Chiemseer Tafel: Armut mitten in Prien – viele Kinder betroffen

Blick in den Ausgaberaum der Chiemseer Tafel im Gebäude der Alten Post am Priener Bahnhof. Corona bedingt erfolgt die Warenausgabe übers Fenster (rechts). B
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Blick in den Ausgaberaum der Chiemseer Tafel im Gebäude der Alten Post am Priener Bahnhof. Corona bedingt erfolgt die Warenausgabe übers Fenster (rechts). B

Hohe Mieten steigern das Armutsrisiko: Die Chiemseer Tafel der Caritas in Prien beliefert 170 Haushalte mit Lebensmittel. Betroffen von Armut sind auch 91 Kinder. Die Marktgemeinde unterstützt das Projekt erneut mit einem Zuschuss.

Von Elisabeth Sennhenn

Prien/Chiemsee – Armut mitten im schönen Chiemgau, da, wo andere Urlaub machen: Das ist kein Geheimnis. Und doch ist es immer wieder erschreckend, mit Zahlen konfrontiert zu sein, wie jüngst in der Chiemseer Gemeinderatssitzung, als es um einen Zuschuss in Höhe von 100 Euro für die Tafel der Caritas in Prien ging. Den das Gremium einstimmig billigte. Die Tafel verteilt derzeit Lebensmittel an 170 Haushalte, zu diesen gehören aktuell auch 91 Kinder. Kunden der Tafel sind Menschen jedes Alters und Geschlechts, die offiziell als arm gelten. Darunter sind Arbeitslose, Geringverdiener, Rentner, Alleinerziehende und Migranten.

Hohe Mieten steigern das Armutsrisiko

Wie der Landesverband der bayerischen Tafeln erläutert, liegt die finanzielle Schwelle, ab der man in Deutschland als armutsgefährdet gilt, bei 1074 Euro pro Monat für einen Ein-Personen-Haushalt und bei 2256 Euro für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zwischen 14 und 18 Jahren.

Zwar liegt das durchschnittliche Bruttogehalt in Bayern laut Statistischem Landesamt bei 4242 Euro. Doch, so die Statistiker weiter, gibt es auch in Bayern beim Einkommen hohe Schwankungen –  ein Angestellter in der Gastronomie beispielsweise verdient im Schnitt nur 2612 Euro brutto. So ist angesichts der lokalen Mietpreise die finanzielle Armutsgrenze schnell erreicht.

Das bestätigt Susanne Blöchinger von der Chiemseer Tafel. „Zu uns kommen seit ein paar Jahren vermehrt Menschen, die verhältnismäßig gut verdienen“, beobachtet sie, „aber nach Abzug der Miete bleibt für sie kaum noch was zum Leben übrig.“ Den kompletten Bedarf an Lebensmittel könne die Tafel freilich nicht decken, aber Brot, Obst, Gemüse, Milchprodukte wie Joghurt und Käse, das bekämen die Kunden normalerweise dort. Doch normal sei im Moment gar nichts: „Corona hat uns ganz große Schwierigkeiten bereitet“, sagt Blöchinger, und dass sie sich deshalb fürchte vor der „zweiten Welle“. Denn zeitweise sei es zuletzt kaum möglich gewesen, an Lebensmittelspenden – die von Supermärkten, aber auch von Bäckereien und von Privatpersonen stammen – zu kommen: „Dann waren leider nur zwei von insgesamt sieben Kühlschränken gefüllt. Vor allem Obst und Gemüse waren knapp.“

Die Marktgemeinde Prien habe dann großzügig und unbürokratisch 10 000 Euro zur Verfügung gestellt, „damit konnten wir Lebensmittelgutscheine im Wert von zehn Euro ausgeben.“ Nie sei es aber zu der Situation gekommen, dass Tafel-Kunden leer ausgegangen seien: „Wir klügeln genau aus, wie viele Lebensmittel wir haben und teilen sie fair unter den Kunden auf.“

Ehrenamtliche Helfer dringend gesucht

Blöchinger vermutet, dass eigentlich noch viel mehr Menschen als die 170 Chiemgauer Haushalte, die offiziell einen Tafelausweis besitzen, zum Kundenkreis zählen könnten. „Viele Menschen kommen aber nicht zu uns, entweder, weil sie nicht wissen, ob sie zu den Berechtigten gehören“, meint sie. Das lasse sich anhand einer Gehaltsprüfung aber schnell herausfinden. „Zum anderen möchten viele nicht, dass man sie vor der Tafel warten sieht.“ Aus Scham. Manche Personen kommen aus weiter entfernten Gemeinden extra nach Prien, obwohl sie auch zur Tafel in Rosenheim, Marquartstein oder Traunstein gehen könnten, nur damit sie nicht zufällig einen Bekannten aus dem eigenen Ort treffen. „Manche verheimlichen es auch vor ihren Kindern.“

Bei der Priener Tafel, die von der Caritas betrieben wird, brauche man sich aber für nichts zu rechtfertigen. Da Blöchinger zugleich die Soziale Beratung führt, bekommt sie von so manchem Tafelkunden mit, wo der Schuh noch drückt: Sei es die kaputte Waschmaschine, der teure Umzug oder ein Kinderbett, das ersetzt werden muss: „Dann kann ich oft helfen und eine Caritas-Spende zur Verfügung stellen, das ist extra jetzt in der Corona-Krise so eingerichtet worden, um unbürokratisch zu helfen.“

Nur noch 20 Helfer in Prien aktiv

Sorgen macht Blöchinger, dass in Prien von den ursprünglich 60 ehrenamtlichen Helfern wegen Corona nur noch 20 aktiv im Dienst sind. „Zeitweise waren wir sogar nur zu viert.“ Mitarbeiter und Kunden werden geschützt und strenge Hygieneregeln eingehalten, versichert sie.

Wer das Team der Chiemseer Tafel unterstützen wolle, könne sich bei ihr unter Telefon 0 80 51 /13 23 melden.

„Aus Scham kommen viele nicht zu unsl“, bedauert Susanne Blöchinger von der Chiemseer Tafel.

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