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50 Jahre Kreisgebietsreform

Als der Landkreis Traunstein vor der Zerreißprobe stand

Die geplante Abtretung von Gemeinden im nördlichen Landkreis an den ehemaligen Landkreis Wasserburg mobilisierte zahlreiche Protestzüge.
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Die geplante Abtretung von Gemeinden im nördlichen Landkreis an den ehemaligen Landkreis Wasserburg mobilisierte zahlreiche Protestzüge.
  • Axel Effner
    VonAxel Effner
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Dass der Landkreis Traunstein heute als zweitgrößter in Bayern so erfolgreich dasteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Neufestlegung der Kreisgrenzen vor einem halben Jahrhundert war vielmehr von lautstarken Protesten, Demonstrationen und einem politischen Kräftemessen begleitet.

Traunstein – Daran erinnerte die Feierstunde „50 Jahre Kreisgebietsreform“ in der Traunsteiner Klosterkirche, die der Landkreis und Mitglieder des Kreistags gemeinsam im Beisein prominenter Zeitzeugen beging. Das Klarinettenquartett „Funny Four“ aus „Jugend musiziert“-Gewinnern umrahmte die Feierstunde musikalisch.

Landrat Siegfried Walch (CSU) rief das Ziel der Bayerischen Staatsregierung ins Gedächtnis, die Landkreise und Gemeinden im Rahmen der 1972 eingeleiteten Gebietsreform leistungsstärker zu machen durch größere Verwaltungseinheiten.

Zusammenhalt und Protestaktionen

Gegen Aufteilungspläne des Landkreises Traunstein hätten sich die Bürger erfolgreich durch starken Zusammenhalt und Protestaktionen unter dem Motto „Von Schnaitsee bis zum Alpenrand bleiben wir im Kreis beinand“ durchgesetzt.

„Kooperation statt Konfrontation“, dieses Erfolgsrezept präge auch heute die Zusammenarbeit unter den 35 Kommunen und vier Verwaltungsgemeinschaften im Landkreis, sagte Walch. Sichtbare Zeichen dafür seien das neugegründete Dienstleistungsunternehmen der Chiemgau GmbH und der Campus Chiemgau als „Leuchtturm in Sachen Bildung“. Ebenso wichtig sei die Zusammenarbeit über Landkreisgrenzen hinweg, etwa bei Verkehrsverbünden.

Sinnbild für den Schulterschluss

Als Sinnbild für den Schulterschluss mit dem Landkreis Berchtesgadener Land verwies Walch auf die Kopie der vergoldeten Holzstatue des heiligen Rupertus II. Sie war vom Landratsamt eigens in die Klosterkirche gebracht worden. Als Geschenk des Nachbarlandkreises erinnert sie an den Standort des Originals im Rathaus des früheren Landkreises Laufen. Dieser ist im Zuge der Gebietsreform zum Großteil im Landkreis Traunstein aufgegangen.

An die wilden Zeiten der Kreisgebietsreform vor 50 Jahren erinnerte der Journalist und Moderator Axel Effner im Podiumsgespräch mit zwei Zeitzeugen: Landtagspräsident a.D. Alois Glück, der 1970 als Abgeordneter neu in den Landtag gewählt worden war und Hermann Abel, Unternehmer und Altoberbürgermeister der Gemeinde Engelsberg, der von 1974 bis 1986 Rathauschef war.

Glück rief die „deutlichen Umwälzungen“ ins Gedächtnis, die der Wirtschaftsaufschwung und die Industrialisierung von Bayern nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit sich gebracht hätten. Um die Verwaltungen durch größere Einheiten effizienter zu machen und an die modernen Anforderungen anzupassen, sei die Zahl Landkreise im Rahmen der Gebietsreform von 143 auf 71 halbiert und die der Gemeinden von knapp 7000 auf rund 2050 reduziert worden.

Speziell im Landkreis Traunstein habe es die berechtigte Sorge gegeben, Teile des nördlichen Kreisgebiets an den ehemaligen Landkreis Wasserburg für dessen Erhalt zu verlieren. Schließlich habe der dortige Landrat Josef Bauer über beste Regierungskontakte verfügt. Glück erinnerte daran, dass der frühere Traunsteiner Landrat Leonhard Schmucker (1970 bis 1990, 2019) für Protest-Demonstrationen in Trostberg Tausende von Menschen mobilisiert habe.

Riesenzerwürfnisse und Zwangsräumung

Hermann Abel machte deutlich, dass sich die ab 1. Juli 1972 umgesetzte Verwaltungsreform für Landkreise, kreisfreie Städte und Kommunen in mehreren Schritten von Vorberatungen 1969 über Zwangseingemeindungen 1978 bis 1980 hingezogen habe. Der Protest habe das ganze Land durchzogen.

Durch die Randlage an den Grenzen der Landkreise Traunstein und Mühldorf habe es in Engelsberg bei der Abstimmung zugunsten von Traunstein „Riesenzerwürfnisse und Aufregung“ mit eingemeindeten Ortsteilen gegeben. Die angeordnete Verwaltungsgemeinschaft mit dem einwohnerstärkeren Tacherting sei mit Wissen des Landrats und Dank inoffizieller Duldung durch das Landratsamt „praktisch nie vollzogen“ worden, bis Engelsberg 1986 als Einheitsgemeinde wieder selbstständig werden konnte.

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Am Kontrastbeispiel der Zwangseingemeindung der unterfränkischen Gemeinde Ermershausen mit nächtlicher Zwangsräumung und Aktensicherung des Rathausen durch 800 Polizeibeamte machte Abel deutlich, wie die Situation auch eskalieren konnte. In Aktionsgemeinschaften habe der Protest von 400 Gemeinden ein Sprachrohr gefunden.

In weiteren Punkten diskutierten Glück und Abel über „Flexibilisierungen“ der Kreisgebietsreform unter Franz Josef Strauß, der 1978 Ministerpräsident wurde, Vermittlungsbestrebungen „hinter den Kulissen“, die Eingemeindung des Landkreises Laufen, den drohenden Verlust von Inzell, die Kämpfe um Einwohner und die Nachwirkungen der Reform bis heute.

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