Außergewöhnliche Einrichtung in privater Trägerschaft

Zufluchtsort in Unterwössen: Kinder geraten in Zeiten von Corona verstärkt in Not

Ulrike Duda sucht momentan ein zweites Haus für ihre Inobhutnahmestelle. Hinter diesem sperrigen Wort verbirgt sich ein Zufluchtsort für Kinder, wo sie Ruhe, Wärme und Sicherheit finden.
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Ulrike Duda sucht momentan ein zweites Haus für ihre Inobhutnahmestelle. Hinter diesem sperrigen Wort verbirgt sich ein Zufluchtsort für Kinder, wo sie Ruhe, Wärme und Sicherheit finden.
  • Tanja Weichold
    vonTanja Weichold
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Für Kinder und Jugendliche in akuter Notlage gibt es in der Litzelau einen Zufluchtsort: die „Inobhutnahmestelle“ von Ulrike Duda. Sie betreibt seit fünf Jahren mit viel Herzblut in privater Trägerschaft eine Einrichtung, die das Traunsteiner Jugendamt als „wahrscheinlich ziemlich einzigartig in Bayern“ und als „wertvoll“ und „enorm wichtig“ bezeichnet.

Unterwössen – Die soziale Sprengkraft durch die Coronakrise in den Haushalten spürt auch Ulrike Duda. Ihre Inobhutnahmstelle für Kinder platzt aus allen Nähten, sie ist auf der Suche nach einem zweiten. Die Schicksale spielen sich hinter privaten Wohnungstüren ab: Gewalt, Verwahrlosung, Drogen, Alkohol, nackte Hilflosigkeit und Überforderung.

Wenn das Jugendamt Kinder als allerletzte drastische Maßnahme von ihren Eltern wegholt, um sie in Dudas Zufluchtsort oder bei Pflegeeltern unterzubringen, dann ist die Situation brenzlig und das Kindeswohl in Gefahr, wie es im Amtsdeutsch heißt. Die gesetzlichen Vorgaben sind im Sozialgesetzbuch definiert.

Ulrike Duda gründete vor fünf Jahren die Inobhutnahmestelle in Litzelau und ist für das Jugendamt Traunstein ein wertvoller Partner.

Familien quer durch soziale Schichten betroffen

Derartige Probleme tauchen quer durch die sozialen Schichten auf, berichtet Duda im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Die ausgebildete Erzieherin und vierfache Mutter betreut seit 20 Jahren Pflegekinder. Als im Jahr 2015 auch noch die Flüchtlingswelle mit vielen unbegleiteten Minderjährigen einsetzte, habe sie den Entschluss gefasst, die ehemalige Kegelbahn auf ihrem Campingplatz umzubauen und eine Inobhutnahmestelle zu gründen.

Erste Hilfe in Notsituationen

Seitdem haben dort etwa 300 Kinder und Jugendliche zwischen ein und 16 Jahren eine vorübergehende Zuflucht gefunden, erzählt sie. Die Kinder kommen vorwiegend aus dem Landkreis Traunstein, aber auch aus dem Berchtesgadener Land, Altötting, Mühldorf und Rosenheim, teilweise sogar aus ganz Deutschland.

Die Inobhutnahme vergleicht sie mit einer Erste-Hilfe-Maßnahme oder der „Feuerwehr“. Entweder melden sich die Polizei oder das Jugendamt bei ihr. Manchmal holen Kinder auch selbst Hilfe bei Nachbarn, in der Schule oder sie laufen von Zuhause davon, wenn die Situation für sie unerträglich geworden ist.

Kinder werden rund um die Uhr betreut

Zehn Fachkräfte und zwei Therapeuten sind in der Litzelau beschäftigt, die Betreuung der Kinder ist rund um die Uhr gewährleistet. Duda spricht von einem engagierten Team, auf das sie sehr stolz sei. Großes Lob erhält auch die Schule in Unterwössen: „Sie leistet Enormes, wenn Kinder mitten ins Geschehen kommen.“

Bei ihrer Ankunft werden zuerst die Grundbedürfnisse der Schützlinge versorgt und sie sollen an- und zur Ruhe kommen. „Da fragen wir auch erst einmal gar nicht viel“, so Duda. „Die Kinder kommen aus einer Krisensituation, die Ruhephase selbst besteht dann auch aus ganze vielen Krisen“, beschreibt sie. „Wir versuchen so viel Normalität wie möglich im Alltag zu schaffen.“

Situation klären und Perspektive schaffen

Der Aufenthalt in der Inobhutnahmestelle sei in der Regel für bis zu drei Monate vorgesehen. Die Situation werde geklärt und die weiteren Perspektiven für das Kind abgewogen.

Den Kinderspielplatz finanzierten Spender im vergangenen Jahr, worüber sich Ulrike Duda – hier mit Berner-Sennen-Hündin Amalie – und die Kinder sehr freuten.

„Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, dass der nächste Platz für das Kind der letzte sein soll, an dem sie groß werden können“, sagt Duda. Manche Kinder können zu ihren Eltern zurückkehren, andere zu Verwandten, in Pflegefamilien oder eine Einrichtung mit langfristiger Wohngruppe. „Wir haben ein gutes Netzwerk“, so Duda.

Geregelter und sicherer Alltag

Der Alltag der Gruppe in der Litzelau sei strukturiert und familienähnlich, schildert die Erzieherin weiter. Samstags treffen die Kinder ihre Eltern.

Die Corona-Zeit mit all ihren Beschränkungen führten erfahrungsgemäß dazu, dass sich Probleme in Familien verstärken oder überhaupt zutage treten. Hinzu käme, dass die jungen Menschen ihren natürlichen Drang nach Freunden, Weggehen und selbst nach Schule nicht leben können. „Wenn die Familie daheim in einer kleinen Wohnung sitzt, der Vater vielleicht arbeitslos geworden ist und trinkt, dann nehmen Schwierigkeiten ihren Lauf.“

Aufteilung in Altersgruppen wäre mit einem zweiten Haus möglich

Ulrike Duda möchte ihr „Herzensprojekt“ ausbauen und sucht ein zweites Haus im Achental beziehungsweise im Chiemgau – idealerweise eine ehemalige Gaststätte oder Pension mit zehn Zimmern. „Die Spanne der Kinder ist einfach zu groß“, argumentiert sie. Mit einem zweiten Haus könnte sie die Kinder in zwei Altersgruppen aufteilen.

38 Kinder aus Familien geholt

Für die Inobhutnahme von gefährdeten Kindern und Jugendlichen gibt es im Landkreis Traunstein die Einrichtung mit neun Einzelzimmern von Ulrike Duda in Unterwössen sowie vier Bereitschaftspflegefamilien, wie das Jugendamt auf Anfrage mitteilt. Ergänzend nähmen vier stationäre Einrichtungen Kinder auf. Im vergangenen Jahr seien 38 Kinder im Landkreis Traunstein aus 32 Familien in Obhut genommen worden. Insgesamt waren 89 Kinder in einer Pflegefamilie und 101 in einer stationären Einrichtung untergebracht.

Spenden und Unterstützung

Trägerin Ulrike Duda von der Inobhutnahmestelle in Unterwössen freut sich über gut erhaltene Spielzeug- und Kleiderspenden für ihre Schützlinge. Die Kinder und Jugendlichen kämen oft ohne irgendeinen Besitz bei ihr an, wenn sie das Haus wieder verließen, gebe sie ihnen Sachen mit. Wer Zusatzangebote im kulturellen, musischen und sportlichen Bereich finanziell unterstützen möchte, kann dies über den Förderverein tun. Der informiert im Internet unter www.litzelau-ev.de.

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