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Zwölf Meistertitel errungen

Bei ihm schnalzt‘s gewaltig: Simon Wolff aus Chieming ist Bayerns letzter Goaßlmacher

Echte Handarbeit: Simon Wolff aus Chieming stellt in seiner Werkstatt Goaßln her.
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Echte Handarbeit: Simon Wolff aus Chieming stellt in seiner Werkstatt Goaßln her.
  • Dorit Caspary
    VonDorit Caspary
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Es ist eine Jahrhunderte alte Tradition der Fuhrmännern, mit Goaßln auf sich aufmerksam zu machen. Kaum einer stellt die Goaßln aber mehr per Hand her. In Bayern gibt es nur noch einen: Simon Wolff aus Chieming.

Chieming – Der 69-Jährige ist pensionierter Pharmazietechniker. Er ist zudem mit zwölf Meistertiteln ein überaus erfolgreicher Schnalzer. Inzwischen gibt er sein Wissen an Interessierte weiter und sucht einen Lehrling für sein Handwerk.

Heute schon geschnalzt, Herr Wolff?

Simon Wolff: Noch nicht, aber ich nehme fast jeden Tag eine Goaßl in die Hand. Wenn man nicht regelmäßig übt, wird das nichts. Das Goaßlschnalzen ist ziemlich anstrengend. Das muss man trainieren.

Wie schaut so ein Training aus?

Wolff:In den allermeisten Fällen dauert es bei Anfängern drei bis vier Wochen bis die Peitsche zum ersten Mal richtig knallt. Es ist wirklich nicht so einfach, mit der Goaßl eine liegende Acht in die Luft zu zeichnen. Die Technik, ist nicht mit eine paar Mal Probieren zu erlernen. Man braucht viel Geschick und Körperspannung. Die lockere Hand vor allem ist das Problem. Wenn das Handgelenk verkrampft, weil einem die Kraft ausgeht und die Handstellung dann nicht stimmt, kann man die Bewegung nicht richtig ausführen. Und dann schnalzt es nicht ordentlich im richtigen Tempo und Rhythmus. Richtig gute Schnalzer können ihre Goaßl so präzise steuern, dass sie zentimetergenau schnalzen können.

Kann man eigentlich mit jeder Reitgerte schnalzen?

Wolff: Mit einer normalen Reitgerte passiert nicht viel. Da wird man weder einen schönen Schnalzer, noch einen Rhythmus hinbekommen. Eine Goaßl ist grundsätzlich anders aufgebaut. Früher hat man nur Manila Peddigrohr verwendet, das ist sehr biegsames Rattanholz. Heute nehmen wir zu 95 Prozent Fieberglas.

Wie muss eine gute Goaßl aussehen?

Wolff: Unsere Meister-Goaßln sind etwa 140 Zentimeter lang und wiegen zwischen 140 und 160 Gramm. Jedes Gramm spielt eine Rolle. Sie bestehen aus fünf Teilen, einem Griff, einem Stahlring, dem Fieberglas- oder Holzstecken, dem Hanfseil. An das Ende knotet man die sogenannte Schmitz. Das ist ein Stück rote Schnur.

Zweimal Schnur – wozu?

Wolff: Die eine schwingt, die andere schnalzt. Die Schmitz beschleunigt beim Schnalzen auf Überschallgeschwindigkeit. So zerteilt sie die Luft und dadurch entsteht dann der Knall.

Woher kommt die Tradition des Goaßlschnalzens?

Wolff: Das Wort an sich kommt – so sagt man – vom Geißeln, also vom Bestrafen mit der Peitsche. Das Goaßlschnalzen an sich kommt von den Fuhrmännern. Jeder, der mit einem Pferd und einem Wagen unterwegs war, hatte fast seine eigene Sprache. Die Leute wussten, wenn’s dreimal knallt, ist der Sepp unterwegs, knallt’s zweimal, ist es der Luis. Die Menschen in den Dörfern erkannten daran, wer auf dem Bock saß. Oft hatte das Schnalzen auch eine Art Hup-Funktion. Man wusste, da kommt jetzt ein Fuhrwerk oder es gab eine Gefahrenstelle.

Goaßlbauer ist ja kein alltäglicher Beruf. Wie sind Sie dazu gekommen?

Wolff: Nicht ganz alltäglich kann man so sagen. In Bayern gibt es außer mir niemanden, den ich kenne, der das so macht. Bei mir ist es mein Hobby, nicht mein Beruf. Als junger Bursch hab ich einen Fuhrmann kennengelernt, der mit seinem Ross Holz aus dem Wald holte. Der hat mir gezeigt, wie das Gaoßlschnalzen geht. Dann hab ich 1973 mit ein paar Freunden die Traunwalchner Goaßlschnalzer gegründet. Wir haben insgesamt zwölf Meistertitel gewonnen. In Burghausen gab es damals den Grundner Martin, der bayernweit bekannt war für seine Furhmannspeitschen. Bei dem haben wir unsere Goaßln gekauft. Und irgendwann wollte ich selber wissen, wie das geht und habe angefangen zu lernen. Nach dem Tod vom Martin hab ich seine Werkstatt übernommen und baue in meiner Garage die Peitschen.

Was ist die dabei die größte Herausforderung?

Wolff: Jede Goaßl ist anders und wird per Hand bearbeitet. Mache ich eine aus Holz, wird sie so zurecht gehobelt, dass sie an der perfekten Stelle anfängt zu schwingen und sich biegt. Fieberglas kann man nicht hobeln, das muss man schleifen. Das ist das, was man im Gefühl haben und lernen muss. Anschließend wird noch lackiert, damit die Sonne den Kleber, der das Material zusammenhält, nicht zerstört.

Zwölf Meistertitel als Schnalzer hat Simon Wolff bereits eingeheimst.

Erkennt man eine echte Simon-Wolff-Goaßl?

Wolff: Ich habe mal einen kleinen Stempel mit einem Schnalzer als Motiv anfertigen lassen. Der kommt auf jede Peitsche und dann gibt es noch den Stahlring und die Verzierungen, die man so in der Art sonst auch nirgends findet. Zu sagen, man erkennt sie am Klang, wäre vermessen.

Wer gehört denn so zu Ihrer Kundschaft?

Wolff: Natürlich die Gruppen und Vereine aus der Nähe, wir haben aber auch Anfragen aus Amerika und Australien. Eine Goaßl ging nach Adelaide und ist dort bei einem Trachtler auch im Einsatz.

Auf was kommt es bei den Wettbewerben an?

Wolff: Es gibt drei wesentliche Punkte. Der eine ist der Gesamteindruck, der andere ist die musikalische Umsetzung, also zum Beispiel die Synchronität zwischen Schlägen und Musik. Und dann wird noch der Schwierigkeitsgrad der Schläge und Folgen bewertet.

Macht es einen Unterschied zu welchem Takt man knallt – Walzer oder Polka?

Wolff: Eigentlich nicht, aber die meisten haben einen Lieblingsschlag und Rhythmus. Ich persönlich mag die Rückhand ohne Ansatz nach rechts am liebsten. Lernen kann das fast jeder. Aber fünf bis zehn Minuten am Tag sollte man schon üben, um auf ein gutes Niveau zu kommen. Dazu kommen die Proben mit der Gruppe, das sind meist so zwei Stunden in der Woche.

Was macht die Faszination am Goaßlschnalzn aus?

Wolff: Es ist zum einen etwas, was nicht viele machen. Den Rhythmus in der Musik mit einem Schnalzer umzusetzen, ist jedes Mal eine Freude. Dazu macht man anderen eine Freude und ist mit Freunden zusammen.

Wie schaut’s eigentlich mit Nachwuchs aus?

Wolff: In meiner Werkstatt könnte morgen ein Goaßlmacher angelernt werden. Das würde mich sehr freuen, wenn ich nicht mehr der Einzige wäre.

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