Am Chiemsee wird der Kampf gegen die Mückenplage zum Wettlauf gegen die Uhr

  • Dirk Breitfuß
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Wenn der Chiemsee über die Ufer tritt, setzt das Hochwasser einen Prozess in Gang, der Urlauber und Einheimische nervt. In den Überschwemmungsgebieten entwickeln sich Milliarden von Stechmücken. Ein spezielles Eiweiß kann das verhindern. Ein Hubschrauber hat es am Montag rund um den Chiemsee verteilt.

Vor dem Augen vieler schaulustiger Camper hebt der Helikopter auf dem Sportplatz des Campingsplatzes in Übersee-Rödlgries ab. Der Bti-Bottich hängt an Seilen und ist per Hydraulikschlauch mit dem Cockpit verbundenBerger.

Chiemsee – Der Kampf gegen eine drohende Mückenplage ist ein Wettlauf mit der Zeit. Der steigende Chiemseepegel hat seit Dienstag vergangener Wochen viele Hektar unter Wasser gesetzt. Die Stechmücken brauchen bei dieser Hitze vier bis sieben Tage, bis aus dem Ei ein fertiges Insekt wird.

Deshalb hat eine Spezialfirma vom Oberrhein am Montag zum ersten Mal seit 2015 das Eiweißpräparat Bti auf den Überschwemmungsflächen verteilt. Es tötet die Larven der Stechmücken.

Die Zeit drängte für den Einsatz

„Morgen wäre es zu spät“, sagte am Montag früh Biologe Dirk Reichle am Campingplatz Rödlgries in Übersee-Feldwies. Dort startete die Firma Icybac vom Rhein die Mückenbekämpfung. Die Landung des Hubschraubers kurz vor 8 Uhr lockte viele Urlauberfamilien vom Campingplatz auf die Wiese, wo der Helikopter vom Typ Hiller UH12E/T am Vormittag immer wieder Bti-Nachschub holte.

Der Bacillus thuringiensis israelensis ist ein Eiweißpräparat, dass den Darm der Stechmückenlarven zersetzt, sodass die Larven verhungern.

Mitarbeiter der Gemeindebauhöfe aus Chieming und Übersee helfen beim Füllen des Bti-Bottichs.

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Anti-Mücken-Mittel ist umstritten

Das Mittel ist bei Naturschützern nicht unumstritten. Die Biologen von Icybac und ihres Dachverbands, des Vereins KABS (Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage) versichern aber, dass nur die Stechmückenlarven absterben. Biologe Olav Witte von KABS erinnerte in Übersee an eine Untersuchung aus den späten 1990er Jahren, als die Mückenbekämpfung am Chiemsee erstmals durchgeführt wurde.

Professor Dr. Otto Siebeck, damaliger Leiter der limnologischen Forschungsstation Seeon, einer Außenstelle der Technischen Universität München, habe damals die Wirkung von Bti bei 40 verschiedenen Organismen untersucht. Und nur bei Stechmücken habe es eine signifikante Auswirkung gegeben.

Kühllaster mit 13 Tonnen Bti rollt an

13 Tonnen gefrorenes Bti hatte der Kühlaster geladen, der in der Nacht auf Montag an den Chiemsee rollte. Aus einem Spezialbehälter, der unter dem Hubschrauber hängt und vom Piloten hydraulisch bedient werden kann, wird das Bti über den Überschwemmungsflächen verteilt.

Von Thomas Förner, dem 45-jährigen Piloten, erfordert dieser Einsatz viel Fingerspitzengefühl. Etwa 40-mal stieg er am Montag auf – am Vormittag von Feldwies zur südlichen und östliche Seeseite, am Nachmittag von Rimsting-Westernach zu den übrigen Bereichen.

Hubschrauber-Pilot Thomas Förner fliegt seit 13 Jahren Anti-Müciken-Einsätze.Berger.

Schnelle Kurven zu fliegen

Förner musste schnelle Kurven fliegen, um alle überschwemmten Wiesen und Schilfbereiche in Ufernähe zu treffen. Und der erfahrene Pilot, der seit 13 Jahren für die KABS am Steuerknüppel des Anti-Mücken-Helikopters sitzt, muss die flexible Öffnung des Bti-Bottichs genau steuern. Es darf nämlich nicht überall die gleiche Menge ausgebracht werden. Das Bti ist in Eiswürfel verpackt, die im warmen Wasser in Ufernähe oder auf Wiesen schnell schmelzen.

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Kurz kam am Montagmorgen Hektik auf. Als die Eisklumpen aus dem Kühllaster geschreddert werden sollten, um sie für den Einsatz zu zerkleinern, streikte der Stromgenerator auf dem Hänger des Kühl-Lkw. Erst mit einem eilig herbeigerufenen Generator von einem Fahrzeug der Überseer Feuerwehr gelang es, die Anlage wieder in Gang zu setzen. Deshalb startet der Einsatz mit einer knappen halben Stunde Verspätung.

Bei Seeon-Seebruck gar nicht im Einsatz

Der aktuelle Genehmigungsbescheid der Regierung von Oberbayern enthält viele Vorgaben. So darf Bti in der Kernzone des Naturschutzgebiets am Delta der Tiroler Ache zwischen Übersee und Grabenstätt gar nicht verwendet werden. In anderen Gebieten, wo Orchideen wachsen oder Wiesenbrüter heimisch sind, auch nur sehr eingeschränkt.

Im Gebiet von Seeon-Seebruck war der Hubschrauber gar nicht im Einsatz. Der damalige Gemeinderat hatte sich im Frühjahr 2019 mehrheiltich aus der Solidargemeinschaft verabschiedet. Die Mückenbekämpfung finanzieren die Chiemsee-Anliegergemeinden aus dem Topf ihres gemeinsamen Abwasser- und Umweltverbands (AUV). Die Aktion am Montag dürfte nach Schätzungen wohl rund 160 000 Euro kosten, meint Biologe Dirk Reichle von KABS. Der genaue Betrag hängt davon ab, wieviel Bti am Ende genau ausgebracht wird. Die Genehmigung gilt für bis zu 620 Hektar.

Genehmigung für 620 Hektar

Nach Untersuchungen der Biologen verteilte der Hubschrauber am Montag Bti auf knapp 500 Hektar.

Dort hatten die Fachleute genug Larven entdeckt. Mindestzahlen in Schöpfproben sind eine der beiden entscheidenden Voraussetztungen für den Bti-Einsatz. Das andere Hauptkriterium ist ein Pegelstand von 1,16 Metern in Seebruck am Abfluss in die Alz. Der ist seit Dienstagmittag vergangener Woche überschritten.

Dauerregen bringt Zeitdruck

Nach dem Dauerregen vor einer Woche hatte der AUV die KABS alarmiert, die ihre Biologen an den steigenden Chiemsee schickten. Bei Schöpfproben am Freitag fanden die Fachleute Reichle zufolge je nach Ort zwischen 50 und 1000 Stechmückenlarven. Am Wochenende gab der AUV grünes Licht für die Aktion.

Biologe Reichle ist zuversichtlich, dass der Einsatz Wirkung zeigen und eine Plage verhindern wird. „Die meisten Larven sind am Donnerstag aus den Eiern geschlüpft. Wir sind noch rechtzeitig dran.“

„Lebenswichtig für Tourismus“

Christina Pafffinger, Geschäftsführerin des Chiemsee Alpenland Tourismus (CAT) im Landkreis Rosenheim., spricht wohl den meisten aus der regionalen Tourismusbranche aus der Seele: „Wir sind dankbar, dass die Chiemsee-Gemeinden diese Aktion durchführen – gerade in diesem Corona-Jahr wo die Leistungsträger aus der Tourismusbranche die Hauptleidtragenden des Lockdowns waren. Das ist für die Branche lebenswichtig.“

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