Interview mit Christine Böhm

Chiemgau-Orchester möchte endlich Konzert geben: „Alles machbar, wenn wir spielen dürften“

Vor dem harten Lockdown übte das Chiemgau-Orchester unter Hygieneauflagen im Trachtenheim am Sportpark in der Hoffnung, dass bald endlich wieder ein Konzert stattfinden kann.
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Vor dem harten Lockdown übte das Chiemgau-Orchester unter Hygieneauflagen im Trachtenheim am Sportpark in der Hoffnung, dass bald endlich wieder ein Konzert stattfinden kann.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Seit fast zehn Monaten wartet Chiemgau-Orchesters aus Prien darauf, vor Publikum spielen zu dürfen. Bei dem Laien-Orchester kam zum Corona-Auftrittsverbot die verzögerte Fertigstellung des König Ludwig Saals hinzu. Deshalb musste Vorsitzende Christine Böhm das Herbstkonzert verlegen, dann verschieben und am Ende absagen.

Wie groß ist die Enttäuschung in Ihren Reihen?

Christine Böhm: Die Enttäuschung ist schon sehr groß. Wir haben uns ja sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie wir – trotz der vorgegebenen Hygienevorschriften – ein klassisches Konzert in Orchestergröße veranstalten können. Wir haben die Besetzung verkleinert, die Bühne genau vermessen, wollten sogar eine Vorbühne aufbauen. Auch die Zuschauerzahl wurde genau berechnet. Plakate und Flyer waren schon gedruckt, zahlreiche Karten verkauft und viele Überstunden absolviert, leider alles umsonst.

Christine Böhm, Vorsitzende des Chiemgau-Orchesters aus Prien

Wie umfangreich war die Probenarbeit im Vorfeld der Termine, die dann abgesagt werden mussten?

Das Hygienekonzept „Kulturelle Veranstaltungen und Proben“ wurde erst am 2. Juli veröffentlicht. Vorher konnten wir also gar nicht proben. Unsere letzte Probe vor dem ersten Lockdown war am 13. März.

Für das jetzt endgültig abgesagte Herbstkonzert begannen wir Anfang September mit den wöchentlichen Proben. Das Konzert war für den 15. November geplant, am 1. November kam das Aus. Wir waren eigentlich „aufführungsbereit“. Es ging nur noch um den letzten Schliff und Details, die mit dem Solisten Christoph Declara geklärt werden mussten.

Wie oft mussten Sie wegen kurzfristiger Lockdowns, Shutdowns und anderer Vorgaben Ihre Pläne wieder über den Haufen werfen?

Leider sehr oft. Wir hatten ja im Mai ein Konzert geplant, von dem lange nicht klar war, ob es stattfinden konnte oder nicht. Der erste Lockdown wurde ja immer wieder kurzfristig verlängert.

Schließlich hofften wir auf den Juni, dann mussten wir doch ganz absagen.

Beim Herbstkonzert lief es ähnlich. Dem Lockdown ging ja erstmal, durch die kurzfristig eingeführte rote Corona-Ampel, eine drastische Reduzierung der erlaubten Zuschauerzahlen voraus. Da mussten wir dann schon mit spitzem Bleistift kalkulieren, ob das Konzert finanziell überhaupt noch realisierbar ist.

Kurz darauf kam dann der zweite Lockdown mit immer wieder neuen Verlängerungen. Schließlich war klar, dass auch der Verschiebetermin 3. Januar nicht zu halten ist. Wann es jetzt weitergeht, ist leider völlig offen.

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Wie schafft man es, die Musiker trotz aller Widrigkeiten bei Laune zu halten?

Gute Frage. Ich muss ehrlich sagen, ich bin überrascht, wie motiviert unsere Musiker sind. In einem „normalen“ Jahr ist die Bereitschaft, jede Woche an der Probe teilzunehmen, bei dem ein oder anderen nicht immer sehr ausgeprägt. Das war diesmal anders. Bei den Proben, die wir bis zum zweiten Lockdown durchführen konnten, hat so gut wie nie jemand gefehlt. Vielleicht lag es ja an den mangelnden Alternativen. Ich hoffe aber sehr, dass die Motivation auch nach der Krise anhält (lacht).

Mussten denn die Musiker heuer besondere Hygiene-Regeln beachten, zum Beispiel die Bläser?

Ja, es gibt vom Bayerischen Gesundheitsministerium ein Hygienekonzept, an das wir uns halten müssen. Das heißt: Maskenpflicht für alle, außer am Platz, die Streicher müssen mindestens 1,5 Meter von einander entfernt sitzen, die Bläser und der Dirigent müssen sogar zwei Meter Abstand halten, Querflöten noch mehr,

Notenständer und Noten dürfen nicht gemeinsam benutzt werden, Desinfektionsmittel müssen bereitstehen, es muss regelmäßig gelüftet werden. Aber das ist alles machbar, wenn wir nur spielen dürften.

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Heuer hieß ein Gebot des Jahres „Abstand halten“. Da braucht ein großes Orchester einen noch größeren Probenraum als ohnehin schon.

Das war die größte Herausforderung vor Wiederaufnahme der Proben. Anfangs fanden wir Unterschlupf im Chiemsee Saal, aber das war natürlich keine Dauerlösung. Wir hatten sogar schon Besichtigungen und Gespräche mit Wirten und Gemeinden bis nach Wasserburg und ins Inntal.

Aber dann kam mit dem Trachtenverein Prien die rettende Lösung. Wir können dort das Trachtenheim mitbenutzen. Ein Glücksfall für uns, der Raum ist ideal: Groß, gut zu lüften und mit vielen Parkplätzen vor der Tür. „Prien hoid zam“, das kann ich wirklich nur dick unterstreichen.

Gemeinsame Proben sind gerade gar nicht mehr möglich, das Orchester möchte aber baldmöglichst auftreten. Wie können sich die Musiker darauf vorbereiten?

Aktuell probt jeder alleine zu Hause. Wir haben die Stücke ja schon vorbereitet und durchgesprochen. Sobald wieder Musikunterricht möglich ist, werden die vier Musiklehrer, die das Orchester unter Vertrag hat, zuerst mit einzelnen Gruppen arbeiten. Aber wir hoffen natürlich, dass wir bald wieder gemeinsam proben können.

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Seit seiner Gründung 1963 gibt das Chiemgau Orchester seine Konzerte im König Ludwig Saal, der damals noch großer Kursaal hieß. Er wird nach einem Umbau bald wieder zur Verfügung stehen. Haben Sie sich für das erste Konzert dort nach langer Pause etwas Besonderes ausgedacht?

Eigentlich würden wir gerne im Februar wenigstens ein kleines corona-konformes Konzert aufführen, nur um den Saal schon mal zu bespielen und wenigstens ein bisschen Live-Kultur zu bieten. Aber ob das möglich ist, steht aktuell noch in den Sternen.

Im Mai planen wir dann ein Konzert in großer Besetzung mit der Fünften Sinfonie von Ludwig van Beethoven – der Schicksalssinfonie – und dem Violinkonzert von Johannes Brahms. Als Solisten konnten wir den Rosenheimer Violinisten Thomas Reif gewinnen, der ja zwischenzeitlich Konzertmeister beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist. Da freu ich mich schon sehr darauf. Das ist sicherlich ein würdiges Eröffnungskonzert für „unseren“ Saal. Und ich denke auch, dass das klappt. Es ist ja Licht am Ende des Tunnels zu erkennen.

Das Chiemgau-Orchester gibt es seit 1963. Es besteht aus 60 aktiven Musikern. Sie üben in der Regel außerhalb der Ferien jede Woche einmal, also im Jahr circa 35-mal. Zwei- bis dreimal im Jahr gibt das Orchester große sinfonische Konzerte.

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