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Bunte Kleider für "Sternenkinder"

Margit Pagany beim Nähen der Sternenkinder-Kleidung: Alle Schnittmuster fand sie im Internet. Fotos vm
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Margit Pagany beim Nähen der Sternenkinder-Kleidung: Alle Schnittmuster fand sie im Internet. Fotos vm

Es sieht aus wie Puppenkleidung, was in Margit Paganys Mansardenwohnung auf dem Teppichboden liegt, bereit zum Versand: ein rosa Minikleid mit Ornament-Streifen, ein hellblaues Höschen, ein weiß-blau gestreiftes Jäckchen mit einer Gans drauf und weinroten Schleifchen. In Wirklichkeit ist die Kleidung für so genannte "Sternenkinder" bestimmt, die vor, während oder kurz nach der Geburt starben.

Chieming - Vor einem Monat stieß die Chiemingerin im Internet auf die "Klinikaktion der Schmetterlinkskinder", eine private Initiative für einen würdevollen Abschied von diesen Kindern. Seit Gründung vor einem Jahr wurden 80 Kliniken mit liebevoll handgefertigter Kleidung für "Sternenkinder" versorgt. Spontan beschloss die 47-Jährige, ehrenamtlich für die Aktion zu nähen, und informierte begeistert die Chiemgau-Zeitung, um auch andere zum Mitmachen zu inspirieren.

"Es macht so viel Freude, auch wenn der Anlass ein trauriger ist", sagt Margit Pagany. "Das Projekt finde ich klasse - den Müttern mehr Aufmerksamkeit zu schenken in dieser Situation und den verstorbenen Kindern Respekt zu erweisen." Die Idee entstand im Internetportal des Vereins "Frauenworte" mit verschiedenen Webseites und Foren. Für die meisten Eltern ist die Nachricht vom Tod ihres Babys ein Schock. Viele berichten, dass es ihnen in der Hektik der Situation nicht möglich war, ihre Kinder für den letzten Weg zu bekleiden. Dies belastete sie oft noch jahrelang.

Deshalb rief Daniela Deuser aus Hessen mit Michaela Muno aus dem Rheinland die Klinikaktion ins Leben. Deuser verlor ihren Sohn Colin Joshua im November 2008 in der 21./22. Schwangerschaftswoche. Er war ihr erstes und lange erhofftes Wunschkind. Durch eine aggressive Infektion kam es zum vorzeitigen Blasensprung. Zwei Tage später wurde ihr Sohn geboren. Da er etwa zehn Tage zu klein war, um allein zu überleben, verstarb er eineinhalb Stunden nach der Geburt in den Armen seiner Eltern.

Ihr Kind nackt abzugeben und zu beerdigen, konnten sie sich nicht vorstellen. Obwohl die Klinik um einen würdevollen Umgang bemüht war, fand sich erst in letzter Minute eine viel zu große Mütze von der Frühchenstation und ein Puppenkleid aus der Verwandtschaft.

"Ich war selbst zum Glück noch nie in so einer Situation", erzählt Margit Pagany. Doch als Mutter kann sie erahnen, wie es Betroffenen geht. "Das Nähen habe ich von meiner Mama gelernt", verrät die aus Augsburg stammende gelernte Arzthelferin. Seit ihrer Jugend hatte sie sich viel selbst genäht, zuletzt vor etwa 20 Jahren die Taufkleider ihrer beiden Töchter. "Ich habe nichts verlernt", sagt sie strahlend, froh um ihre gute alte Nähmaschine, die sie vor acht Wochen fast ihrer Tochter gegeben hätte.

Nach einem schwierigen privaten und beruflichen Umbruch beginnt die frühere Unternehmerfrau derzeit ganz von vorn. "Ich habe viel Zeit", verrät sie lächelnd. Sie schätzt es, ihre wieder entdeckte kreative Ader für einen guten Zweck ausleben zu können: "Mein Traumberuf war einmal Lehrerin für Zeichnen und Werken."

Bereits vier Lieferungen hat Margit Pagany zur Post gebracht. Sie begann mit Einschlagtüchern und "Abschiedskörbchen", malte mit Acryl Schmetterlinge, eine weiße Taube oder Blumen auf Kartonkarten und klebte Worte der Hoffnung auf die Rückseite. Nun will sie sich an einen Strampler wagen. Eine Herausforderung ist die Suche nach günstigen Stoffen oder Stoffresten. Zu jedem Kleidungsstück gehört ein "Erinnerungsstück", das die Eltern behalten dürfen, zum Beispiel ein Schleifchen aus Stoff oder ein Abschiedskärtchen.

"Jeder, der ein bisserl kreativ ist, kann da was tun", ermutigt sie andere. Im Internet steht, was gerade am dringendsten benötigt wird, und finden sich Strick- und Nähanleitungen. Auch Decken, Windeln, Mützen oder Söckchen, verzierte kleine Kerzen und selbst gefertigte Plüschtiere sind gefragt. Mehr als 100 Frauen in ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich haben bisher rund 3000 Kleidungsstücke gestrickt, genäht und gehäkelt. Diese sollen wegen der Zerbrechlichkeit der kleinen Wesen leicht anzulegen sein. Mit hilfreichen Infos kommen sie in eine "Klinikbox", die Kliniken anfordern können. 50 Frauen helfen vor Ort in den Stationen, die Umstände für Sternenkinder und ihre Eltern zu verbessern. Ein Fortschritt ist, dass nach neuem bayerischem Recht Totgeburten ab 500 Gramm bestattet werden müssen. Zu diesem Thema haben manche Kliniken bereits Arbeitsgruppen gegründet.

Margit Pagany ist froh, dass sie Eltern durch ihr Tun mit unterstützen kann, nicht bei der Trauer hängen zu bleiben. Über ihre Tochter, die ihre schamanische Begabung zum Beruf machte, lernte sie zu begreifen, dass "aus seelischer Sicht die Dinge ganz anders sind" als rein materiell betrachtet. Besonders gern schreibt sie auf ihre gemalten Abschiedskarten folgenden Spruch: "Es geschieht, dass eine kleine Seele die Erde nur streift. Ihr Ankommen und Gehen fallen in eins. Ihr kurzes Verweilen ist nicht umsonst, denn sie verändert die Erde. Sie hinterlässt Spuren in den Herzen derer, die sie erwartet haben."

Auf der Internetseite www.klinikaktion-der-schmetterlingskinder finden sich alle wichtigen Infos für interessierte Kliniken, betroffene Eltern und aktive Mithilfe. Koordinatorin der Klinikaktion für Süddeutschland ist Daniela Deuser, Telefon 06206/964915, E-Mail: schmetterlingskinder@colin-joshua.de.

Wer selbst ehrenamtlich mitarbeiten möchte oder Stoffreste daheim hat, kann sich auch direkt an Margit Pagany wenden, Telefon 08664/325037, E-Mail: margit@pagany.de.