Chiemgauer Friedhöfe: Als die Pest in Chieming wütete

Ein Gräberkreis umgibt das Kirchlein St. Johann in Stöttham. Steffl
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Ein Gräberkreis umgibt das Kirchlein St. Johann in Stöttham. Steffl

Der Friedhof von Stöttham ist wunderschön gelegen. Das heutige Idyll verbirgt die traurige Entstehungsgeschichte des kleinen Friedhofs: Als der „Schwarze Tod“ nach Chieming kam.

Von Corina Steffl

Chieming– Hinter Stöttham, direkt am Waldrand, stößt man unverhofft und in totaler Alleinlage auf das Taufkirchlein St. Johann Baptist. Die heute denkmalgeschützte Kirche im spätgotischen Stil bauten die Chieminger und Stötthamer in der Mitte des 15. Jahrhunderts auf Mauerresten einer Kirche aus dem 14. Jahrhundert mitten auf einem kleinen ummauerten Friedhof. So idyllisch seine Lage ist, so traurig ist die Entstehungsgeschichte des Friedhofs, in dem es heute in unserer Reihe „Chiemgauer Friedhöfe“ geht.

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Im 14. Jahrhundert wütete in ganz Europa die Pest, etwa ein Drittel der Bevölkerung fiel dem „Schwarzen Tod“ zum Opfer. Auch der Chiemgau blieb nicht verschont. Die gesamte Bevölkerung des Dorfes Stöttham soll damals bis auf zwei Buben verstorben sein.

Zweimal unendliches Leid

Aus diesem Anlass soll auch der dortige Pestfriedhof angelegt worden sein, der heute noch als Friedhof dient. Die Menschen wussten damals zwar nicht wirklich, woher die Pest kam und was sie auslöste, doch bald war klar, dass jeder, der Kontakt mit einem Pestkranken oder einer Leiche hatte, dieselbe Krankheit bekam. Aus diesem Grund und schlichtweg auch, weil der Platz auf den Kirchhöfen für so viele Leichen auf einmal nicht ausreichte, legten die Menschen außerhalb der Ortschaften Pestfriedhöfe an. Auf diesen wurden die Pestopfer eilig und in Massengräbern beerdigt.

Nur wenige Erinnerungen

300 Jahre später während des 30-jährigen Kriegs grassierte noch einmal die Pest im Chiemgau. Viele Menschen verloren den Kampf gegen das todbringende Bakterium, das den Menschen damals wie eine unerklärliche Macht vorgekommen sein muss. Mancherorts erinnern noch steinerne Pestsäulen oder Pestkreuze an die Pandemie. Wieder diente der Friedhof um St. Johann Baptist als Begräbnisstätte für die Pesttoten. Die meisten Pestfriedhöfe wurden spätestens im 19. Jahrhundert geschlossen, in Stöttham finden aber seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder Beisetzungen auf dem Friedhof statt. Das kommt daher, weil unter den Kriegsflüchtlingen viele Evangelische waren, die die katholische Kirchengemeinde damals nicht auf dem Kirchenfriedhof begraben wollte.

Ein großer Kreis

Auffallend ist die Anordnung der Grabstätten, die in einem einzigen großen Kreis, alle jeweils mit der Kopfseite an die Friedhofsmauer geschmiegt, um die Kirche liegen. Hubert Steiner, Ortsheimatpfleger und Vorsitzender des Freundeskreises Heimathaus Chieming e.V., weiß dazu: „Die Anordnung der Gräber rührt daher, dass beim Neubau der Kirche die Einwohner jeder Ortschaft den Teil des Friedhofs ‚bekamen‘, der in ihre Richtung zeigt: die Aufhamer den Ostteil, die Oberhochstätter den Südteil und die Stötthamer den Norden.“

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Auf dem Stötthamer Friedhof ließen sich aufgrund der landschaftlich idyllischen Lage später auch viele Künstler und Honoratioren beerdigen, sagt Steiner. „Auch heute kann man sich dort, je nach den aktuellen Belegungsverhältnissen, ein Grab kaufen“. Auf dem Friedhof fanden unter anderem die Schriftstellerin Isabella Nadolny und der Unternehmer Dr. Johannes Heidenhain ihre letzte Ruhe.

Gesang der Vögel und Rauschen des Sees

Zwei mächtige Lärchen flankieren beidseitig das kleine Tor, durch das man den Friedhof betritt. Teils lugen nur Teile von Grabsteinen, Kreuzen und Grabumrandungen aus dichtem Efeu, Immergrün oder Zwergmispeln hervor. Zwei imposante sogenannte Wappengrabsteine von Baumburger Chorherren aus dem 14. und 15. Jahrhundert kann man an der südlichen Außenseite der Kirche betrachten. Sie waren vom Kloster Baumburg nach Stöttham transferiert worden, wie die Infotafeln an der Kirche besagen. Die überwiegende Zahl der um die 50 Gräber besitzt ein schmiedeeisernes Kreuz als Denkmal, aber auch Grabsteine und Holzkreuze sind zu finden. Zum Teil mit sehr persönlichen Inschriften: „Der Gesang der Vögel, das Rauschen des Chiemsees und die Stille des Waldes machen mir diesen Ort auch im Tod noch angenehm.“

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