Experte der Kliniken Südostbayern

Infektiologe Dr. Thomas Glück über die mRNA-Impfung gegen Corona: „Wirksam und sicher“

Der Chefarzt der Kliniken Südostbayern (KSOB), Prof. Dr. Thomas Glück, setzt große Hoffnungen in die Impfungen gegen das Coronavirus. Er gilt als herausragender Experte auf dem Gebiet der Covid-19-Erkrankung. Auf der Internetseite der KSOB äußert er sich zum Impfstoff der Firma Biontech, ein messenger RNA (mRNA)-Impfstoff.

von Robert Seifert

Traunstein – „Mit diesem neuen Prinzip wird nicht ein abgetötetes komplettes Viruspartikel oder ein (Teil-)Protein des Virus geimpft, wie sonst bisher bei Impfstoffen, zum Beispiel bei Influenza oder Hepatitis B“, erklärt Professor Glück. „Sondern die genetische Übermittler-Information für ein nichtinfektiöses Bruchstück des Virus.“

Impfstoff verschmilzt mit Körperzellen

Professor Dr. Thomas Glück

Diese mRNA sei beim Biontech-Impfstoff in kleinste Fett-Kügelchen verpackt, die nach der Injektion mit Zellen des Körpers verschmelzen und so die mRNA, also die genetische Information für das nichtinfektiöse Bruchstück des Virus, an der Injektionsstelle in die menschlichen Zellen entlassen. Dort dockt die mRNA an die Protein-Produktions-„Maschinchen“, die Ribosomen, im Zellinneren an und lässt diese das nichtinfektiöse Virusbruchstück produzieren, das diese Zellen dann nach außen abgeben.

„Gleiches geschieht übrigens tagein, tagaus mit den Körperzell-eigenen mRNAs, die unsere Zellen im Körper je nach aktuellem Stoffwechsel-Anspruch von der im Zellkern lokalisierten Erbinformation beziehen, um körpereigene Proteine zu bilden, zum Beispiel Gerinnungsfaktoren oder Hormone – so werden unsere Stoffwechselvorgänge gesteuert!“

Viren kapern die Körperzellen

Viren, allgemein gesprochen, „kapern“ laut Glück dieses grundlegende biologische Zellprinzip. Anstelle der körpereigenen mRNAs schleusen sie ihre Erbinformation in die Körperzellen ein und zwingen die Protein-Produktionsmaschinchen im Zellinneren, anstelle von für die Zelle oder den Körper notwendige oder nützliche Produkte (auch) Viruspartikel zu produzieren. Diese verlassen die Zellen, um weitere Zellen zu befallen.

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Die mRNA-Impfstoffe ahmen damit grob gesprochen einen Virus-Vermehrungszyklus in der Zelle nach – nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass in der mRNA des Impfstoffs nicht die komplette Information für das infektiöse Virus, sondern nur für ein Bruchstück des Virus vorhanden ist.

Dieses ist dann, im Gegensatz zu einem wirklichen Virus, für andere Zellen nicht infektiös. Die Information werde aber vom Immunsystem erkannt und dieses produziere dann gezielt Abwehrstoffe gegen diesen Teil des Virus, die dann auch infektiöse Viren inaktivieren.

Die mRNAs werden vollständig abgebaut

Die durch die Impf-mRNA induzierte Produktion des Virus-Bruchstücks in den Körperzellen lasse alsbald nach, denn alle mRNAs, gleich ob sie aus dem Zellkern zur Steuerung der natürlichen Stoffwechselvorgänge oder aus dem Impfstoff stammen, werden rasch vollständig abgebaut.

Dem biologischen Prinzip entsprechend, werde nie mRNA in DNA, also die dauerhafte Erbinformation, umgeschrieben. „Dies ist also eine absolute Einbahnstraße. Damit ist ausgeschlossen, dass durch die Impf-mRNA das Erbgut verändert werden könnte“, so Glück. Nur das HIV-Virus benutze den DNA-zu RNA-Weg verkehrt herum. „Aber das ist ein ganz anderes Virus und hat mit Coronaviren und dem Impfstoff absolut nichts zu tun“.

Der Körper bildet die Proteine selbst

Die mRNA-Impfstoffe haben laut dem Experten Vorteile in zweierlei Hinsicht: „Die Proteine werden vollständig rein von den körpereigenen Zellen gebildet. Im Gegensatz zu herkömmlichen Protein-Impfstoffen müssen sie ei der Herstellung nicht aufwendig aus vielen anderen Bestandteilen und einer Menge ebenfalls für unser Immunsystem fremden Eiweißen – etwa Hühnereiweiß bei den Grippe-Impfstoffen – herausisoliert werden.“

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Zudem könne man mRNA-Impfstoffe rasch in großer Menge produzieren. Sie wirkten nach den vorläufigen Ergebnissen mindestens so gut wie die Protein-Impfstoffe. Der Nachteil der mRNA-Impfstoffe sei die relativ schlechte Stabilität der kleinsten Fett-Kügelchen und der RNA, so dass die Impfstoffe bei mindestens minus 70 Grad gelagert und nach dem Auftauen rasch verimpft werden müssen, was die Verteilung aufwendig macht.

Mindestens 95 Prozent Schutz nach der zweiten Impfung

Laut Studien schütze der Biontech-Impfstoff mindestens 95 Prozent der zwei Mal im Abstand von drei Wochen Geimpften. „Der Impfschutz beginnt etwa zwei Wochen nach der ersten Impfung. Die Verträglichkeit ist allgemein gut, aber wie bei jeder Impfung können Schmerzen an der Injektionsstelle, leichtes Fieber und Müdigkeit auftreten“, so Glück.

Er persönlich setze große Hoffnungen in die Impfungen – dass die Infektions- und damit die Todeszahlen zurückgehen, die Lockdowns ein Ende haben und das Leben wieder normal werden kann. „Die Chancen, die damit für uns alle, für unsere Gesellschaft und für unser Wohlergehen verbunden sind, überwiegen bei weitem die von manchen gehegten, theoretischen Bedenken gegen das relativ neue, aber keinesfalls unerprobte Prinzip der mRNA-Impftechnologie.“

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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