Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


"Des is mei Reich"

Bei so einem Sonnenaufgang über dem Chiemsee kann einem das Herz aufgehen: Mathias Stampfl vor einem seiner neuesten Bilder, die im Atelier seiner Eltern ausgestellt werden.  Foto  db
+
Bei so einem Sonnenaufgang über dem Chiemsee kann einem das Herz aufgehen: Mathias Stampfl vor einem seiner neuesten Bilder, die im Atelier seiner Eltern ausgestellt werden. Foto db

Im Sommer 1989 machte Mathias Stampfl seine Gesellenprüfung als Fotograf. Er war der Zweitbeste seines Jahrgangs. Vier Wochen später brach er zusammen und fiel ins Koma. Als er nach acht Wochen wieder die Augen öffnete, war nichts mehr so, wie es vorher war. Seine rechte Seite ist gelähmt, er leidet an Epilepsie, sein Sprachzentrum ist gestört, er konnte lange Zeit gar nicht mehr gehen. Heute sitzt er in seinem Zimmer in der Wohnanlage von "Leben mit Handicap" und sagt im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung lächelnd: "Des is mei Reich."

Prien - Wer in aller Herrgottsfrüh am Chiemsee einen groß gewachsenen Mann mit Schirmmütze beobachtet, der den Sonnenaufgang über dem Bayerischen Meer fotografiert, der hat es wohl mit Mathias Stampfl zu tun. Wenn das Wetter schöne Motive verspricht, setzt er sich auf sein vierrädriges Elektromoped und fährt zum See.

Seit er als einer der ersten vor einem Jahr in die gerade eröffnete Wohnanlage von "Leben mit Handicap" in Stauden eingezogen ist, fotografiert er wieder. Seine große Leidenschaft, die auch sein Beruf werden sollte, hat er wiederentdeckt.

In diesem Sommer ist er in Unterwössen in einem Segelflieger mitgeflogen und will "das nächste Mal länger oben bleiben", er saß auf dem Sozius einer Harley und träumt von einem Fallschirmsprung. Vor ein paar Jahren hätte das wohl niemand für möglich gehalten, auch er selbst nicht.

Als Kind und Jugendlicher war Mathias sportlich und auch sonst aktiv. Der gebürtige Priener, der in seinem Heimatort die mittlere Reife machte, fuhr Ski, surfte, segelte, war bei der Feuerwehr und der Wasserwacht. Er stand mitten im Leben.

Im Oktober 1988 hatte er aus heiterem Himmel die ersten drei epileptischen Anfälle. Die Ärzte stellten fest, dass das Wasser in seinem Gehirn nicht mehr ablief. Sie implantierten dem damals 19-Jährigen ein Ventil. Ostern 1989 war es defekt und musste ausgetauscht werden. Dann kam die erfolgreiche Gesellenprüfung, dann der Zusammenbruch.

Nach dem Erwachen aus dem Koma begann eine quälend lange Zeit in Krankenhäusern und Reha-Kliniken. Mathias zog wieder zurück zu seinen Eltern nach Prien. An ein eigenständiges Leben war nicht zu denken.

Die Kunst half ihm, wieder voranzukommen. Er nahm Kurse in Acrylmalerei und im Töpfern, besuchte mehrfach Seminare der Kunstakademie in Aschau. 2001 konnte er zur 25-Jahr-Feier der Realschule Prien einige seiner Werke ausstellen. Aber der Weg zurück zu einem Alltag auf eigenen Beinen hatte gerade erst angefangen.

2002 begann er, in den Wendelsteinwerkstätten in Rosenheim zu arbeiten, vier Jahre später wagte er den Versuch, allein zurechtzukommen, er bezog eine eigene Wohnung in Rosenheim.

Zu allen körperlichen Problemen und Einschränkungen kam mit der Zeit immer mehr die Einsamkeit. Rosenheim empfand der mittlerweile fast 40-Jährige wegen seiner stark eingeschränkten Mobilität wie eine "Großstadt", erinnert er sich.

Als eine Gruppe von Eltern behinderter junger Menschen den Verein "Leben mit Handicap" gründete, waren seine Eltern dabei. Es dauerte Jahre, bis ein Grundstück nahe des großen Priener Kursaals gefunden, ein Modell für ambulante Pflege entwickelt und anerkannt, das Geld für den großen Traum zusammen war.

Heute auf den Tag genau vor einem Jahr konnte die Wohnanlage mit 30 Appartements eingeweiht werden. Eine Woche später zog Mathias Stampfl als einer der ersten Bewohner im ersten Stock ein. Groß ist sein Zimmer nicht, aber "Des is mei Reich", begrüßt er die Chiemgau-Zeitung mit einer ausladenden Armbewegung. Die Bilder an den Wänden hat der kunstinteressierte und künstlerisch veranlagte Mann mit geschultem Blick gut ausgesucht.

Seit er wieder da ist, wo er aufwuchs, nimmt sein Leben immer mehr Fahrt auf. Er trifft viele Menschen, die er kennt, die ihn grüßen, fragen, wie es geht. "Da ist meine Heimat", bringt er das Gefühl auf den Punkt, und der Glanz in den Augen verrät, dass er sich wohlfühlt in "seinem" Prien. "Es is einfach schee, wenn einen alle Leute kennen."

Das Leben in der Wohnanlage, die den Bewohnern größtmögliche Eigenständigkeit ermöglichen will, klappt ganz gut. "Alle helfen zusammen", erzählt Mathias. Auf dem Dienstplan im Flur steht, wer in dieser Woche den Frühstückstisch decken muss, abends nach der Arbeit (Mathias ist drei- bis viermal pro Woche ganztags in den Wendelsteinwerkstätten) trifft sich die WG im Gemeinschaftsraum zu "Activity" oder anderen Spielen. Aber der heute 44-Jährige kann auch die Tür hinter sich zu machen, wenn er seine Ruhe braucht oder auf den Ergometer will, auf dem er jeden Tag trainiert.

Die Ruhe findet er oft am See, am liebsten zu Zeiten, wenn alle anderen noch schlafen. Heuer hat Mathias jede Menge Bilder gemacht mit seiner Digitalkamera. An der sind alle Bedienknöpfe für Linkshänder eingestellt, mit rechts geht gar nichts mehr seit damals. Aber Mathias kann auch mit links tolle Bilder machen.

Einige der schönsten (er selbst findet sie "oberaffengeil") sind am Samstag und Sonntag, 12. und 13. Oktober, jeweils von 16 bis 20 Uhr im Atelier Stampfl (seiner Eltern) an der Ecke Geigelstein-/Hochriesstraße zu sehen. Die Vernissage ist am Freitag, 11. Oktober, um 17 Uhr. Die Besucher können praktisch die ganze Lebensgeschichte von Mathias Stampfl auf Bildern erleben - und seinen Lebenswillen, seinen Kampfgeist spüren.

An einer Litfaßsäule hat Petra Huber, mit der Mathias jede Woche Sprachtherapie macht, Zeitungsausschnitte über seine früheren Ausstellungen, seinen Lebenslauf und einige passende Zitate gesammelt. Auf einem Zettel steht ein Satz von Napoleon Bonaparte, der auch von Mathias sein könnte: "Das Wort unmöglich kommt in meinem Wörterbuch nicht vor."

Kommentare