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„Hohe Dunkelziffer“

Corona-Pandemie führt zu mehr häuslicher Gewalt – auch im Landkreis Traunstein

Sabine Weiß ist die Verantwortliche für die Interventionsstelle für häusliche Gewalt.
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Sabine Weiß ist die Verantwortliche für die Interventionsstelle für häusliche Gewalt.
  • VonKarlheinz Kas
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Befürchtet haben es Experten es lange, nun ist es tatsächlich so: Die Fallzahlen zu häuslicher Gewalt sind stark gestiegen. Das berichtet eine Expertin aus dem Landkreis Traunstein.

Traunstein – Von einem Anstieg häuslicher Gewalt an Frauen seit Frühjahr 2021 im Landkreis Traunstein berichtet Sabine Weiß, Leiterin der Beratungsstelle für Schwangerschafts- und Familienfragen, und Verantwortliche für die Interventionsstelle im Landkreis Traunstein, im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Wir sprachen mit der 56-Jährigen über den Effekt der Pandemie.

Wie hat sich die häusliche Gewalt an Frauen entwickelt?

Sabine Weiß: Bis zum Frühjahr 2021 war es eigentlich recht ruhig, erst dann kam es zu einem Anstieg der Fallzahlen. Die Zahl der Frauen, die im Frauenhaus Rosenheim/Traunstein Schutz suchten, ist nicht extrem gestiegen.

Ist der Anstieg auf Corona zurückzuführen, weil doch viele Männer daheim waren?

Weiß: Der Anstieg war in 2020 noch nicht zu beobachten, da hatten wir auch Corona und einen langen Lockdown. 2020 waren es insgesamt 50 Fälle. Vielleicht bestand da noch die Vorstellung, der Wunsch oder die Idee, dass die Zeit mit den Einschränkungen bald ein Ende nimmt und die sozialen Kontakte wieder hergestellt werden können. Der Anstieg kam ja erst nach knapp eineinhalb Jahren. Frauen haben dann vielleicht gemerkt, dass es doch andauert und sich einen Weg nach außen gesucht, weil es nicht mehr erträglich war.

Aber alles ist spekulativ, denn die Fälle haben sich von den Inhalten her nicht verändert zu den Jahren zuvor. Ich frage die Opfer auch, ob es denn an Corona liegen könnte. Die meisten antworten, das es sich dadurch verschärft hat.

Wann kommen Sie eigentlich ins Spiel und wie?

Weiß: Seit 2015 bestehen die Kooperationsvereinbarungen mit der Polizei. Das Prozedere ist hier genau festgelegt. Wenn beispielsweise ein Fall von häuslicher Gewalt bei der Polizei aufschlägt, dann werde ich durch ein Fax, mit der Einwilligungserklärung der Frau, verständigt. Die Meldungen bei der Polizei kommen von den Frauen selbst, von Nachbarn, von der Familie, vom Arbeitgeber oder Arbeitskollegen, also von den verschiedensten Seiten. Bei den Fällen in 2021 wollten nur sechs Frauen keine Beratung.

Ich bekomme von der Polizei aber stets ein gutes Feedback, das heißt, die Frauen sind mit der Arbeit sehr zufrieden. Für die gute Zusammenarbeit mit der Polizei bin ich sehr dankbar, denn im Vordergrund steht immer, dass wir den Opfern helfen können.

Wie gehen Sie in der Regel vor?

Weiß: Ich biete immer ein persönliches Beratungsgespräch an. Nach dem Telefonat entscheiden die Frauen, ob sie das Beratungsangebot annehmen wollen. Die Kontaktformen und die Häufigkeit sind sehr unterschiedlich. Manche Opfer kommen einmalig in die Beratung. Wenn die Opfer Vertrauen gefasst haben, das kann einige Zeit dauern, sind auch mehrmalige Beratungskontakte erwünscht und möglich. Im Laufe der Beratungen kommt alles auf den Tisch. Sie erzählen, wie lange es geht, wie schlimm die Übergriffe waren, usw. Wir suchen dann gemeinsam nach Lösungswegen. Manchmal ist es für die Opfer auch wichtig, nur „einmal mit jemandem reden zu können“.

Die Sicherheit der Opfer steht immer an erster Stelle. Denn häufig wissen die Opfer nicht, welche Möglichkeiten es auch für ihren Schutz gibt. Wenn minderjährige Kinder in der Familie leben, wird das Jugendamt automatisch mit einbezogen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt an Frauen enorm hoch ist.

Haben Sie ein Schema, nach dem Sie vorgehen?

Weiß: Weiß: Ein Schema gibt es nicht. Es ist oft wie bei einem großen Puzzle. Die einzelnen Teile werden hingelegt und dann zusammengefügt. Natürlich gibt es bei den Fällen oft Parallelen. Frauen berichten, wie lieb der Mann anfangs war, dann seien oft Alkohol oder Drogen dazugekommen, Existenzängste, oftmals auch Depressionen. Viele Frauen lassen sich auch über Jahre hinweg erniedrigen und ein Abschluss dieser toxischen Beziehungen ist nur sehr schwer und mit Unterstützung möglich. Das beginnt zunächst mit verbalen Auseinandersetzungen und leider folgen dann auch häufig körperliche Übergriffe.

In welchen Bevölkerungsschichten handeln ihre Fälle?

Weiß: Allgemein heißt es immer, na ja, das seien ja meistens Migranten. Das stimmt aber nicht. Bei meinen 71 Fällen hatten nur 25 Opfer einen Migrationshintergrund. Die Altersstruktur ist auch interessant. Hier gibt es keine genaue Gruppe. Mein ältestes Opfer war über 70. Der Schwerpunkt liegt bei 22 bis 50 jährigen.

Und Übergriffe gibt es auch in besten Familien?

Weiß: Ja, in wohlhabenden und sehr guten Familien, wo man es niemals glauben würde. Das ist oft der Grund, warum sich die Frauen oft nicht nach außen wagen. Oftmals gibt es ja Frauen, die nicht arbeiten müssen, weil der Mann genügend verdient. Wenn ich zu der Frau sage, sie könne ins Frauenhaus, bedeutet das aber, dass es Einschränkungen in ihrem Lebensstil geben wird. Darum entscheiden sich dann manche Frauen auch gegen diesen Weg.

Wie äußerst sich das?

Weiß: Wenn ich mein Leben lang immer wieder gesagt bekomme, „du kannst nichts“ und „du bist nichts“, ist das schon schlimm. Manche Frauen werden komplett überwacht, dürfen keine Familienmitglieder treffen, keine Freundinnen oder Freunde usw. Die Opfer werden erniedrigt mit Worten, die ich nicht nennen will. Das ist schon sehr schwierig.

Gibt es eine Statistik, wie lange sich Frauen in einer Gewaltspirale bewegen bis sie sich befreien können?

Weiß: Ja, die liegt vor. Es sind sieben Jahre. In dieser Zeit befinden sich die Frauen in der Gewaltspirale, die es dann heißt zu unterbrechen. In dieser Zeit kommt es immer wieder zu Übergriffen, aber dann ist der Mann doch „wieder lieb“ und verspricht irgendwelche Dinge/Veränderungen und die Frauen schaffen es nicht, sich zu trennen.

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