In Prien im Hafen dreht sich ein 38 Meter hohes Riesenrad - fahren Sie im Video eine Runde!

Direkt am Chiemseeufer dreht sich jetzt ein 38 Meter hohes Riesenrad. Berger
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Direkt am Chiemseeufer dreht sich jetzt ein 38 Meter hohes Riesenrad. Berger
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Für Ausflügler am Chiemsee ist es eine neue Attraktion. Für die Eigentümer ist es der Kampf um die Existenz. Im Hafen in Prien-Stock dreht sich ab sofort tagsüber ein fast 40 Meter hohes Riesenrad. Die Chiemsee-Schifffahrt hat den Schaustellern einen Platz zur Verfügung gestellt.

Viele Passanten reckten am Dienstag und Mittwoch ungläubig die Hälse. Wo sonst die Dampfer der Chiemsee-Schifffahrt und die alte Chiemseebahn als Foto-Models herhalten, hat ihnen ein 100 Tonnen schweres, kreisförmiges Stahlgerüst den Rang abgelaufen. Von Donnerstag, 18. Juni, an wird sich der Koloss mit den 26 Gondeln drehen. Die Gondeln wiederum sind an Bord per Hand drehbar, so dass jeder Passagier sich in die richtige Position für die beste Aussicht aufs Bayerische Meer bringen kann.

Erwachsene zahlen fünf Euro, Kinder vier Euro

Für fünf Euro können Erwachsene die etwa fünf Minuten lange Fahrt genießen, für vier Euro die Kinder. Bis zu 150 Personen gleichzeitig fasst das Riesenrad, aber Ludwig und Maik Landwermann, Schaustellerbrüder aus Niedersachsen, wollen die Kapazität am Anfang nicht ausreizen. Nur, wenn Familien zusammen eine Runde drehen wollen, sollen die Gondeln komplett besetzt werden. Als Besonderheit bietet das Riesenrad auch eine rollstuhlgerechte Gondel.

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Was für die Passagiere in den nächsten Wochen das pure Vergnügen sein kann, ist für die Betreiber der pure Existenzkampf. Am 30. Dezember 2019 haben sie auf dem Weihnachtsmarkt in Magedeburg mit dem Rad, das nun am Chiemsee steht, zum letzten Mal Geld eingenommen, erzählt Ludwig Landwermann im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Drei Wochen, bevor nach der Winterpause das erste Volksfest in Würzburg starten sollte, kam der Corona-Lockdown, für Schausteller quasi ein Berufsverbot.

Ludwig Landwermann bringt die Gondeln seines Riesenrads in Position.

Die Landwermann Brüder entstammen einer traditionsreichen Schaustellerdynastie, die schon in fünfter Generation Fahrgeschäfte und andere Betriebe auf Volksfesten betreibt. Die Brüder haben zwei baugleiche Riesenräder, das zweite wird gerade am Titisee im Schwarzwald aufgebaut. Dort waren die Landwermanns schon öfter zu Gast.

Beid er Chiemsee-Schifffahrt offene Türen eingerannt

So entstand auch die Idee, am Chiemsee anzuklopfen und bei Michael Feßler, Gesellschafter der Chiemsee-Schifffahrt, rannten sie offene Türen ein. Er stellte sofort einen Platz zwischen Werft und Schiffshallen im Hafengelände zur Verfügung. Vier Wochen lang wollen die Betreiber testen, wie das Geschäft am Chiemsee läuft. Wenn genug Gäste kommen, könnte das Riesenrad auch bis in den September stehen bleiben, sagt Ludwig Landwermann.

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Am Dienstag Morgen sind die drei Sattelauflieger mit den Riesenradteilen am Chiemsee angekommen. Nicht einmal zwölf Stunden später war der Koloss so gut wie fertig aufgebaut und bereit für die Abnahme durch den TÜV und die Bauaufsicht des Landratsamtes am Mittwoch. Die drei Tieflader bilden parallel zueinander geparkt gleichzeitig das Fundament für das Riesenrad.

Corona-Soforthilfe hilft den Schaustellern nicht

Ein Dutzend Mitarbeiter setzte das Zwei-Millionen-Euro-Fahrgeschäft routiniert zusammen. Eigentlich machen die Mitarbeiter das 20-mal im Jahr. Heuer waren sie schon monatelang in Kurzarbeit.

Im Gespräch mit Ludwig Landwermann ist die Wut und Enttäuschung über die Situation der Schausteller fast in jedem Satz herauszuhören. Soforthilfe hätte ihr Betrieb schon bekommen, aber: „Das ist so, als wenn Sie mit dem Strohhalm aus dem Chiemsee trinken“, umschreibt er, ohne Zahlen zu nennen.

10.000 LED-Lämpchen bringen das Riesenrad zum Leuchten

Die Landwermanns, die ihre Riesenräder sonst im Hamburger Hafen, auf dem Porsche-Betriebsgelände oder auf unzähligen Volksfesten betreiben, waren monatelang zur Untätigkeit verdammt. Sein Vater habe geweint, als zuhause das Scheunentor hinter den Sattelschleppern zugegangen sein, erinnert sich Landwermann. Er und seine Familie hätten seit Januar von den finanziellen Reserven gezehrt. Jetzt müssen dringend wieder Einnahmen her.

Ein paar hundert Passagiere am Tag sollten es in den nächsten Wochen schon sein, denn der Betrieb ist nicht ganz billig. Allein die imposante Beleuchtung mit über 10.000 LEDs kostet laut Landwermann etwa 400 Euro Strom in der Woche. „Wir sind froh, dass die Familie Feßler uns die Chance hier gibt“, sind die Schausteller dankbar für den exponierten Platz direkt am Chiemseeeufer. Sie hoffen, dass sie damit über die nächsten Monate kommen, denn „sonst kann alles, was über Generationen aufgebaut worden ist, einfach weg sein“.

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