Kann die richtige Behandlung die körperlichen und psychischen Langzeitfolgen mildern?

Bock: „Wir versuchen, ein gutes Krankheitsmodell zu vermitteln, in das wir die aktuellen Erkenntnisse zum Verlauf der Covid-19-Langzeit- Folgen mit den Patienten erarbeiten, damit die Rehabilitanden realistische Vorstellungen zum eigenen Krankheitsverlauf und Fähigkeiten zur Bewältigung im Umgang mit den erlebten Symptome entwickeln können.

Das Ziel dabei ist es, wieder mehr Selbstwirksamkeit und Aktivität erreichen zu können im Gegensatz zur vorher erlebten Hilflosigkeit mit Rückzug, Isolation und Ausweglosigkeitserleben.

Nur durch eine gute Information und Aufklärung kann es uns mit den Patienten gelingen, individuelle Strategien für eine erfolgreiche Krankheitsbewältigung zu erarbeiten.

Sicher geht es auch um Akzeptanz krankheitsbedingter Faktoren, die hier erarbeitet wird mit dem langfristigen Ziel, sich zukünftig und lebenslang nicht als hilfloses Opfer wahrzunehmen, sondern als Aktiver – also Hilfe zur Selbsthilfe.“

Nach Ihren bisherigen Erfahrungen: Welches sind die extremsten Auswirkungen beziehungsweise Folgen?

Bock: „Die extremsten Folgen bei den Betroffenen mit schwerer Long-Covid-19-Symptomatik werden nach meiner Wahrnehmung ausgelöst durch in der Akutphase plötzlich einsetzende und erlebte Konfrontationssituationen mit der eigenen Verletzlichkeit sowie auch Hilflosigkeit mit Todesängsten.

Im psychosomatischen Bereich führt dies zu einer sehr hohen Anzahl neuaufgetretener Angst- und depressiver sowie auch Traumafolgestörungen, mitausgelöst durch verzögerte medizinische Behandlungen und prolongierte Krankheitsverläufe mit verminderten ärztlichen und psychologischen Kontakten durch restriktive Hygienebestimmungen (Besuchsverbote, Praxisbesuchsverbote) und aufgrund fehlender Ressourcen.

Die extremsten Folgen sind Jobverlust durch lange Arbeitsunfähigkeits-Zeiten oder gescheiterte Wiedereingliederungsversuche sowie Berufsunfähigkeit mit Berentung aufgrund bleibender psychischer und oder körperlicher Beeinträchtigungen.“

Wie gehen Menschen, die mitten im Leben standen, damit um, wenn Sie plötzlich weit weniger leistungsfähig und belastbar sind?

Bock: „Für die meisten Menschen bedeutet die Vermittlung der Diagnose Long-Covid 19-Syndrom einen Schock.

Im Einzelfall erleben wir im Klinikalltag schwerste depressive Einbrüche und Selbstwertkrisen bei vorher sehr leistungsfähigen und lebensbejahenden Menschen, deren Welt- und Wertebild nachhaltig erschüttert und ins Wanken geraten ist.“

Welche Rückmeldungen haben sie darüber, wie das Umfeld der Betroffenen reagiert? Stoßen sie im privaten und beruflichen Umfeld auf Verständnis?

Bock: „Die Rückmeldungen der Arbeitgeber und auch Familienmitglieder sind häufig gekennzeichnet von Verständnislosigkeit und auch für die Behandler dieser Patienten sehr frustrierend. Psychosomatische Beschwerdekomplexe sind nicht so sichtbar wie Diagnosen aus anderen Fachgebieten.

Die Realität mit sozialer Ächtung nach psychosomatischen REHA-Aufenthalten sieht unausgesprochen leider immer noch so aus: Die Gesellschaft vergleicht diese Klinikaufenthalte entsprechend dreifachen Jahresurlauben, in denen gelacht getanzt und gewandert wird – mit dem Anspruch, dass die REHA-Rückkehrer am Arbeitsplatz und in der Familie so weitermachen wie vorher und dreimal mehr Energie und Freude mitbringen.

Die Rehabilitanden treffen dadurch nach der Entlassung oft auf falsche Erwartungshaltungen und Unverständnis im privaten und beruflichen Umfeld.

Eine unserer wichtigen Aufgaben besteht in einer Zusammenarbeit mit Weiterbehandlern, Personalabteilungen, Arbeitsmedizinern und auch Familienmitgliedern.“

Was sollte ein Genesener tun, wenn er das Gefühl hat, dass Corona vielleicht doch langfristige Spuren bei ihm hinterlassen hat?

Bock: „Es sollte eine fachärztliche Abklärung angestrebt werden, um nachweisbare Organschädigungen oder Funktionseinschränkungen dokumentieren und nachweisen zu können.

Selbst wenn keine organmedizinisch pathologischen Befunde nachweisbar sind, können Symptome vorhanden sein, die zu einer deutlichen Belastungs- und Leistungsminderung führen, ja sogar – wie wir in unserer Psychosomatischen Klinik täglich sehen – zu langanhaltender Arbeitsunfähigkeit und auch Berufsunfähigkeit führen, wenn es sich um ein psychosomatisches Krankheitsbild handelt, für das keine nachweisbaren körperlichen Organveränderungen nachweisbar sein müssen.

Etwas komplizierter wird es sicherlich bei Menschen, die vorher schon chronische Erkrankungen hatten, die sich unter Covid 19-Erkrankung noch einmal verschlechtert haben mit erhöhtem Medikationsbedarf und Therapiebedarf.“

Sie arbeiten auch als Notarzt. Wie erleben Sie die Auswirkungen der Überlastung der regionalen Kliniken?

Bock: „Aus meiner notärztlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass ich nach wie vor verwundert bin über die bei Teilen in der Bevölkerung vorhandene Naivität und Verleugnung von medizinischen Tatsachen hinsichtlich der Gefährlichkeit der Covid-19-Erkrankung.

Einen so großen Anteil von Patienten mit der Notwendigkeit intensivmedizinischer Langzeitbehandlungen kenne ich nur aus der Neurorehabilitation beispielsweise nach schweren Hirnschädigungen, aus der Polytraumabehandlung und Sepsistherapie.

Die Versorgungskapazitäten und das Krisenmanagement sind in unseren Rettungsdienstbereichen von den Verantwortlichen gut organisiert.

Trotzdem kann es passieren, dass wir aktuell bei der Anmeldung eines Intensivbettes in der Leitstelle als Notärzte länger auf die Zuweisung eines Bettes für intensivpflichtige Patienten warten müssen und von Rosenheim oder Traunstein nach München/Salzburg fahren müssen, weil regional gerade keine geeigneten Intensivbetten verfügbar sind.

Genauso geht es zum Teil den notärztlichen Kollegen der Nachbarregionen.

Wir befinden uns in den Kliniken zum Teil phasenweise im Schwellenbereich zur Katastrophenmedizin. Einige Klinikabteilungen erhalten schon kontinuierlichen Support über die Bundeswehr.

Durch die Verschiebung von Operationen, Strahlentherapien, Chemotherapien etc. kommt es zu Verschlechterungen bei Patienten, die in den Kliniken nicht mehr versorgt werden können, selbst palliativmedizinische Stationen und Hospize sind überfüllt oder müssen aufgrund von Personalproblemen schließen.

Für alle, die es noch nicht so verstanden haben: Das sind Zustände, wie wir Sie sonst nur aus der Katastrophenmedizin kennen.

Das Medizinsystem ist durch die Pandemie völlig dekompensiert, war vorher schon lange personell und hinsichtlich der Ressourcen am Limit, man wird sich politischerseits und auch bei den Klinikträgern Gedanken machen müssen, wie die medizinischen Berufe wieder an Attraktivität gewinnen können.“

Können Sie Menschen noch verstehen, die Bedenken wegen der Corona-Impfung haben?

Bock: „Bedenken gegenüber der Corona-Impfung kann ich in meiner Rolle als Psychiater und Psychotherapeut verstehen.

Ich denke, dass durch die Pandemiesituation und das Bedrohungserleben bei einem Teil der Bevölkerung eine Demaskierung von unterschwellig schon lange vorhandenen Zweifeln, Ängsten, Unzufriedenheiten mit der Lebenssituation und dem System und den Entscheidungsträgern stattgefunden hat.

Das mobilisiert innere Widerstände, Wut, Hilflosigkeit, extreme Verhaltensweisen, die sich impulsiv entladen und einer kritischen Realitätsprüfung nicht mehr zugänglich sind.

Hinzu kommen die sich tatsächlich täglich widersprechende Stellungnahmen und Prognosen von Medizinern, Politikern und Meinungsbildnern, die selbst in fachlich kompetenten Kollegenkreisen zu Verunsicherungen und Zweifeln führen.

Mit der Integration derartig vieler Informationen und einer zufriedenstellenden Bewertung und der Herbeiführung nachvollziehbarer, logischer Konsequenzen zeigen sich selbst medizinische Experten und Gremien unter dem aktuellen Handlungsdruck überfordert.

Da nützt die solide Datenlage zur guten Sicherheit der aktuellen Impfstoffe wenig und geht im Tornado der verunsichernden Tagespresse mit Vermischung extremer politischer Statements und zum Teil esoterisch begründeten Therapieoptionen als Alternative unter.

In unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung zählt nach wie vor basierend auf dem Grundgesetz die freie Willensentscheidung – auf welcher Basis diese im Einzelfall zustande kommt bleibt dabei unerheblich und sollte respektiert werden.

Somit würde ich einem Menschen nie einen Vorwurf hinsichtlich seiner Entscheidung machen, egal ob er sich für oder gegen eine Impfung entscheidet.

Ab einem bestimmten Punkt sehe ich aber auch eine gewisse Fürsorgepflicht des Staates und Gesundheitssystems für die Bürger, im Sinne der Gefahrenabwehr in einer Pandemie-Situation Maßnahmen umzusetzen, die der Aufrechterhaltung der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit dienen.

An der Sicherheit der aktuell eingesetzten Impfstoffe hinsichtlich akuter und chronischer Nebenwirkungen besteht nach aktueller Datenlage wenig Zweifel.“

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