Chiemgauer Almen als „Hotspot“ der Biodiversität

Eine Alm im Chiemgau.Der Forstverband organisiert Runde Tische mit den Kommunen, um auszuloten, ob in der Region das „Sonderprogramm Berghütten“ greifen kann. Achental Tourismus/Giesen

Almen gelten als der Grünlandtyp mit der höchsten Pflanzendiversität. Im Kreis Traunstein gibt es insgesamt 2780 Hektar Vertragsnaturschutzflächen, davon entfallen 739 Hektar auf Almen. Allein in diesem Jahr ist ihre Fläche nochmals um 80 Prozent gewachsen.

Von Christiane Giesen

Ruhpolding – „In einer Zeit, in der latentes Misstrauen gegenüber allen besteht, die etwas mit der Landwirtschaft zu tun haben, ist es umso wichtiger, Klartext zu reden und einen starken Verband hinter sich zu wissen“, erklärte Traunsteins Landrat Siegfried Walch in seiner Funktion als Vorsitzender des

Verbandes der Forstberechtigten im Chiemgau

rund 200 Verbandsmitglieder in Ruhpolding – kurz vor die Corona-Krise. Der Verband vertritt gut 800 Mitglieder, davon 550 aus dem Landkreis Traunstein, 250 aus dem Berchtesgadener Land und einige aus anderen Landkreisen.

Sonderprogramm für Berghütten

Über „Naturschutzförderung auf Almflächen“ sprachen die Biodiversitätsbeauftragte der Regierung von Oberbayern, Christiane Mayr, und Wolfgang Selbertinger von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Traunstein. „Almbauern und Naturschützer haben wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze“, so Selbertinger. Die Anzahl der Almen und Alpen sei auch dank der Förderungen weitgehend konstant, aber an den „Rändern“ gebe es Handlungsbedarf. Die Almen seien der Grünlandtyp mit der höchsten Pflanzendiversität.

Grünlandtyp mit der höchsten Pflanzendiversität.

Im Kreis Traunstein gibt es insgesamt 2780 Hektar Vertragsnaturschutzflächen, 739 Hektar auf Almen. 2020 seien 345 Hektar neue Vertragsflächen dazu gekommen, also in einem Jahr fast 80 Prozent, so Selbertinger. Die Fördersumme im Landkreis Traunstein beträgt 1,2 Millionen Euro pro Jahr, die Fördersumme für die Almen liege bei 110 785 Euro. Ziel der Staatsregierung sei die Erhöhung der Vertragsnaturschutzflächen von derzeit 100 000 Hektar auf 180 000 Hektar. Almen seien er neue „Hotspot der Biodiversität“, betonte Christiane Mayr: 42 Prozent aller in Bayern lebenden Tagfalterarten seien auf Almen beheimatet.

Forstwirtschaft im Spannungsfeld

Die Almwirtschaft habe entscheidend dazu beigetragen, dass diese Lebensräume mit ihrer Artenvielfalt entstanden sind. Da die Nutzungsbedingungen der Almwirtschaft heute andere seien und viele Almbauern nur noch im Nebenerwerb tätig seien, seien Pflegemaßnahmen zu Förderung seltener und geschützte Lebensräume von Tieren und Pflanzen notwendig geworden. Dafür gebe es auch entsprechende Fördermöglichkeiten.

Noch keine Förderung für Schafbeweidung auf Almen

Landwirte bedauern, dass die Schafbeweidung auf Almen noch nicht gefördert würde. Mayr und Selbertinger versprachen, die Vorschläge der Bauern an höherer Stelle vorzutragen. Reinhard Strobl, langjähriger staatlicher Vertreter der Forstberechtigten, verabschiedete sich mit einer kurzen Ansprache in den Ruhestand. „Die Forstwirtschaft, die immer im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Ökonomie steht, befindet sich derzeit in keiner guten Situation“, mahnte er an. Schätzungen zufolge habe es in Europa 100 Millionen Festmeter Windwurf gegeben. Er sei froh, dass die Politik die Staatsforsten nicht mit Quoten unter Druck setze, denn es brauche Zeit, mit den Problemen fertig zu werden.

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Wasser auf den Chiemgauer Almen ist in Zeiten des Klimawandels und trockener Sommer ein zentrales Thema, führte Verbandsgeschäftsführerin Maria Stöberl zu einem Sonderprogramm über. Dieses fördere den Bau kommunaler Trinkwasserleitungen und Abwasserkanäle zur Ver- und Entsorgung von bestehenden Einrichtungen wie Berghütten in Regionen auf über 1000 Metern. In der Regel müssten die jeweiligen Kommunen Träger solcher Maßnahmen sein. Liegen Almhütten auf der Trasse dieser förderfähigen Maßnahmen, könnte auch der Anschluss weiterer Einrichtungen mitgefördert werden. Der Verband organisiere „Runde Tische“ mit den Kommunen, um auszuloten, ob in der Region das „Sonderprogramm Berghütten“ greifen könne. Für die „Hemmersuppenalm“ und die Grassauer Almen sei ein solcher Runder Tisch bereits einberufen worden.

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Bei vielen Almen sei die Sanierung der Wasserversorgungen ein Riesenthema, so die Geschäftsführerin. Die alten Quellfassungen brächen häufig weg, und die Wasserquellen lägen meist in Bereichen, die naturschutzrechtlich streng geschützt seien. Daher sei für Eingriffe und Grabungen häufig eine Ausnahmegenehmigung notwendig. Es empfehle sich, die Untere Naturschutzbehörde von Anfang an mit einzubeziehen und die Neufassung von Quellen unbedingt beim zuständigen Landratsamt anzuzeigen.

Mehr Fläche steht unter Naturschutz

Für eine „almübliche“ Bewirtung auf Almen seien einwandfreies Trinkwasser, eine ordnungsgemäße Entsorgung und die Einhaltung der Hygienevorschriften grundsätzlich notwendig, so Stöberl: „Bei den vorhandenen Wasserquellen und Wasserfassungen im Almbereich können oft nur mit technischer Aufbereitung einwandfreies Trinkwasser erzeugt werden“, weiß sie aus der Praxis. Daher stehe das Gesundheitsamt beratend zur Seite.

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