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Ein letzter Besuch bei Papst Benedikt XVI.

Auch Pilger aus der Region - Tausende erweisen Papst Benedikt die letzte Ehre

Vor dem Petersdom in Rom haben sich lange Schlangen gebildet. Mit dabei waren auch Matthias Mitlöhner und Sohn Korbinian aus Rosenheim.
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Vor dem Petersdom in Rom haben sich lange Schlangen gebildet. Mit dabei waren auch Matthias Mitlöhner und Sohn Korbinian aus Rosenheim.
  • Martin Lünhörster
    VonMartin Lünhörster
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Während viele Gläubige und Pilger auf dem Weg nach Rom sind, um dem verstorbenen Papst Benedikt die letzte Ehre zu erweisen, sind zahlreiche Bayern bereits vor Ort. Denn eines vereint sie alle: der Stolz einen „eigenen“ bayerischen Papst gehabt zu haben.

von Julius Müller-Meiningen und Martin Lünhörster

Rimsting/Rom - „Die Stimmung ist gut”, erzählt Johann Nußbaum. „Wie haben gerade über den Papst gesprochen.” Seit 6 Uhr früh am Mittwoch sitzt er gemeinsam mit vielen anderen Gebirgsschützen in einem von insgesamt vier Bussen auf dem Weg nach Rom. Der Autor aus Rimsting hat zwei Bücher über Papst Benedikt den XVI. geschrieben, hat ihn mehrere Male getroffen, auch in Rom. Dorthin ist er nun wieder unterwegs, um Benedikt die letzte Ehre zu erweisen. 13 Stunden soll die Busfahrt insgesamt dauern.

Am Donnerstag, dem Tag der Beisetzung Benedikts, geht es gleich in der Früh los, die Gebirgsschützen rücken gemeinsam aus. Sie haben sich schon im Vorfeld angekündigt, um einen guten Platz für die Audienz mit dem Papst zu bekommen. Auch eine Musikkapelle aus Traunstein ist mit in Rom dabei, „die werden auch was spielen, aber wir wissen noch nicht, wann und wo”, sagt Nußbaum. 

Er erwartet aber eine große Zeremonie. „Der jetzige Papst erweist Benedikt eine große Ehre und gibt ihm einen großen Abschiedsgottesdienst.”

Während die Bayerischen Gebirgsschützen noch unterwegs sind, machten sich viele andere bayerische Pilger bereits vor einigen Tagen auf den Weg in den Vatikan. Auch um Benedikt noch einmal zu sehen: Er war bis Mittwoch im Petersdom aufgebahrt.

Im Bus nach Rom

Es ist Dienstagmorgen auf der Autobahn kurz vor Rom, als Pfarrer Thomas Jeschner die Totenvesper anstimmt. Die 35 Begleiterinnen und Begleiter im Bus singen mit. Fast 12 Stunden Fahrt liegen da schon hinter der Reisegruppe aus Bayern, die am Vorabend aus Regensburg und München aufgebrochen ist. Als am Silvestertag die Nachricht des Todes von Papst Benedikt XVI. die Runde machte, begannen überall in Bayern kleine Ringkämpfe mit dem eigenen Ich. Warum nicht Benedikt, dem Papst aus Bayern, im Petersdom die letzte Ehre erweisen, obwohl eine nächtliche Busfahrt eine erhebliche Anstrengung bedeutet?

„Einen Papst aus Bayern bekommen wir so schnell nicht wieder“, sagt am Nachmittag ein etwas erschöpfter Florian Obermeier, der aus Bernhardswald im Landkreis Regensburg mitgekommen ist. „Wir haben uns am Silvestertag eigentlich schon gegen die Fahrt entschieden gehabt, aber dann an Neujahr nachmittags doch gesagt: des machma!“ Am 2. Januar abends bestiegen er und Dietmar Weigert den Bus. Jetzt sind die beiden hier.

Zehntausende stehen in der Warteschlange

Obermeier steht vor dem Petersdom, hat sich von Benedikt XVI. verabschiedet und einen hastigen Blick auf seinen Leichnam werfen können. Es ist ein Paradox: die 13 Stunden dauernde Anfahrt für die vom bayerischen Pilgerbüro organisierte Gruppe und im Vatikan geschieht dann alles in erbarmungsloser Eile. Man bekommt von den Ordnern in der Basilika kaum Zeit, vor dem aufgebahrten Leichnam innezuhalten. 25 000 Menschen waren es am Dienstagvormittag, die in den Dom strömten, am Vortag gar 65 000. Die Polizei hatte mit weniger als der Hälfte gerechnet. 

Obermeier und Weigert haben sich dann aber ein paar Minuten Ruhe an einem Seitenaltar nehmen können. „Wir haben ein Vaterunser dagelassen“, sagt Weigert, „für den emeritus und unsere eigenen Anliegen“. Am Dienstagmorgen fuhren zwei weitere Busse aus Regensburg und München los. Insgesamt kommen auf diese Weise 200 bayerische Pilger nach Rom, um Benedikt die letzte Ehre zu erweisen und an seiner Begräbnisfeier am Donnerstag teilzunehmen. Es sind Gläubige, Verehrer Joseph Ratzingers, auch ein Benedikt-Skeptiker ist unter ihnen. Die Menschen kommen aus München, Regensburg, Augsburg, Würzburg, Landshut, Cham, Scheyern, Bad Feilnbach – und jeder hat seine ganz eigene Geschichte und Sicht auf den im Alter von 95 Jahren verstorbenen emeritierten Papst.

Gisela Steiner kommt aus Oberstdorf im Allgäu. Spontan entschied sie sich, in Rom Abschied von Benedikt XVI. zu nehmen. Gut, dass ihre Kinder und Enkel gerade da waren. Der Sohn fand für sie heraus, dass das Pilgerbüro in München Busse organisiert, ihre Tochter fuhr sie dann zum Treffpunkt nach Fröttmaning. „Es ist schon ein bisschen allerhand, dass ich, die Oma, meine zu mir gekommenen Kinder und Enkel stehen lasse und einfach nach Rom fahre“, sagt die bald 80-Jährige auf dem Weg zum Petersdom und lacht.

Was bleibt vom Theologen Josef Ratzinger

Steiner muss gute Gründe für so eine Fahrt haben. Ganz gewiss ist es ihre Verbundenheit mit dem katholischen Glauben, der ihr in schwierigen Lebenssituationen immer wieder geholfen hat. Und ja, sie mochte den zurückhaltenden Bayern auf dem Stuhl Petri. Steiner sagt, ihr hätten die Bücher Joseph Ratzingers so gefallen. Dann gab es eine Zufallsbegegnung in Altötting mit dem Papst. Er fuhr mit dem Auto vorbei und Steiner sah, wie sehr Ratzinger sich über die ihn grüßenden Menschen freute. „Wie ein Kind“, sagt sie. Jetzt steht die Oberstdorferin in der Schlange vor dem Petersdom und sagt noch einen Satz: „Vor seinem Tod wurde an seiner Ehre gekratzt. Ich bin jetzt auch gekommen, um ihm die Ehre zu erweisen.“

Eine Frau in der Schlange, eine des Deutschen mächtige Italienerin, hört Steiners Worte und stimmt ihr spontan zu. Die zwei älteren Damen unterhalten sich nun über Benedikts Erbe. Sie verehren ihn nicht blind, haben in ihm aber einen großen Halt und heilsamen Kontrapunkt zu schwindelerregenden Entwicklungen erfahren. „Der Umbruch im Umgang mit Sexualität war enorm 1968“, sagt Steiner. Dass sich da einer klar gegen diesen Sinneswandel positionierte, tat ihr gut. „Bei jeder Neubewertung gibt es auch Fehlbewertungen, das ist ja im eigenen Leben auch nicht anders“, meint sie. Dass Benedikt XVI. zum Ende mit einer Heftigkeit als Lügner beschimpft wurde, weil er als Erzbischof von München Fehler im Umgang mit Missbrauchstätern begangen haben soll, war eine Grenzüberschreitung für sie. Auch deswegen ist sie nun hier im Petersdom.

Beim Eintreten ziehen die Menschen in der Schlange ihre Handys aus der Tasche. Steiner, im dicken Wintermantel und mit rotem Stirnband, bleibt kurz stehen und schließt die Augen. Betet sie? Dankt sie? „Lasst Euch nicht vom Glauben abbringen!“ An diesen Satz aus Benedikts geistigem Testament muss sie jetzt denken. 

Wenige Minuten später steht sie vor dem Leichnam Benedikt XVI. Sie will auch ein Foto machen, aber vor lauter Menschen und der Eile der Ordner gelingt der Schuss nicht. Steiner geht weiter, blickt nach rechts zum aufgebahrten Papst, hält noch einmal inne. Dann drängen die Ordner zum Weitergehen. Es ist ein etwas würdeloser Abschied, da stimmt Steiner zu. „Aber es reicht, um ein inneres Bild von ihm zu behalten“, sagt sie.

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