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Hochwasserkatastrophe

Bernauer hilft in Rheinland-Pfalz: „Unglaubliches Leid und Zerstörung“

Aufräumarbeiten in der rheinland-pfälzischen Gemeinde Schuld:
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Aufräumarbeiten in der rheinland-pfälzischen Gemeinde Schuld:
  • Elisabeth Sennhenn
    VonElisabeth Sennhenn
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Horst Henke aus Bernau war als Krisenhelfer eine Woche in Rheinland-Pfalz im Einsatz. Der 60-Jährige gehört zur Schnelleinsatzgruppe der psychosozialen Notfallversorgung aus Bayern. Als Krisenhelfer rückt er aus, um Betroffenen und Helfern nach Unglücken zur Seite zu stehen.

Bernau – Jetzt ist Horst Henke wieder zuhause in Bernau. Wohlbehalten und in den unversehrten, eigenen vier Wänden. Dass das nicht selbstverständlich ist, hat ihn einmal mehr einer seiner Einsätze für die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) gelehrt. Vorige Woche war Henke als einziger Helfer dieser Art aus dem Landkreis Rosenheim im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz. Stand stunden- und tagelang knietief in Schlamm und Schutt, im hochinfektiösen Staub, der dort aufgewirbelt wird. Vor allem war er für Notfallgespräche für die Menschen vor Ort da, Betroffene wie auch Helfer.

„Am 19. Juli um 15.47 Uhr erreichte mich an meinem Arbeitsplatz in der JVA Bernau die Alarmierung“, erinnert sich Henke, Justizvollzugsbeamter von Beruf.

Vom Arbeitsplatz ins Katastrophengebiet

„Mein Auftrag lautete, sofort auszurücken und mich mit anderen Kräften aus Starnberg und Ingolstadt zu einer Schnelleinsatztruppe zur Krisenintervention aufzustellen.“ Sein Arbeitgeber musste ihn dafür adhoc freistellen. Noch vor Mitternacht traf die ehrenamtliche Gruppe am Sammelplatz Nürburgring ein: „Da warteten schon 6500 Sanitäter, Feuerwehrler, Polizisten, Bundeswehrsoldaten und Leute vom Technischen Hilfswerk, dazu hunderte Einsatzfahrzeuge, Kräne, sogar Panzer.“ Am darauffolgenden Mittag befand sich Henke in der Gemeinde Insul, in welche die Wassermassen hunderte Menschen obdachlos gemacht und die Gegend bis zur Unkenntlichkeit verwüstet hat.

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Noch immer sei er überwältigt, sagt Henke: „Überall Schlamm, vermischt mit Fäkalien und ausgelaufenem Öl, tote Tiere und Ratten“. Dazu die von den Statikern gesperrten, zerstörten Häuser, „in welche die Menschen gar nicht mehr zurückkönnen, es gibt keinen Strom, kein Wasser, die Kanalisation ist verstopft durch getrockneten Schlamm, wie zubetoniert.“ Mit Helmen auf dem Kopf und Schaufeln in der Hand seien Helfer unermüdlich zugange gewesen: „Ich befürchte, sie werden zusammenbrechen, sobald die ersten Aufräumaktionen vorbei sind“, meint Henke: „Im ersten Moment funktioniert man nur, später realisiert man, was eigentlich passiert ist.“

Nach 47 Jahren Rotkreuz-Arbeit, darunter 25 Jahre im Rettungsdienst, weiß der 60-Jährige Bernauer, wovon er spricht. Er war 2002 beim Jahrhunderthochwasser in Dresden im Einsatz, 2016 beim Zugunglück in Bad Aibling, dazwischen hat er Hilfe nach schweren Busunglücken geleistet und 2017 die Helfer nach dem Mordanschlag auf eine Mutter und ihr Kind vor dem Lidl-Markt in Prien betreut.

„In so einer Krisensituation wie in Rheinland-Pfalz, erscheint einem als Betroffener erst mal alles aussichtslos. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Und auch die Helfer müssen koordiniert werden“, berichtet Henke.

Der Ehering im zerstörten Haus

Das wurde unerwartet zu seiner Aufgabe: Zusammen mit Holger Zirkelbach aus Ingolstadt wurde er zum Kontingentführer der Kriseninterventionskräfte aus Bayern ernannt. 60 Helfer hatten die beiden einzuteilen.

Neben Insul waren Henke und sein Trupp noch an weiteren Orten zur Stelle. Führten intensive Krisengespräche mit Betroffenen, die Hab und Gut verloren hatten, manchmal noch die Arbeit dazu: „Es gab sogar Plünderungen in den zerstörten Häusern. Das Leid ist unfassbar.“

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An eine ältere Frau muss Henke immer noch denken: „Sie hat uns unter Tränen erzählt, dass sie erst vor Kurzem Witwe geworden war. Von ihrem Haus fehlte eine Wand, man konnte ins Schlafzimmer sehen. Auf dem Nachtkästchen lag ihr Ehering, und als wir abrücken mussten, hat sich die Feuerwehr bemüht, an diesen Ring zu kommen. Leider habe ich nicht mehr mitbekommen, wie die Aktion ausging.“

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Zurück in Bernau, kann Henke Abstand zu all dem gewinnen: „Man darf es nicht an sich persönlich ranlassen, sonst geht man unter.“ Sein Glück: Er kann um Supervision bitten, oder mit seiner Frau Gaby sprechen (siehe Infokasten). Auch sie ist in der Krisenintervention tätig, beim BRK haben sie sich einst kennen- und lieben gelernt. Die gegenseitige Unterstützung und die Dankesworte der Geretteten und Betroffenen, ist ihnen Motivation genug, immer weiter zu machen.

Was Henke noch dringend braucht: „Ein SEG-Einsatzfahrzeug. Um Menschen schnell einen Rückzugsraum zu bieten.“ Beim BRK wird er diesen Wunsch vortragen. Und auf Spenden angewiesen sein, die unter dem Betreff „Krisenintervention“ auf das Konto des BRK KV Rosenheim, Sparkasse Rosenheim, DE33 7115 0000 0000 0110 eingehen können.

Zu zweit im Einsatz

Horst Henkes Frau Gaby ist Lehrerin an der Grund- und Mittelschule Grassau, aber wie er ist sie seit vielen Jahren im Einsatz für das BRK in der Krisenintervention. „Bei der Psychosozialen Notfallversorgung werden wir sehr gut geschult“, erzählt sie, und dass man sich im Team gegenseitig auffange, wenn es nötig sei. In der Region leitet Gaby Henke dieses Team und hat auch eine Ausbildung zur psychosozialen Fachkraft. Wie ihr Mann hilft sie Menschen und auch den Helfern selbst, traumatische Ereignisse und Unglücke zu verarbeiten, und ist dafür unmittelbar an den Einsatzorten zur Stelle. Manchmal mit, oft aber auch ohne ihren Mann:„Und das ist auch gut so.“

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