Ballermann am Chiemsee? Tourismusbranche erlebt einen gemischten Corona-Sommer

Das Chiemseeufer in Feldwies zieht viele Menschen an. An vielen Tagen sind die Parkplätze überfüllt.
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Das Chiemseeufer in Feldwies zieht viele Menschen an. An vielen Tagen sind die Parkplätze überfüllt.

„Urlaub dahoam“ ist in aller Munde. Doch aus Sicht einiger Chiemgauer lockt der Chiemsee in diesem Jahr zu viele Menschen. Zum Teil auch Kunden, die nicht so gerne willkommen geheißen werden.

Chieming/Chiemsee– Heinz Wallner betreibt den Bootsverleih Thomafischer in Chieming. Er kann sich diesen Sommer kaum retten vor Anfragen. Doch es gebe nur begrenzte Kapazitäten bei seinen Booten. Nicht immer stößt er auf Verständnis: „Die Hitze, die Parkplatzsuche und wenn man dann noch warten muss. Da staut sich oft etwas auf.“

Betrunkene Jugendliche

„Wir erleben nahezu täglich, dass sich Jugendliche in Gruppen Boote ausleihen und völlig betrinken.“ Bei der Rückgabe seien die Boote oft beschädigt. Ein Boot sei beinahe gekentert, 500 Liter Wasser mussten herausgepumpt werden. Um 21 Uhr musste ein Mitarbeiter kürzlich Fahrgäste nahe der Fraueninsel abholen, eigentlich war 18 Uhr ausgemacht. Die betrunken Gäste mussten zum Teil aus dem Boot getragen werden. Aus den Nachbarlandkreisen seien diese Gruppen oft und eher Tagestouristen.

Reservierung verfällt oft

Sepp Mangstl betreibt in Prien den Bootsverleih Schwarz. „Oft reservieren Kunden ein Boot, zum Termin erscheint dann aber niemand.“ Ungeduldige Kunden habe es auch in den Vorjahren gegeben, so eine gehäufte Rücksichtslosigkeit ist für ihn aber neu. „Das ist den Leuten scheinbar egal“, sagt Mangstl. In diesem Jahr sind es besonders viele, die ein Boot bei ihm leihen wollen. Viele Urlauber, die bei den beiden Bootsverleihern nicht zum Zug kommen, schlagen dann mit negativen Bewertungen im Netz zurück.

Aus allen Ecken des Chiemgaus wird von Problemen mit Müll und anderen Hinterlassenschaften berichtet, vom Lödensee bei Ruhpolding bis zum Priener Badeplatz Schraml. Die Seeufer werden zugeparkt, in Übersee hat sich deshalb eine lokale Initiative auf Facebook gebildet.

Hinterlassenschaften am Priener Badeplatz Schraml.

Selbst die Radfahrer ecken inzwischen an. Auf Facebook wird kritisiert, dass zu viele Menschen auf dem Chiemsee-Radweg unterwegs seien. So könnten die Senioren im Siebenbürger Altenheim in Rimsting noch nicht mal mehr in Ruhe spazieren gehen, schreibt dort eine Userin.

Gastgeber am Chiemsee zufrieden

Eher Positives teilen Hoteliers und Zimmervermieter mit. „Wir beherbergen im Moment viele Familien, die größtenteils auch länger bleiben wie Gäste in den Vorjahren“, sagt Sabrina Friedl, stellvertretende Direktorin des Yachthotels Prien. Die Stimmung sei entspannt, die Gäste zufrieden.

Ein ähnliches Bild berichtet Barthl Irlinger vom Verein „Private Gastgeber im Chiemgau“. „Die Gäste sind äußerst diszipliniert und wir machen sehr gute Erfahrungen diesen Sommer.“ Es sei eben sehr viel los.

LaBrassBanda statt Wendler

Der Zustrom geht sogar so weit, dass einige Vermieter und Betriebe derzeit telefonisch nicht erreichbar sind, so etwa der Campingplatz Seehäusl in Chieming und der Chiemgauhof in Feldwies. Per Rufumleitung landet man direkt am Anrufbeantworter, auf dem um Anfragen per email gebeten wird.

Zielgruppe eher zahlkräftig

Der Tourismusverband Chiemgau-Alpenland bestätigt, dass besonders in der Nähe des Chiemsees heuer viel los sei, so Sprecherin Patrizia Scravaglieri. Probleme mit einer bestimmten Klientel gebe es nicht, so die Rückmeldung an den Verband. Schon eher schmerze, dass Zielgruppen wie Bustouristen wegfielen.

Stephan Semmelmayr, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Chiemsee-Chiemgau, hat ebenfalls einen differenzierten Blick auf die Situation: „Wir haben solche, wie solche Touristen.“ Der Verband möchte gerade die älteren Touristen binden, die sonst eher ins hochpreisige Südtirol fahren.

Den Ballermann-Touristen eher nicht, dazu würde auch die Infrastruktur fehlen. Große Hotelkomplexe und Partymeilen gebe es im Chiemgau nicht: „Bei uns singt eben nicht der Wendler, sondern LaBrassBanda.“

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