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Interview mit Expertin aus Übersee

Naturschutz für Jedermann – So kann man bei der Wintervogelzählung helfen

Der Bergfink kommt bei Wintereinbruch aus dem Norden Europas zum Überwintern in den Chiemgau.
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Der Bergfink kommt bei Wintereinbruch aus dem Norden Europas zum Überwintern in den Chiemgau.
  • Dirk Breitfuß
    VonDirk Breitfuß
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Übersee – Haben Sie auch einen Vogel? Gut so, denn die „Stunde der Wintervögel“ kommt. Von 6. bis 9. Januar 2022 sind die Menschen vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) zum Mitzählen aufgerufen. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit der Leiterin der Regionalgeschäftsstelle des LBV, Sabine Pröls aus Übersee.

Wie kann jeder Einzelne bei der Wintervogelzählung mithelfen, wie funktioniert sie?

Sabine Pröls: Wer mitmachen will, beobachtet eine Stunde lang die Vögel am Futterhäuschen, im Garten, auf dem Balkon oder im Park und meldet die Ergebnisse dem LBV. Von einem ruhigen Beobachtungsplatz aus wird von jeder Art die höchste Anzahl Vögel notiert, die im Laufe einer Stunde gleichzeitig zu sehen ist.

Die Beobachtungen können online unter www.stunde-der-wintervoegel.de bis zum 17. Januar gemeldet werden. Zudem ist für telefonische Meldungen am 8. und 9. Januar jeweils von 10 bis 18 Uhr die kostenlose Rufnummer 0800-1157-115 geschaltet.

Ich sitze oft am Fenster und beobachte Vögel, kenne aber viele Arten nicht. Kann der LBV da bei der Bestimmung helfen?

Pröls: Der LBV hat auf seiner Homepage die 25 häufigsten Wintervogelarten dargestellt. Auch in diesem Jahr gibt es zudem den kostenlosen LBV-Online-Kurs „Die 12 häufigsten Wintervögel“. Er ist jederzeit und ganz einfach buchbar unter www.lbv.de/online-kurs-wintervoegel. Darüber hinaus gibt es viele gute Bestimmungsbücher.

Es gibt Gärten, da zwitschert es lautstark und einen Gartenzaun weiter ist es mucksmäuschenstill. Woran liegt es, dass manche  Gärten die Vögel so anziehen und andere nicht? 

Pröls: Versetzen Sie sich in eine Amsel: In einem Schottergarten oder mit Pestiziden behandelten Garten findet sie keinen Wurm zum Fressen, in einem aufgeräumten Garten ohne wilde Ecken und Sträucher wie dem Weißdorn finden die Jungen keine Versteckmöglichkeiten vor den häufigen Katzen.

Versetzen sie sich in eine Blaumeise: In einem Garten mit einem älteren Obstbaum findet sie Nistmöglichkeiten, an im Winter stehen gelassenen Stauden Insekten. Wenn dann noch durch geeignete Futterstellen oder Nistkästen das Angebot optimiert wird, ist es umso besser für die Tiere.

Die Überseerin Sabine Pröls leitet die LBV-Regionalgeschäftsstelle seit bald 20 Jahren.

Von manchen Gartenbesitzern hört man, dass im letzten Winter auffällig wenige Vögel in den Gärten zu sehen waren. Wo sind sie geblieben?

Pröls: Viele Vögel wie Meisen und Finken suchen gern im Winter im Wald nach Nahrung. Ist dort genug zu finden, verteilen sich die Tiere weiträumiger und kommen weniger an die Futterhäuser.

In Zeiten der Pandemie war es in vielen heimischen Erholungsgebieten so voll wie noch nie. Wie reagiert die heimische Vogelwelt auf die Menschenmassen?

Pröls: Die Störungen waren in Gebieten mit empfindlichen und bedrohten Arten, zum Beispiel den sogenannten Wiesenbrütern wie dem Großen Brachvogel so groß, dass ihre Brut und Jungenaufzucht gefährdet war. Grundsätzlich ist es enorm wichtig, sich an Verhaltensregeln zu halten, auf die vor Ort hingewiesen werden und auf Ruhezonen zu achten. Hundebesitzer sollten sich im Klaren sein, dass zum Beispiel alle Gebiete mit Feucht- und Wasserflächen sensible Bewohner beherbergen, die es notwendig machen, die Hunde an die Leine zu nehmen. Ein Hund wird von uns Menschen versorgt, für die zum Teil vom Aussterben bedrohten Arten kann eine zusätzliche, menschengemachte Störung das i-Tüpfelchen für sein Verschwinden sein.

Nach momentanen Prognosen wird es zum Zeitpunkt der Zählung keinen Schnee geben. Aus Ihrer Erfahrung: Wie wirkt sich das Wetter auf die Ergebnisse aus?

Pröls: Ist alles tief verschneit, wird der Nahrungsmangel für viele Vogelarten größer und sie können in kürzester Zeit Futterstellen ,plündern‘. Immer wieder berichten mir Menschen, wie häufig sie nachfüllen müssen. Es gibt Meisen, die picken an die Fensterscheibe, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Futterstelle leer ist.

Auch die Großwetterlage ist von Bedeutung: Viele Singvögel kommen aus dem hohen Norden oder Nordosten zu uns zum Überwintern. Sind dort die Winter hart, wandern mehr Vögel zu uns. Dieses Jahr sollte man auf den Bergfink achten, der bei Wintereinbruch aus Nordeuropa zu uns kommt. Die ersten wurden bei uns im Chiemgau schon gesichtet. Ob der Seidenschwanz es bis zu uns schafft, müssen wir noch abwarten.

Sollen die Gartenbesitzer genauso viel Futter bereitstellen, auch wenn noch kein Schnee liegt?

Pröls: Wichtig ist, dass man beobachtet wie viel gebraucht wird. Ungünstig ist es, wenn Futter lange ungenutzt draußen verbleibt. Keine Sorge, wenn die Futtersäule mal leer bleibt, wandern die Vögel zu anderen Stellen. Werden kranke Vögel beobachtet, sollte man unbedingt die Fütterung für ein paar Wochen einstellen damit sich zum Beispiel Salmonellen nicht weiter verbreiten können.

Sie leiten die regionale Geschäftsstelle des LBV seit fast 20 Jahren. Welche Arten sind hierzulande in dieser Zeit auf dem Rückzug und umgekehrt: Gibt es auch Erfolgsmeldungen?

Pröls: Für mich war es wirklich erschreckend, den massiven Rückgang des Kiebitzes im südlichen Chiemgau zu beobachten. Aber auch unscheinbarere Vögel wie das Braunkehlchen sind sehr selten geworden. Bei der Wasservogelzählung am Chiemsee hatten wir vor 20 Jahren noch deutlich höhere Zahlen an Wintergästen. So hat die Tafelente in dieser Zeit deutlich abgenommen.

Erfreulich sind dagegen die Bruterfolge des Weißstorches in unserer Region. Eigentlich tut der sich im Alpenvorland wegen der hohen Niederschlagszahlen im Frühjahr schwer mit der Brut. Kaum entgangen sein wird regelmäßigen Zeitungslesern die Auswilderung des Bartgeiers im Nationalpark Berchtesgaden. Das war bei uns in diesem Jahr das absolute Highlight im Naturschutz.

Wie nehmen Sie mit Blick auf die Rückgänge der Vogelbestände denn mittel- und langfristig die Entwicklung in der Region wahr? Ist die Chiemseeregion weiterhin ein Paradies für Wasservögel?

Pröls: In unserer Region wurden zum Glück bereits früh wichtige Weichen gestellt. So entstanden die Ruhezonen am Chiemsee und die Verbauung von Ufergrundstücken hielt sich in Grenzen. Der wunderbare Blumenberg Geigelstein wurde nicht dem intensiven Skibetrieb geopfert. Der Einsatz von Gebietsbetreuern hilft, die Besucherlenkung zu intensivieren und Projekte anzustoßen.

Dennoch bleiben große Herausforderungen, für die wir uns politische Unterstützung wünschen wie das generelle Verbot von bleihaltiger Munition in der Jagd und die Stärkung von Agrarumweltförderprogrammen, statt dem breiten Verteilen von Fördergeldern vor allem abhängig von der Flächengröße. Dies würde auch die bäuerliche Landwirtschaft stärken. Mit der Förderpraxis der letzten Jahrzehnte wurden nicht zuletzt viele kleinere Landwirtschaften zum Aufhören gezwungen.