Bernau erlebt das Kriegsende am Tag der „Patrona Bavariae“

Pfarrer Josef Widholzer mit vier Erstklässlern, vermutlich aufgenommen im Jahr 1938 an der Priener Straße Ecke Chiemseestraße in Bernau. Leidel

Zum 75. Mal jährt sich das Aus des Zweiten Weltkriegs. Auch im Chiemgau ist man erleichtert, muss aber auch schwere Opfer bringen. Der Bernauer Pfarrer Josef Widholzer erwies sich als Chronist der letzten Kriegstage und notierte fleißig, was sich Anfang Mai 1945 in Bernau tat. Am Ende reichen ihm amerikanische Soldaten sogar die Hand – doch bis dahin muss er viel Leidvolles notieren.

Von Georg und Michaela Leidel

Bernau – Die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches trat am 8. Mai 1945 um 23 Uhr in Kraft. Für die meisten Deutschen war der Krieg mit der Besetzung ihres Heimatortes durch die Alliierten beginnend ab Herbst 1944 weitgehend beendet. Doch der Krieg hatte tiefe Spuren hinterlassen, auch im beschaulichen Chiemgau. Dazu kam der Umstand, dass noch im Herbst 1944 das SS-Gericht von München nach Prien umgesiedelt wurde. Wer in diesen letzten Kriegsmonaten die Kapitulation mit dem Hissen einer weißen Fahne bekunden wollte, lief Gefahr, von SS-Soldaten sofort standrechtlich erschossen zu werden. Es zeichnete sich jedoch die bevorstehende Befreiung durch die Amerikaner deutlich ab.

Der Pfarrer als wichtiger Zeitzeuge

Trotzdem versuchten immer noch SS-Soldaten und treue Nazis, die Gegend um den Chiemsee zu verteidigen. Vor allem in Bernau herrschte große Besorgnis darüber, was mit den zirka 4000 Gefangenen in der Strafanstalt und den etwa 600 Beinamputierten im Lazarett, der heutigen Medical-Park-Klinik, passieren würde.

Die Pfarrchronik, in der Widholzer die Ereignisse unter anderem vom 3. Mai 1945 notierte.

Die Kapitulation Bernaus am 3. Mai 1945 erfolgte ohne Blutvergießen, was vor allem dem umsichtigen Handeln einiger Leute, wie zum Beispiel dem damaligen Zweiten Bürgermeister Franz Xaver Jell (1897-1971) und dessen Englisch-Dolmetscher Hermann Winkler (1874-1959) zu verdanken war. In der „Chronik der Pfarrgemeinde Bernau, worin in unregelmäßigen Abständen wichtige Ereignisse notiert wurden, finden sich Einträge vom damaligen Pfarrer Josef Widholzer, der als Zeitzeuge Folgendes für das Jahr 1945 festhielt:

„Krieg im Lande - 1945 im Frühjahr - Bombeneinschläge. Schon ein paarmal hatten Feindflieger Bomben geworfen zwischen Bernau und Weisham, auf die Bahnlinie oder hatten ins freie Feld getroffen, Tiefflieger hatten zwischen Bernau und Übersee beim Torfwerk einen Schnellzug beschossen, wobei es Tote und Verwundete gab. Am gröbsten aber hausten sie am 27.2.45, wo sie mittags um zirks 1 Uhr fünf Bomben warfen links und rechts der alten Priener Straße außerhalb dem Anwesen Guggemoos. Zwei Riesentrichter zogen Schaulustige an. Wären die Bomben 500 Meter kürzer geflogen, dann wäre das ganze Dorf in Trümmer gelegt worden.“

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Widholzer hatte auch notiert, dass am 13. März 1945 das Stöttner-Anwesen um ein Uhr mittags bis auf das Zuhäuschen vollständig zerstört wurde. Tragischerweise sei dabei eine aus Kassel evakuierte Frau, Hilde Lusser, ums Leben gekommen. Ihre drei Kinder seien verschüttet worden, konnten aber gerettet werden. „Am Tage zuvor erhielt die Stöttnerbäuerin die Nachricht, daß ihr Sohn Hans vermißt ist. Die Töchter kamen heil davon. Die Mutter wurde verletzt durch Glassplitter nach Aufing zu ihrer Tochter Anna gebracht. 6 Stücke Vieh waren tot. Dazu ein Kalb“, notierte Zeitzeuge Wdholzer damals und weiter: „Das völlig zerstörte Haus mit den 6 Bombentrichtern ringsum bot einen jammervollen Anblick. (...) Man muß sich wundern, daß überhaupt nicht alles Leben ausgelöscht wurde.“

Schießerei, bevor Amerikaner kommen

Am frühen Vormittag des 3. Mai 1945 erreichten amerikanische Panzerspitzen die Gemeinde Bernau. Davor spielen sich noch dramatische Szenen in Bernau ab, wie Widholzer gewissenhaft notiert: „Morgens ½ 5h hob eine wilde Schießerei gegen die Autobahn an. Es gab zwei Tote und mehrere Verwundete. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das Dorf wurde nach kurzer Schießerei und Gefangennahme mehrerer Flakschützen vollständig von dem einquartierten Militär (SS) gesäubert und besetzt.“ Das Fahrzeug, das von der Autobahn von Gröben her gekommen sei, war jedoch kein amerikanisches, sondern eines der SS – die eigenen Leute hatten es beschossen und Insassen verwundet: „Der Führer der SS-Gruppe riß aus, als er sah, was geschehen war.“

Doch auch die Amis waren nun im Anmarsch: Ein Schwiegersohn von Straßenwärter Wendlinger, der Englisch konnte, eilte auf dem Rad den Amerikanern entgegen. „Nicht schießen, Bernau will keine Verteidigung!“ So wurden die Kanonen, die schon gegen das Dorf gerichtet waren, nicht abgefeuert, heißt es in den Chroniken des Pfarrers.

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Am 5. Mai um 17 Uhr kam schließlich auch für die Bernauer die erlösende Meldung: Der Krieg ist aus! Waffenstillstand! Genau am Fest „Patrona Bavariae“, wie man sich im Chiemgau freut.

Die SS hatte sich in die Berge geflüchtet und versetzte die Bergbauern von Gschwendt in die schwierige Situation, entweder von der SS erschossen zu werden oder im Feuer der Amerikaner samt Haus und Hof zugrunde zu gehen.

Tross der Gefangenen auf der Autobahn

„Es war ein überwältigender und zugleich jammervoller Anblick, Panzer um Panzer und Auto um Auto die Straße hinunter gegen Salzburg und Berchtesgaden rollen zu sehen und endlosen Kolonnen von Gefangenen, die gefolgt von Autos mit Maschinengewehren, in die Lager marschieren mußten, viele unter Aufwand ihrer letzten Kräfte“, beschreibt Pfarrer Widholzer die schlimmen Szenen, die sich in den Tagen nach Kriegsende abspielten.

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Ihn selbst holt der Schrecken auch noch kurz ein: „Hausdurchsuchung war abends ½ 10 am 3. Mai. Als die ersten Amerikaner 9.15 kamen nach der Besetzung d. Dorfes, waren wir im Keller wegen der tollen Maschinengewehrschießerei von den Panzern herab. Meine Hausmagd und Fr. Meier öffneten die Türe als Amerikaner mit vorgehaltner Maschinenpistole Einlaß verlangten. Es wurde gefragt, ob Soldaten im Haus seien, ob Waffen od. Munition da sei.“ Doch einer der Amerikaner konnte etwas deutsch sprechen und hielt seine Kameraden zurück: „Ah! Priest!“ Alle zogen höflich die Hand reichend ab.

Nicht unerwähnt lässt der Pfarrer in seiner Chronik, dass ab diesem Zeitpunkt die Gottesdienste und Maiandachten ungehindert besucht werden durften, außer von den führenden Nazis, die im eigenen Haus interniert waren.

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