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Vater aus Marquartstein hat weder Auto noch Führerschein – er sagt: "Nicht ich verzichte, sondern die anderen"

Durch bewussten Konsumverzicht und ein Leben ohne Autobewahrt sich Christoph Köhler ein hohes Maß an innerer Unabhängigkeit und Lebensqualität.

Ein Leben ohne Führerschein und Auto: Was für die meisten undenkbar erscheint, ist für Christoph Köhler seit seinem 18. Lebensjahr eine Selbstverständlichkeit. Und zwar aus voller Überzeugung.Der Waldorflehrer für Mathematik und Physik aus Marquartstein im Interview.

von Sylvia Braun

Marquartstein – Das Studium, internationale Aufenthalte und verschiedene berufliche Qualifikationen und Herausforderungen meisterte er mit dem ÖPNV, dem Fahrrad oder zu Fuß. Heute lebt der 55-Jährige mit seiner Familie in Marquartstein und ist seit 2005 Lehrer für Mathematik und Physik an der Freien Waldorfschule in Prien. Wie es zu seiner Überzeugung kam, erzählt er im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.

Wollten Sie mit dem Verzicht auf Führerschein und Auto ein Zeichen setzen?

Köhler: Nein, ökologische Maßstäbe spielten für mich mit 18 keine Rolle. Ich sah einfach keine Notwendigkeit. Mich stört die Bedeutung des Autos in unserer Gesellschaft. Ich bin in Vaterstetten aufgewachsen. Freunde besuchten sich oft ein ganzes Wochenende lang, weil sich lange Fahrrad- oder Fußstrecken sonst nicht gelohnt hätten. Es entstand eine tolle soziale Bindung. Als die ersten ein Auto bekamen, zerbrach das. Besuche wurden eine schnelle und belanglose Oberflächlichkeit.

Verzicht auf Lebensqualität? Ist das fehlende Auto für Sie persönlich ein Verzicht?

Köhler: Nicht ich verzichte, sondern die anderen: nämlich auf Lebensqualität. Ein Beispiel ist, wenn ich mit dem Auto mal schnell zum Einkaufen fahre und damit angeblich Zeit spare. Was mache ich mit dieser Zeit? Für mich bedeutet Einkaufen mehr als die Nahrungsmittelbeschaffung, es entstehen soziale Kontakte.

Wie reagierten Ihre Familie und Freunde?

Köhler: Ich hörte oft: Spätestens wenn Du studierst oder wenn Du arbeitest, brauchst Du ein Auto. Ich habe studiert, bin seit vielen Jahren berufstätig und habe eine vierköpfige Familie. Meine Frau besitzt ein Elektroauto. Sie fährt damit aber nur rund 5000 Kilometer im Jahr. Unsere Kinder sind für manche Wegstrecken noch zu klein für das Fahrrad.. Hier machen wir bedacht Kompromisse.

Nachhaltigkeit als Lebensziel

Haben sich die Beweggründe verschoben?

Köhler: Früher war die positive ökologische Wirkung ein Nebenprodukt meiner bewussten Lebensführung. Die Langsamkeit der Bewegung und der Verzicht auf Konsum bedeuten für mich einen hohen Gewinn an Lebensqualität. Ich achte in allen Bereichen darauf, von der Herkunft der Lebensmittel - also regional, saisonal und bio - über Möbel, die ich selber baue oder repariere bis hin zu Finanzgeschäften, die ich mit dem Regionalgeld Chiemgauer erledige oder dem Konto bei einer sozial-ökologischen Bank.

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Mit Ihrem Beruf als Mathematik- und Physiklehrer hat das aber nicht viel zu tun.

Köhler: Da liegen Sie falsch. Zu zwei absolut zentralen Themen der heutigen Zeit haben diese beiden Wissenschaften viel zu sagen. Bei der Energie geht es um Physik und ich entlarve mit den Oberstufenschülern mit einfachen physikalischen Abschätzungen Mainstream-Behauptungen zum Energieverbrauch und -erzeugung als wissenschaftlich nicht haltbar. Die Mathematik kommt bei Wachstumsprozessen ins Spiel. Alles um uns herum wächst doch exponentiell: Zins und Zinseszins, Wirtschaft, Müll und der Ressourcenverbrauch als zentrale Ursache unserer heutigen Probleme. Als Waldorfpädagoge kann ich zum Glück auf diese Zusammenhänge eingehen.

Bewundert oder belächelt?

Werden Sie für Ihr konsequentes Verhalten bewundert oder belächelt?

Köhler: Meine Art des Lebens provoziert sicherlich andere, da ich ihnen immer einen Spiegel vor das Gesicht halte. Jeder Mensch hat zwei Seiten in sich. Die eine: egoistisch, geprägt von Gier, Neid, Rücksichtslosigkeit, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

Es gibt aber auch eine andere Seite: fürsorglich, bewusst, mitfühlend, ökologisch und sozial. Unser Wirtschaftssystem fördert durch Werbung, Konsum und Leistungsdenken nur die erste Seite des Menschen. Aber es gibt als Kontrollinstanz das Gewissen: Jeder Mensch weiss selber, was richtig ist und was das Menschsein ausmacht.

Waldorfschüler organisiert Diskussion zur Energiewende

Haben Sie noch Ziele?

Köhler: Selbstverständlich, sogar ganz egoistische. Ich möchte für meine Kinder ein Umfeld schaffen und bewahren, das lebenswert ist. Und ich möchte auch wieder in größeren Zusammenhängen politisch wirken. An der Priener Waldorfschule haben wir aktuell einen Kreis gebildet, der sich Schule für Nachhaltigkeit nennt und konkrete Maßnahmen im Schulumfeld erarbeitet. Denn: Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier. Das ist nicht von mir, sondern von Mahatma Gandhi.

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