Nachfolge ist geklärt

Breitbrunn: Landarzt Dr. Christoph Zipplies geht mit 73 in Rente

Sie führen die seit knapp 40 Jahren bestehende Arztpraxis in Breitbrunn weiter (von links): Die Medizinerinnen Alexandra Kain und Yan Huh Hopfner sowie Dr. Sebastian Zipplies. Ganz rechts dessen Vater und Praxisgründer Dr. Christoph Zipplies.
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Sie führen die seit knapp 40 Jahren bestehende Arztpraxis in Breitbrunn weiter (von links): Die Medizinerinnen Alexandra Kain und Yan Huh Hopfner sowie Dr. Sebastian Zipplies. Ganz rechts dessen Vater und Praxisgründer Dr. Christoph Zipplies.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Dr. Christoph Zipplies aus Breitbrunn hat Glück, für seine Hausarztpraxis gibt es einen Nachfolger: den eigenen Sohn. Doch nicht immer läuft es so glatt, weiß er. Selbst die Übergabe innerhalb der Familie unterliegt bürokratischen Hürden. Gute Erinnerungen an schöne Arzt-Zeiten lässt er sich dadurch nicht nehmen.

Und von Sebastian Hering

Breitbrunn– Er wollte nie zu den Hausärzten gehören, die einfach aufgeben: Während in Deutschland statistisch gesehen jeder vierte Allgemeinmediziner seine Praxis auf dem Land schließt und Hausärzte zur Mangelware werden, hat Dr. Christoph Zipplies aus Breitbrunn seinen Beruf bis in sein 73. Lebensjahr ausgeübt. Jetzt aber will auch er seinen Lebensabend genießen, noch etwas von seiner Freizeit haben, die er knapp vier Jahrzehnte überwiegend seinen Patienten aus Breitbrunn und den Chiemseeinseln gewidmet hat.

Salmonellen zur Praxiseröffnung

Zipplies hat Glück: Denn er hat im Gegensatz zu denjenigen, die wegen Nachwuchsmangel ihre Praxis schließen müssen, einen Sohn, der weitermachen will. Dr. Sebastian Zipplies ist wie sein Vater ein Arzt mit Leib und Seele, hat sich auf Orthopädie und Unfallchirurgie spezialisiert und leitete zuletzt die Zentrale Notaufnahme in der Unfallklinik Murnau. Darüber hinaus fliegt er als Notarzt im Hubschrauber Christophorus 4 in Kitzbühl und übernimmt in regelmäßigen Abständen den Notarztdienst in Prien am Chiemsee. Gemeinsam mit Dr. Yan Yuh Hopfner – Allgemeinmedizinerin für Kinder- und Jugendliche, ausgebildet in Akupunktur und Naturheilkunde – und Dr. Alexandra Kain, die sich gerade zur Allgemeinmedizinerin ausbilden lässt, wird er die Praxis weiterführen.

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So erfahren sie alle schon in ihren Fachgebieten auch sind, Zipplies senior hat ihnen einige Jahrzehnte an Anekdoten und Erinnerungen voraus. Schon kurz nach der Praxisgründung hatte er es mit einer Salmonellenepidemie in Breitbrunn zu tun. „Nicht jeder wollte einsehen, dass diese Erkrankung meldepflichtig ist“, erinnert sich Zipplies im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Aufregung sei groß gewesen und und habe damit geendet, dass dem neuen Doktor ein Faschingswagen gewidmet wurde.

Jedem seine maßgeschneiderte Behandlung

Rückblickend sagt der Ruheständler, sei es am schönsten gewesen, Familien über mehrer Generationen hinweg zu betreuen. Auch, wenn das nicht immer ganz leicht gewesen sei, lacht er: „Wenn die 18-Jährige schwanger ist, soll man dann als Hausarzt der werdenden Oma gratulieren?“ Er habe Krisen gemanagt und nicht wenige Patienten bis zum Lebensende betreut: „Buchstäblich bei Tag und Nacht.“

Zipplies vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch eine „maßgeschneiderte Behandlung“ brauche, was nur möglich sei, wenn der Arzt sich Zeit nehme für „sehr genaues Beobachten von Ursache und Wirkung“ und dies auch vor dem Hintergrund „unterschiedlichster, persönlicher Vorgeschichten“. Das mache den Beruf des Hausarztes auch spannend.

„Aber die Digitalisierung erschwert es, medizinisch notwendige Zeit für den Patienten aufzubringen“, bedauert er. Die „sprechende Medizin“ werde heute unterbewertet. Seinem Sohn hat er mit auf den Weg gegeben: „Arzt sein ist ein kräftezehrender Beruf. Wichtig ist es, trotzdem körperlich und seelisch fit zu bleiben.“ Er selbst zum Beispiel genießt es nun, ausgiebig segeln zu können. Seinem Nachfolger rät er aber auch, das Eingebundensein in die Dorfgemeinschaft zu genießen.

Spontane Entscheidung

Dass dieser nun nicht als Einzelkämpfer, sondern im Team die Patienten betreut, freut den Senior. Das habe auch den Vorteil, zur Not immer eine zweite Meinung einholen zu können. Dabei, verrät Sebastian Zipplies, stand es kurz Spitz auf Knopf mit der Nachfolge der väterlichen Praxis: „Mein Vater erwartete bereits Vertragspartner zur Übergabe, als ich mich am selben Tag für die Praxis entschied und ihm dies kurzerhand mitteilte.“

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Doch in Deutschland kann sich nicht einfach das Kind auf den Arztstuhl von Vater oder Mutter setzen – Zipplies junior musste denselben Weg beschreiten wie andere Praxisnachfolger auch: Er habe sich bei der kassenärztlichen Vereinigung um die Übernahme bewerben müssen, erzählt er. Anhand bestimmter Kriterien wie Approbationsalter, berufliche Eignung und Verwandtschaft mit dem abgebenden Arzt entscheide letztlich der Zulassungsausschuss über das Schicksal des Bewerbers.

Bei den Zipplies hat es geklappt– und der junge Unfallmediziner hat es seitdem noch keinen Tag bereut, von Murnau nach Breitbrunn gekommen zu sein.

Neben Corona war das bislang größte Problem seiner jungen Praxis, bezahlbaren Wohnraum für Ärzte und Personal zu finden – auch damit sind Landärzte heutzutage konfrontiert.

Landarzt: In Bayern per Quote

Mehr als 2 600 Hausarztpraxen stehen in Deutschland leer (Zahlen von 2019). Bis ins Jahr 2021 scheiden nochmals 10 000 Ärzte aus, prophezeite schon vor zwei Jahren der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Derweil hat Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml die sogenannte Landarztquote durchgezogen: Interessierte aus Gesundheitsberufen konnten sich zum jetzigen Wintersemester damit auch ohne Einser-Abschluss den Zugang zu einem Medizinstudium sichern, wenn sie sich zugleich für eine hausärztliche Tätigkeit im ländlichen Raum verpflichten. 114 Bewerber wurden im Sommer ausgewählt, das Auswahlverfahren für die bayerische Landarztquote ist für heuer abgeschlossen. Das Bewerbungsportal wird am 1. Februar 2021 wieder geöffnet für Bewerbungen zum Wintersemester 2021/22.

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