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„EPIDEMISCHE ZUNAHME“

Biker-Ansturm auf Wälder und Almen im Chiemgau sorgt für Konflikte

Weder Stock und Stein noch Treppen und Wurzeln halten die Trail-Biker auf. Wegen der großen Zahl führt dies inzwischen zu handfesten Problemen für Natur und Wild. Auch Konflikte mit Wanderern steigen.
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Weder Stock und Stein noch Treppen und Wurzeln halten die Trail-Biker auf. Wegen der großen Zahl führt dies inzwischen zu handfesten Problemen für Natur und Wild. Auch Konflikte mit Wanderern steigen.
  • Tanja Weichold
    VonTanja Weichold
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Immer wieder kommt es zu massiven Konflikten zwischen Fußgängern, Radfahrern und Grundstücksbesitzern. Was ist erlaubt? Was ist verboten?

Chiemgau – Der Freistaat setzt Radfahrern mit einem überarbeiteten Abschnitt im Bayerischen Naturschutzgesetz Grenzen – dort, wo es zu massiven Konflikten mit Fußgängern und Grundstücksbesitzern kommt. Der Ruhpoldinger Forstbetriebsleiter Paul Höglmüller sieht nun die Behörden mit Aufklärungsarbeit in der Pflicht, Strafen seien der „allerletzte Schritt“, wie er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erklärt. Er spricht von einer geradezu „epidemischen“ Zunahme an Bikern, die ihm fast alle Revierleiter berichteten.

Der Forstbetrieb Ruhpolding ist von Inzell bis Sachrang für 34.000 Hektar Wald zuständig, fast 90 Prozent davon befinden sich laut Höglmüller im Eigentum der Bayerischen Staatsforsten, ebenso der größte Teil der Almflächen. Die querfeldein fahrenden Biker seien eine Massenbewegung: „Pro Forstrevier gibt es mindestens fünf bis sechs Trails (schmaler Pfad und gebräuchlicher Jargon im Mountainbike-Sport, Anm. d. Red.).“

Trails an den Staudacher Hängen: „Das treibt Blüten!“

Wildtiere hätten überhaupt keine Möglichkeit mehr, zur Ruhe zu finden. Höglmüller spricht von einer „flächigen Beeinträchtigung der Natur und Beunruhigung der Tierwelt“.

Eine Beobachtung, die Staudach-Egerndachs Bürgermeisterin Martina Gaukler (CSU) mit ihm teilt: „Seit heuer treibt das an den Staudacher Hängen mit den Querfeldein-Trails Blüten, das ist nicht in Ordnung.“ Die Trails gingen quer durch die Wälder, in tiefen Bremsspuren sammelten sich bei stärkerem Regen regelrechte Wasserläufe, Boden rutsche ab. „Da geht der Waldboden kaputt“, so Gaukler.

„Cooler Trail“ im Internet lockt weitere Biker

Es gebe Fälle, dass Trailbiker durch Flächen fahren und junge Setzlinge zerstören, die der Forstbetrieb angepflanzt habe. „Das kann man so nicht hinnehmen“, so die Bürgermeisterin.

„Da fährt jemand einen coolen Trail, stellt ihn ins Internet und das Wochenende drauf sind zehn weitere Biker da“, beobachtet sie.

Ihr Grassauer Kollege Stefan Kattari (SPD) ist, wie er im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung erzählt, selbst seit seiner Schulzeit leidenschaftlicher Biker. „Die Klagen über Biker und Konflikte mit Wanderern häufen sich“, sagt er.

Harsche Reaktionen

Wenn er unterwegs sei und Fehlverhalten beobachte, spreche er den Biker an: „Da ist die Reaktion dann schon oft harsch.“ Er nehme das den Leuten nicht krumm: „Aber die Einsicht könnte größer sein“, formuliert er diplomatisch.

Seine Strategie ist nun in Grassau, dort wo es häufig zu Konflikten mit Wanderern kommt, Wege für Mountainbiker unattraktiv zu machen, zum Beispiel durch Hindernisse wie Drehkreuze. Gleichzeitig sollten gezielt attraktive Strecken für Biker angeboten werden: „Es geht bei der Diskussion nicht nur um Schaden, sondern auch um berechtigte Interessen.“

Grundsätzlich sei es positiv, wenn die Menschen die Natur erleben möchten, finden die beiden Bürgermeister und Höglmüller. Letzterer beklagt aber, dass gerade die sportlichen Fahrer verstärkt abseits der Wege oder auf solchen Wegen unterwegs seien, die nur bedingt dafür geeignet seien.

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„Querfeldeinfahren ist nicht erlaubt“, so Höglmüller. „Wo kein Weg ist, darf keiner fahren, auch nicht, wenn neue Wege entstanden sind.“ Der Forstbetriebsleiter bezeichnet dies als schlüssig: „Sonst könnte immer jemand neue Tatsachen schaffen.“

Er glaube, dass die Thematik vielen jungen Leuten nicht bewusst sei und sie nicht absichtlich Böses wollen. Umso wichtiger sei jetzt die Aufklärungsarbeit der Staatsforsten, der Gemeinden und der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt.

Aufklärungsarbeit statt Verbote

Eine Meinung, die auch Gaukler und Kattari teilen. „Mir wäre es lieber, eine einvernehmliche Lösung wie mit den Skitourengehern am Geigelstein zu finden“, so Kattari. Bürgermeisterin Gaukler argumentiert: „Ich kann nicht ganze Hänge sperren, Sperrungen sind nicht überwachbar. Verbote und Sperrungen sind nicht zielführend.“ Sie sieht die Lösung in einer umfangreichen Aufklärungsarbeit, um Sensibilität zu schaffen.

Was die Sperrung von einzelnen Wegen für Radfahrer betrifft, gibt Forstbetriebsleiter Höglmüller zu, welche im Auge zu haben. Dies müsse mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt werden. Grundsätzlich sieht er alle Gemeinden vor dem gleichen Problem stehen. Konkret sei er aber noch nicht tätig geworden.

Noch keine Anträge für Radlerverbot bei der Unteren Naturschutzbehörde

Das Landratsamt Traunstein erklärt auf Anfrage der Chiemgau-Zeitung, dass bislang noch keine konkreten Anträge zur Sperrung von Wegen für Biker bei der Unteren Naturschutzbehörde eingegangen sind. In den vergangenen Wochen hätten aber einzelne Gemeinde, etwa Grassau und Übersee, in eigener Zuständigkeit Radverbotsschulder innerhalb der Kendlmühlfilzen aufgestellt.

Für eine Sperrung von Wegen für Biker durch die Untere Naturschutzbehörde seien vor allem naturschutzfachliche und artenschutzrechtliche Gründe relevant. Dies wäre der Fall, wenn geschützte Pflanzen- und Bodenkulturen geschädigt würden, so das Landratsamt. Ein weitere triftiger Grund bestünde, wenn streng schützte Tierarten, etwa Auer- oder Birkhuhn erheblich gestört würden.

Verbot missachten wäre eine Ordnungswidrigkeit

Laut Bekanntmachung des Bayerischen Umweltministeriums zum Naturschutzgesetz Mitte Dezember gebe es nun weitere Kritierien. Dies könnte unübersichtliche oder steile Wegstellen sein oder Gefahrenpotential für Wanderer. „Die Nutzung eines rechtmäßig gesperrten Weges würde eine Ordnungswidrigkeit darstellen, die mit Geldbuße geahndet werden kann“, so das Landratsamt.

Bisher habe es vereinzelt telefonische Hinweise von Privatleuten und Waldbesitzern auf Schwierigkeiten mit Bikern gegeben. Die Untere Naturschutzbehörde habe bereits einzelne Gespräche mit Gemeinden, Tourismusverbänden und den Bayerischen Staatsforsten über Mountainbike-Routen geführt.

Appell an Rücksicht und Respekt

Die Natur im sensiblen Alpenraum brauche einen vorsichtigen Umgang von allen, damit das Zusammenleben von Tier- und Pflanzenwelt mit den Freizeitaktivitäten auch in Zukunft funktioniere. Landratsamt und Untere Naturschutzbehörde setzten ein besonderes Augenmerk auf Aufklärung in gegenseitiger Rücksicht von Wanderern und Radlern sowie Respekt vor der Umwelt. Dies nütze allen.

Paul Höglmüller.

Diese Alternativen gibt es

Der Ruhpoldinger Forstbetriebsleiter Paul Höglmüller will die Ströme an Radfahrern kanalisieren und gezielt Angebote für Biker schaffen, wo dies möglich ist. Was unweigerlich die Haftungsfrage ins Spiel bringt. Höglmüller dazu: „Sobald wir ein Angebot schaffen, braucht es einen Träger, zum Beispiel einen Fahrradclub. Die Staatsforsten werden keine Trails anlegen.“

In der Vergangenheit habe er solche Anträge restriktiv abgelehnt, doch habe wegen des Handlungsdrucks aufgrund der Vielzahl an Radfahrern und den wachsenden Konflikten mit Wanderern und der Natur ein Umdenken bei ihm stattgefunden, so Höglmüller. Allerdings fügt er hinzu: „Trails können nicht inflationär entstehen, es können nur einige wenige Angebote sein.“

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