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Urteil zu Gewaltexzessen bei Haag gefallen

Mutter (26) schlug Baby Schädel ein – Gericht: „Haben mitgelitten. Welcher Mensch macht sowas?“

  • Xaver Eichstädter
    VonXaver Eichstädter
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Traunstein/Haag - Das Kleinkind war gerade mal sieben Monate alt, als ihm, so die Staatsanwaltschaft, die Mutter den Schädel gebrochen hat: nicht die einzige schlimme Tat gegen das Baby, die der Frau angelastet wird - sie verdächtigt dagegen den Vater. Am heutigen Donnerstag könnte schon das Urteil fallen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Angeklagte soll ihr Kind schwer verletzt haben
  • Die Beschuldigte verdächtigt den Vater des Babys
  • Am Landgericht Traunstein ist der zweite Verhandlungstag gestartet
  • Die Handys der Eltern werden ausgewertet
  • Die Plädoyers wurden vorgelesen
  • Das Urteil ist gefallen

Update, 17 Uhr - Urteil zu Gewaltexzessen bei Haag gefallen

Das Urteil am Traunsteiner Landgericht ist gefallen: Eine 26-Jährige ist schuldig, weil sie im Juni 2020 bei Haag im Kreis Mühldorf ihr eigenes Baby schwer misshandelt hat. Die Frau muss für vier Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Das Kleinkind war damals erst sieben Monate alt. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Volker Ziegler ist sich sicher, dass die Mutter dem Baby unter anderem einen Schädelbruch, ein zugeschwollenes Auge und einen gebrochenen Kieferknochen zufügte.

Wir haben mitgelitten mit einem Kind, das in einer Familie aufwuchs, in der schwerste Missstände herrschten, in der die Mutter überfordert war, mit drei Hunden und x Katzen. Die Polizeibeamten hielten in der Wohnung teils den Gestank nicht aus“, so Richter Ziegler. Er spricht von einem „verschmutzten, chaotischen Haushalt.“

Die Verletzungen beim Baby waren so massiv, dass sie lebensbedrohlich wurden. „Welcher Mensch macht sowas?“, fragt der Richter. Mindestens über zwei Wochen hin sei das Kleinkind von der Mutter immer wieder massiv körperlich misshandelt worden. Das Baby überlebte, ist heute drei Jahre alt und lebt bei einer Pflegefamilie. „Dauerschäden liegen nahe“, so Richter Ziegler, vor allem am Auge. Die Angeklagte ist wiederum hochschwanger.

Ihr Ex-Mann wurde ebenfalls verurteilt, wegen Unterlassen. Er habe die ersten Verletzungen – Kratzer und das zugeschwollene Auge – erkannt, aber nichts unternommen. Er bekommt eine zehnmonatige Bewährungsstrafe. Die beiden müssen insgesamt 15.000 Euro Schmerzensgeld zahlen und für alle weiteren Schäden aufkommen, die von den Taten am 24. Juni 2020 herrühren. Beide Angeklagte blieben bei der Urteilsverkündung völlig ruhig. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. 

Update, 16.23 Uhr - Staatsanwalt im Plädoyer: „Menschenverachtend und emotionslos“

Nun geht es an die Plädoyers – die in völlig unterschiedliche Richtungen gehen. „Wer hat das Baby so zugerichtet?“, fragt Staatsanwalt Markus Andrä. Für ihn ist die Antwort klar: „Es war die Angeklagte, nicht ihr Ex-Mann.“ Die Mutter sei „massiv genervt“ gewesen, dass ihr Kind nicht anständig trank. „Dann sind die Sicherungen durchgebrannt, sie hat das Bay geschüttelt und geschlagen“, so Andrä.

Die Erstickungsprobleme beim Baby, die sie gegenüber dem Notarzt angab, hätten in der Form gar nicht bestanden. Und die Sprachnachrichten an eine Freundin in den Tagen zuvor, dass das Kind immer wieder mit dem Kopf gegen die Gitterstäbe des Bettes schlagen würde, seien „vorverteidigendes Verhalten“ gewesen.

Menschenverachtend und emotionslos“ habe die Angeklagte über ihr Kind gesprochen. Gegenüber den Ärzten und der Polizei habe sich die 26-Jährige dann völlig desinteressiert gezeigt. Wegen schwerer Misshandlung Schutzbefohlener solle die Frau fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis, ihr Ex-Mann wegen Unterlassen drei Jahre. Er hätte die Verletzungen beim Baby gesehen, aber nichts unternommen.

Für den Verteidiger der Mutter, Jörg Zürner, steht dagegen überhaupt nicht fest, dass die 26-Jährige die Täterin ist. „Die Rechtsmedizinerin konnte keinen genaueren Zeitpunkt nennen, wann das alles passiert ist.“ Daher käme auch ihr Ex-Mann als Hauptschuldiger infrage. Und: Eine Nachbarin habe am Tag zuvor, dem 24. Juni 2020, schließlich lautes, männliches Brüllen und ein „Klatschen“ aus der Wohnung vernommen.

Die Whatsapp-Nachrichten, in denen sich die Angeklagte immer wieder über ihr Kind beschwerte, dürfe man nicht überbewerten: „Beim Notruf hörten wir eine ganz andere Mutter. Alles andere als lieblos oder teilnahmslos.“ Rechtsanwalt Zürner fordert acht Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung, wegen Körperverletzung durch Unterlassen.

Der Verteidiger des angeklagten Ex-Mannes (37) der Mutter, hält sich in seinem Plädoyer dagegen eher an die Staatsanwaltschaft. Anwalt Axel Reiter: „Warum hätte mein Mandant das tun sollen? Es gibt keinen Grund.“ Der Angeklagte sei ein ruhiger, zurückgezogener Mensch, eher sei die Mutter übergriffig. Selbstverständlich hätte der 37-Jährige die Verletzungen beim Baby mehr hinterfragen müssen. Der Anwalt sieht ihn schuldig der Körperverletzung durch Unterlassen und fordert für den Angeklagten zehn Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung. 

Auch das Urteil wird am Traunsteiner Landgericht noch heute verkündet. 

Update, 15.20 Uhr - Rechtsmedizinerin: „Das sehe ich in 30 Jahren zum ersten Mal“

Bei der sogenannten U5-Untersuchung am 11. Mai 2020 war das Baby noch unauffällig, am 25. Juni 2020 wurde dann in einer Münchner Spezialklinik ein komplizierter Schädelbruch festgestellt. Das berichtet jetzt eine Rechtsmedizinerin dem Traunsteiner Landgericht. Und nicht nur das: Blaue Flecken am ganzen Kopf, im Gesicht, am Körper, ein gebrochener Unterkieferknochen, Netzhautblutungen im Auge.

Die Schädelfraktur muss durch „stumpfe Gewalt“ passiert sein, ist sich die Rechtsmedizinerin sicher. Andere Erklärungen, wie Selbstverletzung des Babys an den Gitterstäben des Baby-Bettes oder einen Sturz, schließt sie aus. Die Blutungen unterhalb der Schädeldecke seien außerdem recht frisch gewesen, die Tat muss also relativ kurz, maximal einige Tage zuvor passiert sein.

Außerdem stellte die Rechtsmedizinerin eine seltene Netzhautfalte beim sieben Monate alten Baby fest: „Das deutet auf starkes Schütteln hin.“ Und zum gebrochenen Unterkieferknochen fällt ihr in erster Linie ein: „Das sehe ich bei einem Baby zum ersten Mal in 30 Jahren.“ Das Kleinkind sei trotzdem noch „relativ gut“ aus der Sache herausgekommen. Der anfangs „hochkritische Zustand“ habe sich in der Klinik stabilisiert. 

Update, 13.14 Uhr - „Dämliches Kind!“: Böse Sprachnachrichten über Baby

Nachdem unter anderem der Notruf ausgewertet wurde, den die Angeklagte am Abend des 24. Juni 2020 aus ihrer Wohnung im Raum Haag absetzt, geht es jetzt an Sprachnachrichten ihres Handys. Vor allem Sprachnachrichten an eine gute Freundin werden vor dem Landgericht abgespielt. Sie zeugen von einer oft genervten und gestressten Mutter.

„So ein dämliches Kind! Sie kann nicht mal irgendwelche Sachen festhalten“, klagte die 26-Jährige in einer Sprachnachricht an besagtem Tag. Das sieben Monate alte Baby trinke nicht, es haue sich immer wieder den Kopf an, werde blau... Von kompletten Ausrastern oder gar Gewalt ist in den Sprachnachrichten aber nichts zu hören. Während des Abspielens schluchzt die Angeklagte im Gerichtssaal immer wieder.

Der Vorsitzende Richter Ziegler hält fest: „Da ist Verachtung herauszuhören“, und blickt zur Angeklagten. „Ja, ich war definitiv genervt. Weil sie (das Kleinkind, Anm.) immer nichts trank und ich konnte mir nicht weiterhelfen.“ Die Handy-Auswertung ergab außerdem, dass die Frau am mutmaßlichen Tatabend immer wieder googelte: „Baby sieben Monate trinkt nicht“, „Baby sieben Monate verweigert Nahrung“.

„Sie lag apathisch in ihrem Babybett“, beschreibt die Angeklagte erneut die Szenerie. „Sie nahm keine Flüssigkeit auf und von dem Brei hat sie nur zwei Löffel gegessen. Dann kamen die Erstickungen. Als ich ihr dann auf den Rücken geklopft habe, fiel der Kopf schon zur Seite“, so die 26-Jährige. Die Schädelfraktur oder das zugeschwollene Auge beim Baby kann dadurch selbstverständlich nicht erklärt werden ...

Weitere Widersprüche tun sich vor Gericht auf: Während die Angeklagte beim Telefonat mit der Notrufzentrale noch aufgelöst und besorgt wirkte, war das nur kurze Zeit später wohl schon völlig anders. Ein Polizist, der nach dem Notarzt-Einsatz in der Wohnung der Familie war, berichtete bereits, sie habe nie gefragt, wie es dem Baby gehen würde, das da schon längst von einem Hubschrauber in eine Spezialklinik gebracht wurde.

Auch bei einer Polizeivernehmung wenige Tage später das gleiche Bild: „Sie wirkte sehr desinteressiert“, so einer der Beamten im Zeugenstand - „Sie hat nie gefragt, wie es inzwischen dem Kind geht. Ganz komisch.“

Nun erwartet das Gericht die Aussage der Rechtsmedizinerin, die das Baby in einer Münchner Spezialklinik untersuchte. Es überlebte all die Gewalt und ist heute bei einer Pflegefamilie untergebracht. Auch die Plädoyers werden heute am Traunsteiner Landgericht noch gehalten, womöglich fällt auch noch das Urteil. 

Update, 11.22 Uhr - Notruf der Angeklagten vor Gericht: „Hilfe, das Baby ist wie auf K.O.-Tropfen!“

Vor Gericht wird jetzt der Notruf abgespielt, den die Angeklagte am 24. Juni 2020 absetzte. Man hört sie aufgelöst, teils panisch: „Ich brauche ganz schnell Hilfe, mein Kind atmet nicht mehr. Es wird am Kopf hinten blau und zuckt ganz komisch. Atmet nur noch ganz schwer. Es rührt sich fast nicht mehr. Das Herzerl pumpt, aber sie ist wie auf K.O.-Tropfen. In der letzten Zeit war alles normal...” Im Hintergrund hört man manchmal das Baby etwas stöhnen.

Der Notruf deckt sich mit den Angaben, die die 26-Jährige auch vor Gericht machte. All die blauen Flecken, ein zugeschwollenes Auge und die Schädelfraktur beim Baby fiel dann aber erst später in der Münchner Kinderklinik auf. Während der Notruf abgespielt wird, beginnt die Frau im Verhandlungssaal langsam zu schluchzen. Sie sieht sich unschuldig, sei für die lebensgefährlichen Verletzungen bei dem Kleinkind nicht verantwortlich.

Auch ihr Ex-Mann, der wegen Unterlassen ebenfalls angeklagt ist, rückt wieder ins Zentrum der Verhandlung. Der Vorsitzende Richter Volker Ziegler geht auf die Vorstrafen des 37-Jährigen ein. Darunter nicht nur Diebstahl, Betrug und Drogendelikte, sondern auch schwerer sexueller Kindesmissbrauch und Körperverletzung. Fest steht aber: Am Abend und in der Nacht, an dem die Angeklagte den Notarzt holte, war er in der Arbeit und kam wohl erst in der Früh des 25. Juni 2020 wieder heim.

Nun wird auch das Handy der Angeklagten ausgewertet, welche Sprachnachrichten sie im Tatzeitraum an Freundinnen schickte. 

Vorbericht

Am 24. Juni 2020 soll es in der Nähe von Haag im Landkreis Mühldorf zu einem wahren Gewaltexzess gekommen sein: Als das Baby einer heute 26-Jährigen schrie, habe sie es zuerst heftig geschüttelt und dann entweder geworfen oder den Kopf des Babys gegen einen harten Gegenstand geschlagen. Die Folgen: Ein Schädelbruch, Bewusstseinsverlust und mehrere Wochen Krankenhaus waren die Folge. Auch in den Tagen zuvor soll die Mutter dem sechs Monate alten Kind blaue Flecken, etliche Kratzer und ein zugeschwollenes Auge zugefügt haben.

Am Donnerstag (8. Dezember) ab 8.30 Uhr wird der Prozess gegen die 26-Jährige am Landgericht in Traunstein fortgesetzt. Beim Prozessauftakt beteuerte sie ihre Unschuld: „Ich habe definitiv nichts getan.“ Die Frau verdächtigte dagegen ihren Ex-Mann. Auch er ist angeklagt, aber nur, weil er gegen die Gewalttaten nichts unternommen haben soll. Die Aufklärung kam ins Rollen, weil die Frau an jenem 24. Juni 2020 selbst den Notarzt rief, da das Baby zu ersticken drohte. Später, in einer Münchner Spezialklinik, fiel den Ärzten dann unter anderem eine komplizierte Schädelfraktur auf.

Aufhorchen ließ beim Prozessauftakt auch die Aussage eines Polizisten, der die Mutter an dem Abend befragte: Die Wohnung, in der sich einige Hunde und bis zu zehn Katzen tummelten, soll verwahrlost und voller Gestank gewesen sein. „Als würde man in eine andere Welt eintreten...“, so der Beamte. Das Kleinkind ist heute drei Jahre alt und lebt bei einer Pflegefamilie. Es wird wohl bleibende Schäden an einem Auge davontragen. Für den Prozess waren ursprünglich lediglich zwei Verhandlungstage vorgesehen, demnach könnte am Donnerstag bereits das Urteil fallen.

chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Gerichtssaal.

xe

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte

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