Busfahrer im Landkreis Traunstein durch Scheibe geschützt – Ticketverkauf wieder möglich

Eine Scheibe aus Polycarbonat trennt den Chauffeur von den Fahrgästen.
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Eine Scheibe aus Polycarbonat trennt den Chauffeur von den Fahrgästen.
  • vonMartin Tofern
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Seit fast drei Monaten hat die Verkehrsgesellschaft Regionalverkehr Oberbayern (RVO) nach eigenen Angaben so gut wie keine Einnahmen. Der Grund: Die Vordertüren der Busse sind wegen Corona geschlossen und der Fahrerplatz ist abgetrennt. Auch der Stadtverkehr Rosenheim hat gelitten.

Traunstein/Rosenheim – Die Chauffeure konnten so keine Fahrkarten mehr verkaufen. Die Passagiere mussten hinten einsteigen und durften mitfahren, ohne zu bezahlen – ganz legal.

Auch wenn sich die Einnahmeverluste noch nicht auf einzelne Landkreise herunterbrechen lassen, „die Defizite sind enorm“, sagt Michael Schmidt, Marketingleiter der Niederlassung Ost des RVO in Traunstein. In ganz Deutschland sollen im Nahverkehr nach Angaben der Bundesregierung fünf Milliarden Euro aufgelaufen sein. „Die Lage ist dramatisch, einigen Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals“, erklärt Schmidt.

Fahrscheine in Rosenheim nur im Vorverkauf

Auch beim Stadtverkehr Rosenheim (SVR) haben die Busfahrer wochenlang kein Geld kassiert, da die Vordertüren ihrer Busse geschlossen waren. Stattdessen hat die Gesellschaft ihre Kunden auf den Vorverkauf im Ticket-Zentrum hingewiesen und darauf, Zeitkarten zu verwenden. „Wir haben auf Vertrauensbasis gearbeitet. Die überwiegende Anzahl der Fahrgäste war ehrlich, aber ein gewisser Teil hat das schamlos ausgenutzt,“ erklärt Ingmar Töppel, Geschäftsleiter beim Stadtverkehr Rosenheim. Umsteiger wurden nach seinen Angaben nicht mehr kontrolliert, Zehnerkarten sollten die Kunden selbst entwerten. Nach etwa vier Wochen sei der Anteil der Schwarzfahrer immer höher geworden. „Die meisten Fahrer haben die Vordertür dann schon wieder geöffnet, schließlich muss ihr Arbeitsplatz ja auch finanziert werden. Und schneller geht‘s auch“, so Töppel.

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Im Konjunkturpaket, auf dass sich die Bundesregierung in der vergangenen Woche geeinigt hat, sind auch Finanzspritzen für den öffentlichen Personennahverkehr in Höhe von 2,5 Milliarden Euro vorgesehen. Das Geld soll an die Landkreise fließen und die sollen es dann an die Unternehmen verteilen. „Wann das Geld beim RVO ankommt und wie viel, das kann ich noch nicht sagen“, erklärt Schmidt. „Aber endlich – nach fast drei Monaten – wurde erkannt, dass wie systemrelevant sind.“

Beim Einbau einer Abtrennung erlischt Betriebserlaubnis

Zunächst muss die Busgesellschaft aber wieder in Vorleistung gehen: Die Gesellschaft RVO hat circa 100 eigene Busse, private Unternehmen, die in ihrem Auftrag fahren, noch einmal 100 Fahrzeuge. Bei allen werden die Fahrerkabinen mit Trennscheiben ausgerüstet. Weil nach einem solchen Umbau die Betriebserlaubnis erlischt, muss jeder Bus wieder vom TÜV abgenommen werden. Allein die Abnahme kostet pro Fahrzeug 150 Euro. Dafür hat der Freistaat Bayern aber laut Schmidt einen Zuschuss in Aussicht gestellt. Bei den Bussen der Hersteller MAN und Iveco werden Trennscheiben aus Polycarbonat eingebaut, bei denen von Daimler Wände aus Glas.

Auch die Fahrzeuge des Stadtverkehrs Rosenheim sollen bald mit Trennscheiben ausgerüstet werden. Allerdings wartet die Gesellschaft noch auf eine zugelassene Version. „Das Herumexperimentieren mit Plexiglasscheiben“ werde zwar vom TÜV circa sechs Monate geduldet. Es sei aber eine Bastellösung, die so nicht dauerhaft in Betrieb bleiben könne, so Töppel. Die „Knarzgeräusche“ würden immer schlimmer und seien für den Fahrer nervtötend. „Wir brauchen eine Profilösung, wie die vom RVO“, sagt der Geschäftsleiter.

In den Bussen des RVO soll es außerdem eine Einbahnstraßen-Regelung geben: Vorn wird ein- und hinten wieder ausgestiegen. Die Fahrzeuge werden täglich gereinigt und desinfiziert. Der RVO schafft außerdem noch Einmalhandschuhe und Plexiglasvisiere für die Fahrer an. Sie dürfen ab sofort wieder Fahrkarten verkaufen. Aber wenn noch keine Trennwand in ihr Fahrzeug eingebaut ist, dann brauchen sie zumindest ein Visier.

Viele Kunden waren verunsichert: „Bei den meisten Anrufern ging es tatsächlich um die Frage, wo sie denn ein Ticket erstehen könnten“, erzählt Schmidt. Ihnen mussten er und seine Kollegen sagen, dass es keinen Ticketverkauf gibt.

Das Internet als Vertriebskanal vernachlässigt

Dabei hätte es eine aus epidemiologischer Sicht unbedenkliche Vertriebsmethode geben können: den Verkauf übers Internet. „Das haben wir in den vergangenen Jahren einfach schleifen lassen“, sagt Schmidt bedauernd. Dabei sei das Internet als Vertriebskanal doch nun wirklich nichts sensationell Neues. Mittlerweile arbeite ein Team mit Hochdruck daran, bis spätestens zum Jahresende eine digitale Lösung hinzukriegen, über die dann auch Tickets verkauft werden können. „Doch bis dahin sind wir ausschließlich darauf angewiesen, dass unsere Fahrer die Tickets verkaufen“, so Schmidt.

Gespannt ist der Marketingleiter, wie es nach den Pfingstferien weitergeht. Denn dann würden wieder mehr Schüler mit dem Bus fahren. „Es wird schwierig zu vermitteln sein, dass die Kinder im Bus eng zusammensitzen, es aber in den Schulen Abstandsregelungen gibt.“

In den Bussen müsse der Mindestabstand nicht eingehalten werden. „Wir haben die Ansage bekommen, dass die Sitzplätze voll und die Stehplätze zur Hälfte belegt sein dürfen“, so Schmidt. Kinder wie Erwachsene müssen aber eine Maske tragen – und zwar vom Einstieg bis zum Verlassen des Busses. „Die Kinder , das muss ich sagen, tun das äußerst diszipliniert – und zwar ohne Ausnahme“, lobt Schmidt.

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