Biberbeauftragter setzt Biber vom Chiemsee in den Flieger nach England

Ein Biber bei der Körperpflege vor der Burg in der Nähe der Prienmündung in den Chiemsee. Sie ist eine der größten und ältesten in der Region.
+
Ein Biber bei der Körperpflege vor der Burg in der Nähe der Prienmündung in den Chiemsee. Sie ist eine der größten und ältesten in der Region.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
    schließen

Seit 13 Jahren breitet sich der Biber immer weiter in der Region aus. Jetzt wurden in Prien zum ersten Mal vier der großen Nager ais Sicherheitsgründen gefangen, weil sie einer Hauptstraße zu nahe kamen. Die Tiere wurden nach England exportiert.

Prien/Bernau/Rimsting – Der Biber erobert sich immer mehr Lebensräume. Auch am Chiemsee breiten sich Europas größte Nagetiere Jahr für Jahr weiter aus. In Prien sind die Biber sogar schon so weit in den Ort vorgedrungen, dass jetzt erstmals Tiere eingefangen wurden, weil sie der wichtigen Bernauer Straße zu nah gekommen sind.

Im 19. Jahrhundert war der Biber in Europa so gut wie ausgestorben. Sein Fell, sein Fleisch und ein spezielles Duftsekret, das „Bibergeil“, waren heiß begehrt. Die Tiere wurden gejagt.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Wie der Biber wieder an den Chiemsee kam

In den 1960er Jahren siedelten Naturschützer gut 100 Biber aus Osteuropa wieder im Freistaat an. Vom Donauraum aus eroberte sich der Nager Lebensräume zurück.

2007 erreichten die ersten Tiere den Chiemsee und bauten sich eine Burg an der Prienmündung im Grenzgebiet zwischen Prien und Rimsting. Vermutlich sind eine Reihe der Tiere, die inzwischen an anderen Stellen rund ums Bayerische Meer heimisch geworden sind und Burgen gebaut haben, Nachfahren der Biber von der Prienmündung.

Am Mühlbach hat diese Biberburg gegenüber des BMW-Autohauses Unterberger schon beachtliche Ausmaße angenommen. Die Nähe der viel befahrenen Bernauer Straße scheint die Tiere nicht zu stören.

Seit 2007 wieder am Chiemsee heimisch

Sicher weiß das nicht einmal Jürgen Pohl, der offizielle Biberbeauftragte des Landkreises Rosenheim. Er arbeitet für die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt. Wann immer es irgendwo Probleme mit den Bibern gibt, Bäume angenagt oder Dämme aufgestaut werden, kommt Pohl zum Einsatz. Er leitet auch als Vorsitzender des Natur- und Landschaftsführervereins Chiemgau Biberführungen, die immer in der „Hütte am See“ auf der Rimstinger Strandanlage nahe der Prienmündung beginnen.

8 Biberburgen am Ufer des Cheimsees

Gut zwei Jahre dürfen junge Biber in der Regel im Bau ihrer Eltern bleiben, dann müssen sie sich ein eigenes Revier suchen. So haben sich die großen Nager seit 2007 rund um den Chiemsee immer mehr ausgebreitet. Pohl weiß von acht Burgen im direkten Uferbereich des Bayerischen Meeres, berichtet er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Biberburgen gibt es demnach unter anderem im Schafwaschener Winkel, im Irschener Winkel und nahe der Priener Stippelwerft.

Lesen Sie auch Biber untergräbt Bernauer Straße

Vor etwa drei Jahren drang erstmals ein Biber aus dem Chiemsee den Mühlbach flussaufwärts in den Ort vor. Nahe der Avanti-Tankstelle trieb er in einem privaten Garten sein Unwesen. Dem starken Verkehr auf der Bernauer Straße zum Trotz versuchten die Biber, dort Fuß zu fassen. Beim Versuch, eine Burg anzulegen, gruben sie im Herbst 2018 einen Tunnel bis unter die Fahrbahn. Ein Angler war damals eingebrochen und hatte Alarm geschlagen. So konnte vermutlich Schlimmeres verhindert werden. Die Tiere hatten stellenweise sogar unterirdische Stromkabel freigelegt.

Die Straße musste halbseitig gesperrt und der Uferbereich besser befestigt werden. Aber die Biber ließen sich nicht mehr abschrecken. „Der Biber macht das, was der Mensch oft nicht schafft. Er passt sich an“, erklärt Pohl mit Blick auf die Burg, die gegenüber des BMW-Autohauses unübersehbar am Ufer steht.

Obst lockte Nager in die Falle

Die Spuren sind in diesem Bereich überall sichtbar. Im Winter, wenn der Vegetarier am Boden kein Futter findet und deshalb Bäume fällt, um an die Triebe in den Kronen zu gelangen, waren die Mühlbach-Biber fleißig. Dass es ein milder Winter wird, konnten die Tiere ja auch nicht vorhersehen.

Biberbetreuer Jürgen Pohl mit der Falle, in die vier Biber gegangen sind. Innen liegt Futter auf einer Klappe. Sobald der Biber drauftritt, klappt die Tür nach unten und das Tier sitzt fest.

Zu fleißig waren sie – da war sich Pohl bald mit den Anwohnern und Behörden einig. Die Marktgemeinde Prien bekam auf Antrag eine Sondergenehmigung, Pohl stellte eine Falle auf. Zunächst ohne Erfolg, mehrmals war morgens das Futter verschwunden, aber kein Tier erwischt.

Lesen Sie auch Grundstücke überschwemmt: Aus für die Biberstaudämme in Eggstätt

Erst, als er Obst auf Zweigen aufspießte und im Gehäuse der Falle verkeilte, konnte er die klugen Tiere überlisten. Innerhalb kurzer Zeit gingen vier jüngere Biber in die Falle, die dann durch Vermittlung über ein europäisches Programm nach Großbritannien ausgeflogen wurden. Dort gibt es offenbar noch weite Biber-freie Landstriche. Den Flug hat übrigens der Empfänger bezahlt. 

Das wird die neue Heimat der Biber aus dem Chiemgau

Die Naturschutz-Stiftung National Trust kündigte an, in zwei Regionen im Süden Englands Biber im Frühjahr wieder anzusiedeln. Zwei Biberfamilien werden auf dem Holnicote-Anwesen in Exmoor in Schutzgebiete entlassen. Eine weitere Gruppe kommt nach Valewood auf das Black Down-Anwesen in West Sussex. Sie sollen dazu beitragen, die Landschaft widerstandsfähiger gegen den Klimawandel zu machen, Wasser in trockenen Zeiten zu speichern und das steigende Risiko von Überflutungen zu verringern.

Jetzt haben die Biber Schonzeit, denn es ist Frühling und da gibt es im Tierreich Nachwuchs. In dieser Jahreszeit müssen meistens auch die jugendlichen, etwa zweijährigen Biber die elterliche Burg verlassen. Es könnte also sein, dass in den nächsten Wochen hier und da Biber versuchen, sich an einem Bach, Fluss oder See anzusiedeln – obwohl: „Die guten Plätze sind inzwischen eigentlich alle besetzt“, weiß Pohl.

Kommentare