15-Jähriger aus Heim in Seeon mit Corona infiziert – so ging es den Kindern mit der Isolation

Garten des Kinderheims Wattenham: Buben und Mädchen dürfen das Gelände nicht verlassen. re
  • vonMartin Tofern
    schließen

Ein Bub musste nach einem positivem Test auf das Coronavirus zwei Wochen in Quarantäne, Kontakt mit anderen Menschen gab es nur noch über das Telefon. Alle anderen Kinder der Wohngruppe waren negativ – trotzdem stand auch für sie der Rückzug an. 

Seeon – „Ja, wir hatten einen Coronafall“, bestätigt Erzieherin Elisabeth Brich gegenüber unserer Zeitung. Ein 15-jähriger Bub war positiv auf das Virus getestet worden. Daraufhin musste er, obwohl er keinerlei Symptome zeigte, für 14 Tage in Quarantäne gesteckt werden. In dem Heim leben insgesamt zehn Kinder, die anderen neun waren negativ.

Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer

Anders als in vielen weiteren Einrichtungen ist die Quarantäne in dem Kinderheim zumindest räumlich kein Problem: Es ist in einer früheren Pension untergebracht. Deshalb gibt es für jedes Kind ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad. Doch wie ist der Alltag mit dem einen Quarantänefall zu bewältigen? „Wir haben ihm das Essen vor die Tür gestellt, haben dabei Handschuhe und Mundschutz getragen – auch beim Abräumen“, erklärt die Gruppenleiterin. 

Sie und ihre Kollegen mussten ansonsten jeden Kontakt zu dem Jungen vermeiden. Stattdessen habe eine Kinder- und Jugendtherapeutin viel mit ihm telefoniert, um ihm zu helfen, die Zeit zu überstehen. Das hat er inzwischen geschafft, die 14 Tage Isolation sind vorbei. „Der 15-Jährige wurde mittlerweile ein zweites Mal auf das Corona-Virus getestet, das Ergebnis war negativ“, erklärt Brich. Jetzt dürfe er wieder zu den anderen.

Lesen Sie auch: 1100 Euro für neue Wohgruppe in Wattemham

Ziel der Einrichtung: Zurück an die Schule

Die Kinder werden in dem intensivpädagogischen Heim der evangelischen Kinder- und Jugendhilfe untergebracht, weil sie komplexe Störungen entwickelt haben und durch besonders problematische Verhaltensweisen sowie Schulprobleme auffallen. „Die Kinder bleiben, solange die Hilfe notwendig ist“, erklärt Bereichsleiterin Anja Gschwender. Die Notwendigkeit werde halbjährlich mit den Jugendämtern, den Sorgeberechtigten, den Kindern und Jugendlichen und der Einrichtung überprüft. „Das Ziel ist in der Regel bei fast allen Kindern und Jugendlichen eine Wiederherstellung der Beschulung an einer öffentlichen Schule, da diese auch wichtig für die Rückkehr nach Hause ist“, erklärt Gschwender.

Nachbarn erheben Vorwürfe

Kategorisch widerspricht Gruppenleiterin Brich den Beschwerden besorgter Bürger aus der Nachbarschaft des Heims.

Den Anliegern zufolge sollen Kinder ohne Mundschutz und ohne Begleitung im Ort herumgelaufen sein. Hierzu erklärt die Gruppenleiterin, dass dies nur vor Corona der Fall gewesen sein kann. Denn wegen der Beschränkungen müssen die Kinder im Heim bleiben. Fakt ist, dass ohne Corona normalerweise generell täglich sieben Kinder zur Schule gehen. Das ist derzeit nicht möglich, deshalb müssen sie im Heim unterrichtet werden. Für den Stundenplan sind aktuell die Erzieher zuständig. Außerdem werde ein Pädagoge von außen zugeschaltet, „er kann dem Unterricht über Streaming per Internet folgen.“

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Der Unterricht dauert bis halb eins, danach wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Das Essen kocht eine Hauswirtschafterin, die den Erziehern auch beim Putzen und Desinfizieren der Räume hilft. Nach Unterricht und Mittagessen gibt es für alle Kinder eine kurze Pause, in der sie ausruhen, lesen oder für sich allein spielen können. „Unsere Kinder sind ja immer in der Gruppe, da brauchen sie auch mal eine Auszeit“, erklärt Erzieherin Brich. Wenn es nicht gerade regnet, gehen sie anschließend in den Garten und spielen Boccia, springen Trampolin oder sitzen am Lagerfeuer. „Unser Garten kann gar nicht groß genug sein, die Kinder dürfen das Gelände ja nicht verlassen.“ Bei Regen wird gebastelt oder es werden Brettspiele gespielt. „Wir müssen immer schauen, dass wir alle Kinder beschäftigen“, erklärt Brich.

Kontakt nach Hause über Handy

Auch für die Eltern ist die Situation schwierig. Normalerweise dürfen die Mädchen und Buben alle 14 Tage nach Hause fahren, doch auch das geht zurzeit wegen Corona nicht. Deshalb dürfen sie ausnahmsweise ihr Handy benutzen, um den Kontakt nach Hause zu halten. Nach dem Abendessen gibt es noch Gespräche darüber, wie Eltern, Kinder und Erzieher mit der Trennung klar kommen. Danach ist Bettgehzeit. Wer dabei Zuspruch braucht, für den haben die Erzieher ein offenes Ohr.

Das sei auch unerlässlich, denn jedes Kind habe seine Diagnose, sagt Brich. Die Kinder bleiben zwischen einem und drei Jahren in der Einrichtung. Nichts will die Erzieherin davon hören, dass die Mädchen und Buben schwer erziehbar seien. Manche seien auch gar nicht verhaltensauffällig, sondern kämen aus einem schwierigen Elternhaus oder hätten ganz einfach schwere Schulprobleme.

Kommentare