Bernaus neuer Behindertenbeauftragter: „Von der Barrierefreiheit profitieren Alle“

Helmut Linges ist der neue Behindertenbeauftragte der Gemeinde Bernau.
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Helmut Linges ist der neue Behindertenbeauftragte der Gemeinde Bernau.

In seiner konstituierenden Sitzung im Mai hatte der neu formierte Bernauer Gemeinderat eine ganze Reihe von Referentenposten für verschiedene Aufgabenbereiche aus seinen Reihen benannt. Nur ein Amt blieb unbesetzt: das des Behindertenbeauftragten. Jetzt gibt es wieder einen Ansprechpartner.

Von Elisabeth Kirchner

Bernau – Helmut Linges (66) weiß, wovon er spricht, wenn es um Menschen mit Handicap, Barrierefreiheit und ähnliche Schlagworte geht. Der gebürtige Nordrhein-Westfale, seit sechs Jahren in Bernau beheimatet, hat selbst einen behinderten Sohn und zudem jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Behörden und Ämtern. Im 600 Kilometer entfernten Grevenbroich hatte sich der gelernte Schlosser nämlich zusammen mit seiner Frau bei der Caritas und der Tafel engagiert und als Soziallotse schwer erziehbare Kinder betreut.

Einsatz für Erleichterungen im Alltag

Linges, in der jüngsten Bernauer Gemeinderatssitzung zum Behindertenbeauftragten ernannt, möchte, wie er im Gespräch mit seinem Amtsvorgänger Alexander Herkner und der Chiemgau-Zeitung erzählt, „nicht das Rad neu erfinden, sondern sich für Alltagserleichterungen für Behinderte im Ort einsetzen““ Sei es hier ein Handgriff oder dort eine Rampe – Linges hat schon eine Liste angefertigt, wo es seiner Meinung nach hakt, denn: „Kleine Dinge sind wichtig.“

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Er erwähnt hier als Beispiel den Weg zur Sparkasse, der zu schmal ist und seiner Meinung nach für Rollstuhlfahrer, Kinderwägen und/oder Rollatoren verbreitert werden sollte. Der 66-Jährige weiß, dass der Weg eigentlich ein Privatweg ist, hofft aber, mit Gesprächen hier voranzukommen.

An anderer Stelle ist es eine Tür mit Klinke als Hindernis statt einer automatischen Tür, woanders gibt es keine Rampen zu Geschäften, mitunter fehlen Hinweisschilder auf behindertengerechte Toiletten. „Fast kein Mensch weiß, dass es im Rathaus und am Minigolfplatz behindertengerechte Toiletten gibt“, hat Linges festgestellt.

Auch am See ist seiner Meinung nach noch einiges zu tun, sei es der Zugang ins Wasser, der immer noch nicht „schwimmrollitauglich“ gestaltet ist, oder ein Unterstand für die Strandrollstühle.

Auch an größeren Stellschrauben möchte der neue Interessensvertreter für Menschen mit Handicap drehen, genauso wie es im Sprichwort heißt: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Die Unterführung bei der Bahn, die eigentlich viel zu steil sei und keine Zwishenrampen habe, oder der Birkenweg zwischen Ort und See, der „schön anzuschauen, DIN-genormt, aber pflegeaufwändig“ ist und der für Rollstuhlfahrer nach Regenfällen schwer befahrbar sei, nennt Linges als beste Beispiele für langfristige Ziele, wie er dazu beitragen möchte, Bernau behindertenfreundlicher zu machen.

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Auch das Projekt „Römerregion Chiemsee“, bei dem sich sich elf Gemeinden in einem EU-geförderten Projekt beteiligen, hat er im Fokus. „Bei uns ist alles nicht barrierefrei“, klagt Linges. Bei dem Projekt, das mit Geldern aus dem EU-Programm Leader gefördert wird und das 2018 von Bernau aus startete, ist auch Bernau selbst einer der Ausstellungsorte. Neben dem Haus des Gastes erlaubt eine virtuelle Ansicht den Blick auf ein römisches Landgut und in ein Badehaus. An der Bernauer Ache und im Ortsteil Giebing sollen ein keltischer Bohlenweg und eine keltische Befestigungsanlage zeigen, welche Kulturen vor den Römern hier lebten und das Gebiet prägten.

Sprechstunde einmal im Monat geplant

Linges hat sich viel vorgenommen, ganz nach dem Motto „nicht reden, sondern handeln“. Ihm sei bewusst, das vieles nur abschnittsweise gehe. Das sei natürlich auch eine Frage des Geldes, der Haushalt der Gemeinde müsse es hergeben.Nichtsdestotrotz müsse man mit allen Beteiligten reden: „Die Leute dürfen mich auch gerne ansprechen.“ Zusätzlich will er eine Bürgersprechstunde – einmal im Monat für zwei bis drei Stunden im Rathaus – einführen.

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Sein Vorgänger Herkner habe sich sehr engagiert, lobt Linges. Man müsse die Menschen für das Thema sensibilisieren, mischt sich Herkner jetzt ins Gespräch ein. Das habe man schon beim Inklusionstag „Bernau all inklusiv“ am Laurenzi-Tag im September 2017 gesehen. Da konnten Menschen ohne Handicap an unterschiedlichen Stationen erfahren, mit welchen Schwierigkeiten Behinderte zu kämpfen haben. Daneben gebe es auch den Arbeitskreis „Bernau ohne Barrieren“, der sich das Ziel gesetzt habe, in den kommenden Jahren gemeinsam mit der Gemeinde, öffentlichen Stellen und privaten Anbietern bestehende Barrieren Zug um Zug abzubauen.

Linges möchte hier anknüpfen. Behindert zu sein lasse sich nicht darauf beschränken, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Betroffen können zum Beispiel auch Blinde sein oder Taubstumme. Und für alle diese Gruppen müssten Barrieren abgeschafft werden, denn „Barrierefreiheit ist auch ein Gewinn für die Gemeinschaft.“

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