Umstrittener Einsatz von BTI

Chiemsee: Landesbund Vogelschutz fordert Alternativen zur Stechmückenbekämpfung

Mit BTI-Eiskugeln auf Stechmückenjagd: Bei der Hubschrauberaktion am Chiemsee wird in Übersee-Felden der BTI-Bottich beladen.
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Mitte August hatte eine Spezialfirma im Auftrag dews AUV Chiemsee vom Überseer Campingplatz aus Bti in den überschwemmten Gebieten rund um den Chiemsee verteilt, um eine Stechmückenplage zu verhindern. Unser Bild zeigt, wie das in Eiswürfel verpackte Bti in den Spezialbehälter gefüllt wird, der unter einem Hubschrauber hängt und von dort dosiert geöffnet werden kann.

Um eine starke Verbreitung von Stechmücken am Chiemsee zu verhindern, wurde diesen Sommer erneut rund um den See das umstrittene Schädlingsbekämpfungsmittel BTI großflächig ausgebracht, teilweise auch in Schutzgebieten. Der Landesbund Vogelschutz ist gegen die Fortsetzung.

Chiemsee/Hilpoltstein – Der Abwasser- und Umweltverband (AUV) Chiemsee hat nun die Verlängerung der naturschutzfachlichen Befreiung, also der Genehmigung zur Stechmückenbekämpfung mit BTI bei der Regierung beantragt. Unter dem Dach des AUV beteiligen sich neun der zehn Anliegergemeinden des Bayerischen Meeres an den Kosten der Aktion. Heuer waren es rund 300.000 Euro. Nur Seeon-Seebruck war 2019 durch einen Mehrheitsbeschluss des damaligen Gemeinderats aus der Mückenbekämpfung ausgestiegen.

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat sich in einer Presseerklärung dagegen ausgesprochen. „Das Problem dieser Art der Bekämpfung: Neben Stechmücken werden auch andere Insektenarten wie Zuckmücken getötet, was Studienergebnisse der Universität Landau zeigten; so der LBV.

Bti soll nur die Larven der Stechmücken abtöten

Der AUV und Mitarbeiter der Firma Icybac, die im Auftrag des Verbands das Bti ausbringt, haben seit Beginn der Bekämpfung Ende der 1990er Jahre immer wieder betont, dass Bti nur die Larven der Stechmücken abtötet.

„Mücken und anderen Insekten sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele Fisch-, Vogel- und Fledermausarten. Um die Artenvielfalt in den Schutzgebieten um den Chiemsee nicht zu gefährden, lehnt der LBV deshalb den weiteren flächenhaften Einsatz von Bti strikt ab“, so LBV-Geschäftsführer Helmut Beran.

Seit über 20 Jahren im Einsatz

Nachdem Bti seit über 20 Jahren am Chiemsee ausgebracht wird, mangele es immer noch an Untersuchungen über die Auswirkungen des Schädlingsbekämpfungsmittels auf die Tierarten, die sich von Insekten ernähren.

Besonders Stechmückenarten, die sich während Überschwemmungen stark entwickeln, treten laut LBV im Sommerhalbjahr massenhaft auf. Deshalb dienten sie als wichtige Nahrungsgrundlage für Arten, wie zum Beispiel Mehlschwalbe, Gelbbauchunke und Renke. Forschungsergebnisse der Universität Landau von 2016 zeigten, dass durch Bti auch andere Mückenarten, wie die Larven der nichtstechenden und harmlosen Zuckmücken, in großen Zahlen vernichtet würden.

Mückenlarven würden aber für viele junge Fische die Hauptnahrungsquelle darstellen. „Für den LBV ist der beantragte, weitere Einsatz von Bti in den betroffenen Naturschutzgebieten absolut inakzeptabel“, betont Beran.

LBV: Grundlagen für Genehmigung überarbeiten

„Aufgrund der in den letzten Jahren bekanntgewordenen Erkenntnisse über das dramatische Arten- und Insektensterben und der neu gewonnenen direkten Auswirkungen von Bti auf andere Mückenarten wie die Zuckmücke, müssen die früheren Genehmigungsgrundlagen von 2010 für die anstehende Verlängerung überarbeitet werden“, fordert auch Sabine Pröls, Leiterin der LBV-Regionalgeschäftsstelle Inn-Salzach. „Hierbei müssen neue Erkenntnisse und Gefahren für die Arten- und Insektenvielfalt berücksichtigt und Alternativen dringend geprüft werden“, so Pröls weiter. Klärende Begleitstudien zu Arten, die möglicherweise ebenfalls von einem Bti-Einsatz negativ betroffen sind, seien außerdem unersetzlich.

Mückenbekämpfung für Tourismus wichtig

„Wir verstehen das Anliegen, gegen die teilweise erheblichen Stechmückenplagen vorgehen zu wollen, vor allem in Bezug auf den Tourismus und die einheimische Bevölkerung“, so Pröls weiter. Als Alternative befürworte der LBV deshalb die ökologisch wesentlich verträglicheren CO2-basierten Mückenfallen. Diese würden vor allem an Orten aufgestellt, an denen Mücken den Menschen plagen, wie im Strandbad, im Biergarten oder auf dem Sportplatz. re/db

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