Bernau stellt Insekten in den Mittelpunkt

Eine Biene sammelt Pollen in einer Blüte. Der Bund Naturschutz rät, im eigenen Garten zum Beispiel auf gefüllte Blüten zu verzichten, da sie es Insekten schwer machen, an Nahrung zu kommen. Überdies kann eine „wilde Ecke“ im Garten Insekten beim Überleben helfen. Puchstein/privat

Bernau – Das große, weltweite Insektensterben ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Doch was passiert, wenn Fruchtfliegen, Bienen & Co. weniger werden, und was kann der Einzelne dagegen tun? Viktoria Puchstein vom Bund Naturschutz Landkreis Rosenheim weiß Rat.

Interview: Elisabeth Kirchner

Das Insektensterben in Deutschland hat gewaltige Ausmaße angenommen. Das weiß man spätestens seit 2017, als eine Langzeit-Studie aus Nordrhein-Westfalen („Krefeld Studie“) mit entsprechenden Daten ehrenamtlicher Insektenkundler für Aufsehen sorgte.

Eine Ausstellung der Bund Naturschutz-Ortsgruppe Bernau im Foyer des Rathauses zeigt nun eindrücklich, wie wertvoll Insekten sind: „Faszination Insekten – Insekten einfach unverzichtbar“. Grundlage dazu ist das Buch von Dr. Andreas Segerer und Eva Rosenkranz „Das große Insektensterben – Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen“. Die Ausstellung machte schon in einigen Rathäusern Station. Mit-Initiatorin Viktoria Puchstein aus Rimsting und vom Bund Naturschutz Landkreis Rosenheim sprach über die Bedeutung der Insekten mit der Chiemgau-Zeitung.

Dass Insekten weniger werden, sieht man schon an der meist relativ sauberen Windschutzscheibe des eigenen Autos. Wie ist die wissenschaftliche Ausgangslage?

Viktoria Puchstein: Nach der „Krefeld Studie“ hat dieses Jahr ein internationales Team von Insektenforschern aus allen Erdteilen die Ergebnisse seiner eigenen Studien bekannt gegeben. Sie haben ihre Veröffentlichung mit „Warnung an die Menschheit“ überschrieben.

Das Insektensterben geht massiv weiter. Warum sind die Ergebnisse so erschreckend? Pflanzen und Tiere sind, was etwa Nahrung und Fortpflanzung betrifft, aufeinander angewiesen. Viele verschiedene, wichtige Beziehungen im ökologischen Gefüge bilden die Ökosysteme der Erde.

Man kann sie als sichere Hängematte darstellen, die für uns lebenswichtig ist. Doch das Netz bekommt Löcher. Insekten spielen mit ihrer Vielfalt eine tragende Rolle im Ökosystem. Ihr Verschwinden würde einen Kaskadeneffekt bedeuten, dessen Ausmaß noch gar nicht abzusehen ist, das bestätigt auch der Autor und Experte Dr. Andreas Segerer.

Welche Ursachen für den weltweiten Rückgang der Insekten kennt man?

Puchstein:Es gibt verschiedene Ursachen. Jahrhunderte lang hat der Mensch das Land extensiv bewirtschaftet und damit eine vielfältige, artenreiche Kulturlandschaft geschaffen. Heute sieht die Landnutzung anders aus. Durch die intensive Bewirtschaftung gibt es beispielsweise weniger Wildblumenwiesen, Brachflächen, Flurgehölze, Bachläufe und anderes mehr, was Lebensraum bieten würde. Stickstoffdünger, auch der zunehmende Straßenverkehr, verhindern artenreichen Pflanzenbewuchs.

Das Wachstum von Siedlungs- und Verkehrsflächen führt zu Flächenfraß und Landschaftszersiedelung. Die Lebensräume für Insekten werden dadurch immer weniger, sie bestehen heute vielfach nur noch aus isolierten Inseln.

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Kann man den Rückgang stoppen?

Puchstein: Da ist hauptsächlich die Politik gefragt, aber auch jeder Einzelne. Wir müssen Lebensraum schaffen und jeder, der einen Garten oder Balkon hat, kann dazu durch eine insektenfreundliche Gestaltung beitragen. Viele Insekten brauchen Pollen und Nektar als Nahrung. Hier sollte man auf gefüllte Blüten verzichten, einfach blühende Pflanzen sind die bessere Wahl. Die Insekten suchen sie vom Frühjahr bis zum Herbst auf. Sie brauchen Schlaf- und Rastplätze etwa in Blüten. Sie brauchen Futterpflanzen für ihre Larven. Manche brauchen für ihre Nester Totholz, Lehm oder Erdlöcher. Man kann ihnen das alles in einer „Wilden Ecke“ im Garten anbieten.

Was halten Sie von Insektenhotels, die man auch selbst fertigen kann?

Puchstein: Manche Insekten nehmen sachgemäß gebaute Insektenhotels an. Dazu gibt es Anleitungen bei Naturschutzverbänden. Außerdem sollte man eine flache Schale mit Wasser aufstellen, als Tränke und Badewanne. Steine oder Ästchen, die darin schwimmen oder darüber gelegt werden, sorgen dafür, dass kein Tier ertrinkt. Auch für die Überwinterung der Insekten ist der Garten wichtig, deshalb bitte trockene Stängel und Samenstände stehen lassen und erst im Frühjahr „aufräumen“.

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Was kann man darüber hinaus noch tun? Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?

Puchstein: Viele Landwirte sind bereit, ökologisch und umweltgerecht zu arbeiten. Wenn wir regional und biologisch produzierte Lebensmittel kaufen, sorgen wir auch dadurch für mehr wertvollen Lebensraum.

Was passiert nun, wenn Insekten fehlen?

Puchstein: Das zieht verschiedene Probleme nach sich, zum Beispiel im Obst- und Gemüseanbau. 90 Prozent unserer Blühpflanzen werden von Insekten bestäubt. Dabei übernehmen Wildbienen und Schwebfliegen den Großteil der Bestäubungsleistung. Sie fliegen, im Gegensatz zu Honigbienen, auch bei tieferen Temperaturen und Schlechtwetter.

Außerdem arbeiten sie effektiv und sind gute Pollenüberträgerinnen. Am besten für eine sichere Bestäubung ist eine Kombination aus Honigbienen mit einer Vielzahl an Wildbestäubern. Der Wert der weltweiten Bestäubungsleistung durch Insekten wird übrigens auf 200 bis 600 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Außerdem werden die Insekten als Nahrung für andere Tiere fehlen, für Vögel, Fische, Fledermäuse, Amphibien und viele mehr. Auch hier nehmen die Bestände deutlich ab.

Im ökologischen System bestehen viele Abhängigkeiten, die empfindlich gestört werden. Ohne Insekten hätten wir auch Probleme mit Aas, Kot und zerfallenden Substanzen. Insekten beseitigen diese Abfälle und bereiten die Zersetzung durch Pilze und Mikroorganismen vor.

Viktoria Puchstein vom Bund Naturschutz Landkreis Rosenheim.

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