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Wenn das Leben nur noch grau ist

Depression trifft jeden Fünften: Chiemseer Bündnis gegen eine Volkskrankheit

Draußen scheint die Sonne, aber wer ernsthaft depressiv ist, zieht sich eher zurück und verliert die Lust am Leben. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Das neue „Chiemseer Bündnis gegen Depression“ will die Krankheit sichtbarer machen, aber auch die Hilfen für Betroffene aus der Region.
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Draußen scheint die Sonne, aber wer ernsthaft depressiv ist, zieht sich eher zurück und verliert die Lust am Leben. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Das neue „Chiemseer Bündnis gegen Depression“ will die Krankheit sichtbarer machen, aber auch die Hilfen für Betroffene aus der Region.
  • Elisabeth Sennhenn
    VonElisabeth Sennhenn
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In Prien ist eine Neue Plattform für Depressive und ihre Angehörigen gegründet worden. Das „Chiemseer Bündnis gegen Depression“ wird von einem engagierten Arzt und einem Team geleitet, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, die Gesellschaft sensibler für die Krankheit zu machen.

Prien – Es ist eine Krankheit, die man den Betroffenen nicht unbedingt ansieht, die sich manchmal heimlich anschleicht und das Leben völlig auf den Kopf stellen kann: Depression. Laut Ärzteblatt leiden in Bayern über eine Million Erwachsener an einer Depression, Tendenz steigend. Um Hilfsangebote besser bekannt zu machen, sie untereinander zu vernetzen und es Betroffenen leichter zu machen, Hilfe zu finden, gibt es deutschlandweit „Bündnisse gegen Depression“. Seit heute sind es allein im Freistaat 14 an der Zahl, denn jetzt ist auch das „Chiemseer Bündnis gegen Depression“ offiziell „ans Netz“ gegangen, das heißt, es ist Teil des Netzwerks aus regionalen Selbsthilfegruppen, den Gesundheitsämtern in Rosenheim und Traunstein, den Sozialpsychiatrischen Diensten und des Krisendienstes.

Eine wichtige Lücke geschlossen

Im Medicalpark Prien wurde das Bündnis gestern offiziell vorgestellt. Gegründet hat es der Privatdozent Dr. med. Andreas Menke, Chefarzt von Medical Park Chiemseeblick in Prien, eine Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. „Ich war vor dieser Tätigkeit am Uniklinikum Würzburg beschäftigt, wo es bereits ein solches Bündnis gab, dessen Sprecher ich war. Wir waren ein tolles Team, und haben sehr gutes Feedback zu unserer Arbeit bekommen, daher fand ich, dass es wichtig ist, auch im Chiemgau ein Bündnis gegen Depression ins Leben zu rufen“, erklärt Menke seine Motivation.

Denn die Depression, eine ernst zu nehmende Krankheit und keine „Einbildung“, müsse in der Öffentlichkeit noch mehr Raum bekommen, sind Menke und seine Mitstreiter überzeugt. „Wer an einer Depression erkrankt, der hat oft Angst vor dem Stigma, das der Krankheit heute leider immer noch anhaftet“, weiß der Arzt. Bestätigen kann das der Psychotherapeut Dr. Christoph Rothmayr, der in der Caritas Prien Erkrankte berät: „Depression wird gesellschaftlich oft mit Schwäche assoziiert, Betroffene gelten als faul oder verrückt, daher versuchen manche Menschen jahrelang, die Krankheit vor anderen zu verbergen. Das muss sich ändern.“

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Mehr Sensibilisierung gegenüber der Krankheit ist eines der Ziele des Chiemseer Bündnisses, erklärt Psychotherapeutin Sophie Palmer vom Medical Park. Sie erklärt die Arbeit des Bündnisses auf vier Ebenen: Kooperation mit Hausärzten, denen Fortbildungen und Schulungen für eine sichere Diagnose angeboten werden, Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit mit Vorträgen für Betroffene und Angehörige, auch in Schulen; die Zusammenarbeit mit Multiplikatoren wie Lehrern, der Polizei, Hebammen, Altenpflegern; Angebote für Betroffene und Angehörige inklusive einem Onlineforum auf der Website der Deutschen Depressionshilfe.

Dr. Andreas Menke, Chefarzt Medical Park Chiemseeblick.

Wer im Internet abgesehen von solchen Websiten nach Anlaufstellen sucht, ist schnell überfordert, weiß man auch beim Bündnis: „Wir wollen die Angebote sichtbar machen und damit insgesamt die Versorgungslage verbessern, und in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür wecken, dass Depression eine Erkrankung ist, die man behandeln kann“, fasst es Palmer zusammen.

In der Klinik, in der laut Dr. Menke pro Jahr rund 1200 Patienten mit psychischen Erkrankungen behandelt werden, spüre man den enormen Bedarf an Therapieangeboten. Palmer sagt, die Pandemie belaste die Patienten noch stärker, wenn man auch nicht direkt beobachten könne, dass Corona mehr Depressionen auslöse. Palmer ergänzt, dass man jedoch speziell bei Kindern und Jugendlichen einen erhöhten Bedarf an stationärer Therapie feststelle.

Komplexe Zusammenhänge zwischen Psyche und Immunsystem

Allerdings, betont Dr. Menke, tragen Depressive ein größeres Risiko mit sich, selbst an Corona zu erkranken – hier spielten komplexe Zusammenhänge zwischen Psyche und Immunsystem eine Rolle. „Und eine Depression erhöht das Risiko, mit Corona im Krankenhaus zu landen, selbst die Sterblichkeit durch das Virus ist dann erhöht.“ Alles Gründe, gerade in diesen Zeiten Depression nicht zu verharmlosen.

Menke, der bereits seine frühere Arbeit im Würzburger Bündnis als „sehr sinnvoll“ erlebt hat, betont, dass gerade in ländlichen Regionen der Aufklärungsbedarf groß sei. Und er hat Zahlen parat, die aufhorchen lassen: „Jedes Jahr sterben in Deutschland 10 000 Menschen durch Suizid, über 90 Prozent davon sind psychisch krank, davon wiederum die meisten depressiv.“

Darum sind Therapieplätze rar

Depression sei eine Volkskrankheit, statistisch gesehen bekomme sie jeder Fünfte einmal im Leben. „Auch diese Häufigkeit ist mit ein Grund dafür, warum es oft so lange dauert, einen Therapieplatz zu kriegen“, erläutert Menke. Dass die Krankheit selbst häufiger geworden ist, bezweifelt er: „Es ist eher so, dass die Diagnose heutzutage häufiger gestellt wird, weil Ärzte mehr darüber wissen.“ Aktivitäten des Chiemseer Bündnisses finden Interessierte auch in den Sozialen Medien, Links sind auf der Website der Deutschen Depressionshilfe zu finden.

Beispiel für „Überbrückungshilfe“ bis zum Therapiestart

Die meisten der sechs bis sieben Personen, die jede Woche die Beratung von Dr. Christoph Rothmayr bei der Caritas in Prien aufsuchen, sind von einer Depression betroffen. Der Psychologe und Psychotherapeut bietet dort einmal pro Woche eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige, betreibt zudem eine private Praxis in Prien. Seine Kollegin macht auch Hausbesuche. „Wir sind sehr gut vernetzt und können Menschen mit Depression weiterhelfen, sei es durch Kontakte zu Therapieeinrichtungen oder Selbsthilfegruppen, auch zum neuen Bündnis gegen Depression, aber wir leisten selbst auch therapeutische Beratungen und können auf diese Weise zum Beispiel die Zeit überbrücken, während der Patienten auf einen Therapieplatz warten“, erklärt Rothmayr.

„Erstgespräche bei uns können schon viel helfen.“

Hilfsangebote

Zudem gibt es in Prien die Caritas-Tagesstätte, in der sich Betroffene kostenlos und ohne Termin aufhalten und Hilfsangebote wahrnehmen können. Zu Rothmayr kommen ganz unterschiedliche Menschen, doch bei solchen mit depressiven Verstimmungen überwiegen die Frauen leicht, wie er sagt: „Frauen holen sich eher Hilfe“. Betroffene Männer dagegen griffen nicht selten zur Flasche, wenn es ihnen nicht gut geht. Wobei dieses „nicht-gut-gehen“ bei einer handfesten Depression ein Zustand ist, der sich mindestens seit zwei Wochen massiv auf das eigene Leben auswirkt – spätestens dann, wenn Antriebslosigkeit und ein bleibendes Desinteresse an der sozialen Umwelt dazukommen, so der Psychotherapeut, sollte man sich unbedingt Hilfe suchen.

Anlaufstellen in der Region (Auswahl):

  • Caritas Prien, Termin über Caritas Rosenheim, Telefon 08031-20380.
  • 24-Stunden-Krisendienst Psychiatrie, Telefon 0800-6553000.

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