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Gespräch mit der im Chiemgau lebenden Künstlerin

Die internationale Kunstschaffende Nicola Heim über Heimat und die Heilkraft der Kunst

Eine Gruppe von ukrainischen Flüchtlingen, Frauen und Kindern, die in Form einer Collage künstlerisch von Nicola Heim in einem ihrer Bücher dargestellt wurde.
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Kann man Heimat mitnehmen? Ein Auszug aus einem Ihrer kunstvoll gearbeiteten Bücher, die Nicola Heim so aktuell wie möglich hält.
  • Oliver Lang
    VonOliver Lang
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Ihre Leinwände lagert sie teils jahrelang unter Schnee und Matsch, um bestimmte Effekte zu erreichen. Ukrainischen Flüchtlingskinder hilft sie mit Kunstunterricht beim Bewältigen von Traumata. Mit den OVB-Heimatzeitungen spricht Nicola Heim darüber, was Kunst bewirken und Heimat alles sein kann.

Ein riesiges Wandgemälde von ukrainischen Flüchtlingskindern, die von der internationalen Künstlerin Nicola Heim im Rahmen der Priener Willkommensklassen unterrichtet wurden.

Bernau/Prien – Als international tätige Künstlerin ist Nicola Heim 2013 mit ihrer Familie ins Chiemgau gezogen. In Bernau ist ihr Atelier, dass sie sich mit zwei weiteren Künstlern teilt. An Prien hat sie viele Kindheitserinnerungen. Ihr Wohnort liegt in der Nähe von Frasdorf. Doch reicht all das, um sich hier heimisch zu fühlen? Was ist Heimat überhaupt?

Das sind Themen, die sich seit Jahren auch in Nicola Heims Arbeiten widerspiegeln, wie sie etwa 2022 während der Priener Kunstzeit ausgestellt wurden. Wir haben die 1969 geborene Künstlerin zu einem Gespräch über Heimat getroffen – und darüber, was Kunst alles bewirken kann.

OVB-Heimatzeitungen: Sollten sich mehr Menschen fragen, was Heimat ist?
Nicola Heim: Ich glaube, dass die Menschen, die hier geboren sind und hier leben so ganz selbstverständlich in dieser Heimat sind, dass sie sich diese Fragen nicht so sehr stellen. Man fragt sich hauptsächlich, was Heimat ist, wenn das Gerüst wackelt. Hilde Domin hat mal geschrieben, dass alles gut ist, wenn man Heimat nicht spürt. Doch wenn sie kratzt oder weh tut, ist man oft dabei, die Heimat zu verlassen.
Aktuell haben viele Ukrainer ihre Heimat verlassen und sind auch hier in Bernau und Prien angekommen. Kann dieser Flüchtlingsstrom dazu führen, dass auch bei der hiesigen Bevölkerung das Thema Heimat wieder präsenter wird?
Nicola Heim: Das kann schon sein. Vielleicht auch hinsichtlich des Aspekts, wie gut wir es hier haben. Eine der Fragen, die ich mir gestellt habe, war: Kann man sich Heimat teilen? Kann man sich öffnen und sagen: Ich geb dir von meiner Sicherheit ab?
Haben Sie das Gefühl, dass das gelingt?
Nicola Heim: Was ich erlebt habe in der letzten Zeit – ich habe auch Unterricht gegeben für ukrainische Schüler – hat mich positiv überrascht und war sehr schön.
Wo haben Sie Unterricht gegeben?
Nicola Heim: Ich habe in den Räumen der Waldorfschule Kunstunterricht in den Willkommensklassen gegeben, die von Marcus Hübl, dem Schulleiter der Franziska-Hager-Mittelschule, organisiert wurden. Es war sehr, sehr schön.
Kunst für Flüchtlinge?
Nicola Heim: Ja, das war gerade für traumatisierte Menschen unglaublich gut. Am Anfang haben die Kinder nur Waffen gemalt, die Flagge der Ukraine… Es war richtig krass. Es waren sehr viele Soldaten, sehr viele Waffen... Sie haben davon ein ganz tolles großes Wandbild erstellt, das wir aus Kacheln gemacht haben. Mit der Zeit hat man jedoch gemerkt, wie sich die Motive verändert haben. Die Kinder haben angefangen, den Chiemgau mit seinen Bergen zu malen… Das fand ich sehr schön, dass die Kinder so gut angekommen sind und dass sie, so wie ich das mitbekommen habe, sehr gut aufgenommen wurden.
Über welchen Zeitraum hat sich dieser Wandel vollzogen?
Nicola Heim: Relativ schnell. So drei bis vier Monate. Dann haben Sie den Chiemsee gemalt, einen Stadtplan von Prien, Häuser nachgestellt…aber keine zerbombten Häuser und keine Waffen mehr. Aber ohne, dass wir darauf eingewirkt haben.
Sie waren fast überall auf der Welt tätig in ihrer früheren Arbeit bei einer Werbeagentur und als Künstlerin. Wie sind Sie 2013 im Chiemgau gelandet?
Nicola Heim: Ich war sehr viel in meiner Kindheit hier. Mein Vater liebte den Chiemgau, die Berge und den See, auf dem er segelte, über alles. Als wir beschlossen, aus Basel wegzugehen, wo wir nur am Arbeiten waren, war einer der Gründe sicher die Orthopädische Klinik in Aschau, wo einer meiner Söhne behandelt wird. Aber auch die Waldorfschule hier in Prien, die zwei meiner Söhne besuchen. Sogar meine Geschwister zogen teilweise aus dem Ausland hierher zurück, und auch meine Eltern wurden Chiemgauer.
Dann war es ein leichtes Ankommen für Sie?
Nicola Heim: Zunächst war ich gar nicht so begeistert. Ich bin in meinem früheren Beruf bei einer großen amerikanischen Werbefirma immer gehoppt. Das wollte ich so. Und tatsächlich bin ich erst während dem Corona-Lockdown richtig hier angekommen. Da war ich zum ersten Mal gezwungen, lange an einem Ort zu bleiben. Und ich habe festgestellt, dass dieses lange Bleiben ganz wichtig fürs Ankommen war. Nur so konnte ich mich verbinden.
Haben Sie im Chiemgau Ihre Heimat gefunden?
Nicola Heim: Das kann man so vielleicht nicht sagen. Aber ich bin sehr gerne hier.
Was ist Heimat dann für Sie?
Nicola Heim: Ich glaube, dass es eine innere Heimat gibt. Es sind für mich die Menschen. Es sind die Begegnungen, die ich im Chiemgau hatte, die dazu führten, dass ich mich jetzt so eng mit der Gegend verbunden fühle. Ich sehe Heimat jenseits des Nationalistischen. Es wird und wurde zu viel gekämpft und gestorben für territoriale Ansprüche. Heimat ist akzeptiert werden, ankommen dürfen, Geborgenheit, Raum sich zu entwickeln, Fürsorge für eine Landschaft und seine Tiere und Menschen. Jenseits der Blut und Boden Ideologien. Heimat ist etwas tief Menschliches. Und schließlich ist Heimat auch ein Ort, dem man etwas geben möchte.
Ist Heimat ein Ort? Die Künstlerin auf den Stufen der Lagerhalle am Bahnhof, wo zur Priener Kunstzeit 2022 eines ihrer Bilder hing. Die Fotografie entstammt einem ihrer Bücher und wurde auf 3,50 x 4,50 Meter ausgedruckt.

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