Ausbau-Ziel auf dem Chiemsee-Rundweg verfehlt: 1,6 Millionen Euro Fördergeld nicht abgerufen

Diese S-Kurve der Harrasser Straße ist unübersichtlich. Viele Radler müssen auf die Fahrbahn, weil der Chiemsee-Rundweg hier entlang verläuft. Die Gemeinde Prien will die Situation für Auto- und Radfahrer durch eine Alternativ-Route verbessern. Bis zum Jahresende gibt es noch Fördergelder.
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Diese S-Kurve der Harrasser Straße ist unübersichtlich. Viele Radler müssen auf die Fahrbahn, weil der Chiemsee-Rundweg hier entlang verläuft. Die Gemeinde Prien will die Situation für Auto- und Radfahrer durch eine Alternativ-Route verbessern. Bis zum Jahresende gibt es noch Fördergelder.

1,6 Millionen Euro liegen noch im Fördertopf der Regierung für den Ausbau des Chiemsee-Radrundwegs. Die Anliegergemeinden des Bayerischen Meeres werden bis zum Jahresende wohl kaum noch etwas davon abrufen. Dann endet das Förderprogramm für den Ausbau des Radwegenetzes rund ums Bayerische Meer endgültig.

Von Dirk Breitfuß

Chiemsee – Viele der geplanten Verbesserungen sind daran gescheitert, dass die Gemeinden die nötigen Grundstücke nicht erwerben konnten.

Noch nie sind die Probleme so offensichtlich geworden wie 2020. Die Chiemseeregion ist im Corona-Jahr voller Feriengäste „Urlaub dahoam“ liegt im Trend, es ist vielleicht so voll wie noch nie im Einzugsgebiet des Chiemsees.

Regierung stellte 4,3 Millionen Euro bereit

Eine Radtour ums Bayerische Meer gehört für die meisten Touristen zum Pflichtprogramm. Fast täglich stehen die Gäste Schlange vor den Fahrrad-Verleihen. Auf dem über 50 Jahre alten Uferweg ist für so viele Radfahrer und Spaziergänger zu wenig Platz. Das war schon vor 15 Jahren so. Damals stellten die Chiemsee-Gemeinden unter dem Dach des Abwasser- und Umweltverbandes (AUV) die Weichen für ein ambitioniertes Ausbauprogramm. 44 Einzelmaßnahmen gehörten zum Konzept – alternative, neue Radwege ebenso wie Tunnel unter viel befahrenen Straßen, um die Sicherheit zu verbessern.

Die Regierung von Oberbayern öffnete ihre Schatulle weit. 4,3 Millionen Euro standen auf dem Förderbescheid, den der damalige Regierungspräsident Christoph Hillenbrand zum ersten Spatenstich in Rimsting-Aiterbach mitbrachte.

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Zweimal hat die Regierung den Förderzeitraum verlängert – und trotzdem wird am Ende wohl weit über eine Million Euro ungenutzt übrig bleiben.

In der ersten Arbeitssitzung der weitgehend neu besetzten Verbandsversammlung des AUV musste deren ebenfalls noch neue Umweltbeauftragte Susanne Mühlbacher-Kreuzer ein ernüchterndes Fazit ziehen. Demnach sind von den geplanten 44 Fördermaßnahmen nach Aussage des beauftragen Ingenieurbüros Dippold und Gerold aus Prien nur 24 fertiggestellt. Neun Maßnahmen seien im Laufe der Zeit entfallen und elf würden noch ausstehen.

Die meisten Probleme seien beim Erwerb der nötigten Grundstücke aufgetreten. Der AUV hat zusammen mit dem Planungsbüro das Gesamtprojekt zwar koordiniert. Für die Vorbereitung der Einzelmaßnahmen sowie eine Teilfinanzierung waren aber immer die betroffenen Kommunen verantwortlich. Die Besitzer von Grundstücken seien offenbar immer weniger bereit, benötigte Grundflächen für den Ausbau abzugeben folgerte Mühlbacher-Kreuzer in der Sitzung. Im Moment versuche der AUV, eine Gefahrenstelle des Uferweges in der Harasser Straße in Prien zu entschärfen, berichtete die Umweltbeauftragte.

Hoffnung für die Harrasser Straße

Konkret geht es um die S-Kurve, in deren Verlauf die Straßen zum Chiemsee Yachtclub (CYC) und nach Ernsdorf einmünden. Zwischen Schöllkopf und Hafen müssen Radler kilometerweit auf der Harrasser Straße fahren, die gerade in der Hauptsaison auch voller Pkw ist. Es ist der vielleicht ungemütlichste Teil der gut 60 Kilometer langen See-Umrundung im Sattel.

Die Passage beim CYC gilt als unübersichtlichstes Teilstück. Als neue Alternative ist ein 700 Meter langer Weg westlich der Harrasser Straße geplant. Wie aus dem Rathaus zu erfahren war, sind die Grundstücksverhandlungen aber noch nicht endgültig abgeschlossen. Sollte eine Einigung erzielt werden, will der Markt Prien noch heuer bauen. Dann könnte dieser Radweg vielleicht das letzte geförderte Einzelprojekt werden.

Danach obliege es den Chiemsee-Gemeinden, selbstständig für einen weiteren Ausbau des Chiemsee-Rund- und Radweges zu sorgen, schloss Mühlbacher-Kreuzer ihren Bericht.

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Ihre Vor-Vorgängerin als AUV-Umweltbeauftragte, Marlene Berger-Stöckl, war einst die treibende Kraft der Rundweg-Initiative. Sie hatte visionäre Ideen. Sogar ein Steg übers Wasser zwischen Bernau-Felden und Prien-Harras am Irschener Winkel stand zeitweise auf der Wunschliste.

Die ersten Rückschläge ließen nicht lange auf sich warten. Zum Beispiel scheiterten Bestrebungen, den alten Uferweg unter anderem zwischen Prien und Bernau zu verbreitern, damit sich Radler und Fußgänger besser ausweichen können, am Widerstand der Naturschutzbehörden.

Beim Start des Rundwegs-Programms war als ehrgeiziges Ziel ausgegeben worden, den ausgebauten Chiemsee-Radrundweg am Ende vom Allgemeinen Fahrradclub Deutschlands (ADFC) als Premium-Radweg zertifizieren zu lassen. Ein solches Gütesiegel gilt als Lockmittel für Fahrradtouristen, die sich bei ihrer Suche nach neuen lohnenswerten Routen an solchen Merkmalen orientieren.

Anfang 2019 wurde dieses Ziel aufgegeben. Die AUV-Verbandsversammlung beschloss damals einstimmig, keinen Antrag auf Zertifizierung zu stellen, weil ohnehin schon so viele Radler auf dem Uferweg unterwegs seien.

Mit ausschlaggebend für die Entscheidung waren schon damals die Erkenntnisse, dass mancher Ausbau-Wunsch am fehlgeschlagenen Grunderwerb gescheitert ist und dass es bei der Suche nach Alternativrouten immer wieder Interessenskonflikte gab.

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Das vielleicht beste Beispiel lieferte Übersee: Die Beschilderung über Wege auf den weitläufigen Feldern und Wiesen südlich der Autobahn musste 2018 wieder abmontiert werden. Es gab heftige Widerstände von Grundstückseigentümern. Die Alternativroute weit abseits der Autobahn über den Westerbuchberg enthält ein extremes, sturzträchtiges Teilstück, das nicht den Kriterien für die Zertifizierung entspricht. Ein Premium-Radweg darf nur ein kurzes Stück an einer Autobahn entlang führen, deshalb suchte der AUV eine andere Strecke. Zwischen Übersee und Bernau stand ihm aber das riesige Gelände der Justizvollzugsanstalt Bernau im Weg, das für die Öffentlichkeit gesperrt ist.

Servicestationen für E-Bike-Fahrer

Trotz aller Rückschläge hat sich seit Hillenbrands Spatenstich rund um den Chiemsee vieles zum Besseren verändert. Landkreis übergreifend gelang es, ein einheitliches Beschilderungssystem mit Entfernungsangaben und Alternativrouten zu etablieren. Für die steigende Zahl von E-Bikern entstanden Servicestationen unter anderem mit Lademöglichkeiten. Neue Radwege gibt es inzwischen unter anderem entlang von Straßen in Rimsting und Grabenstätt.

Im Gegenzug konnten seenahe Abschnitte für Radler gesperrt werden, Spaziergänger sind dort nun unter sich. Gstadt und Breitbrunn hatten auf eigene Kosten schon solche getrennten Passagen geschaffen, bevor die Regierung F��rdermittel zur Verfügung stellte.

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