Vom Chefsessel ins Moor: Grassaus Bürgermeister Stefan Kattari leitet weiter Naturführungen

Stefan Kattariam Schreibtisch im Bürgermeisterbüro des Rathauses.
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Stefan Kattariam Schreibtisch im Bürgermeisterbüro des Rathauses.

Stefan Kattari (SPD) ist wohl der einzige hauptamtliche Bürgermeister weit und breit, der fachmännisch Führungen in die Natur leitet. Der Diplombiologe lässt es sich auch nach seiner Wahl zum Gemeindeoberhaupt nicht nehmen, Gruppen in die Kendlmühlfilzen zu führen.

Von Dirk Breitfuß

Grassau – Als sich die Chiemgau-Zeitung mit ihm trifft, um nach 100 Tagen im Amt Bilanz zu ziehen, kommt er gerade aus dem Moor zurück ins Rathaus.

Dort läuft anscheinend alles bestens. Die Zusammenarbeit sei „wunderbar, alles haut super hin“, berichtet Sekretärin Renate Götze, die seit 2001 im Vorzimmer des Grassauer Gemeindeoberhauptes sitzt. Man kennt sich schon länger, schließlich ist Kattari seit Jahren Leiter desMuseums Salz und Mooran der Bundesstraße zwischen Rottau und Grassau. Diese Aufgabe ist dem Biologen eine Herzensangelegenheit, die er nun aufgeben muss. Stellvertreterin Annette Grimm hält im Museum die Stellung. Im Herbst soll die Leitung offiziell vom Marktgemeinderat neu vergeben werden.

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100 Tage nach dem Amtsantritt schaut der Schreibtisch von Kattari nach viel Arbeit aus. Es liegen zahlreiche Post-Its verstreut auf der Ablage, als ihn die Chiemgau-Zeitung besucht. Er ist längst angekommen im Amt und der Wahlabend war für ihn gar nicht der einschneidendste Moment, sondern der Zeitpunkt seiner Nominierung fast ein Jahr zuvor, weil das auch der Moment war, wo ich ab dem Folgetag in der Öffentlichkeit gestanden bin. Ab diesem Tag bin ich täglich von den Bürgerinnen und Bürgern angesprochen worden“.

Damals kannte noch niemand das Corona-Virus. Heute spüren auch Kommungen seine Folgen deutlich durch fehlende Steuereinnahmen. Als Belastung empfindet Kattari diese Situation aber nicht: „Es stellt sich eine Herausforderung und die müssen wir lösen und es ist Wurscht, wie diese Herausforderung ausschaut. Ich bin nicht angetreten, um es bequem zu haben.“

Sein Leben habe sich von Grund auf geändert. Kattari war sechs Jahre ehrenamtlicher Gemeinderat und beruflich Museumsleiter mit einer Halbtagesstelle, jetzt sei es mehr als eine Ganztagesstelle, aber „das ist auch gut so, mir taugt des ungeheuer.

Der Zeit nach Corona sieht der 38-Jährige entspannt entgegen. Als Einheimischer und Mitglied vieler Ortsvereine sei er auch in der Vergangenheit oft abends in Versammlungen oder anderen Veranstaltungen gewesen.

In manchen Gemeinden war der Machtwechsel ein tiefer Einschnitt, in Grassau nicht. Kattaris Vorgänger Rudi Jantke ist ebenfalls SPD-Politiker und die beiden sind gut befreundet. Trotz der ausführlichen Amtsübergabe ist der Neue noch im Lernprozess.: „Es gibt immer noch viele Bereiche in denen ich nicht in der Detailtiefe Auskunft geben kann wie Rudi Jantke.“

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Seinen Vorgänger nennt Kattari ebenso als politisches Vorbild wie den verstorbenen SPD-Ex-Kanzler Helmut Schmidt und Schlechings ehemaliges Gemeindeoberhaupt Fritz Irlacher, wie Kattari ausgewiesener Kenner der heimischen Flora.

Seine Naturführungen, die er seit 15 Jahren leitet, bleiben für Kattari eine Herzensangelegenheit. „Meine Überzeugung ist, dass jeder Bürger die Chance haben soll, Entwicklungen selbst einzuschätzen und das ist es, was ich versuche zu vermitteln.“

Sein Zeitmanagement folgt angesichts dieser Zusatzaufgabe einem simplen Ansatz: „Meine Arbeitszeit ist zu Ende, wenn die Arbeit erledigt ist. Ich bin dann eben länger im Büro.“ Bisher war 22 Uhr der späteste Zeitpunkt, zu dem er das Licht im Rathaus ausgemacht hat. „Ich versuche, dass ich meine Kräfte erhalten, das ist auch wichtig. Ich werde nur dann gute Arbeit für den Ort leisten, wenn ich die Möglichkeit habe, Kraft zu tanken.“

Seiner Mannschaft im Rathaus attestiert Kattari nach der Phase eines intensiven Kennenlernens sehr viele hohe fachliche, aber auch menschliche Qualitäten. Das Klima im Rathaus scheint zu passen, „und das schätze ich ungeheuer“.

Jedes Anliegen der Bürger hat seine Berechtigung

Die Erwartungshaltung der Bürger hätte der 38-Jährige im Vorfeld höher eingeschätzt. Bisher habe er noch keine Probleme gehabt, Anliegen von Bürgern bei berechtigten Gründen auch einmal negativ zu bescheiden. „Mein Anspruch ist, die Anliegen zu hören, weil ich glaube, dass jedes für sich seine Berechtigung hat. Jeder argumentiert immer aus seiner Sichtweise heraus und ich würde mir nicht anmaßen, von vornherein zu sagen, dass ein Anliegen nicht gerechtfertigt ist“, sagt Kattari.

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