So hilft eine Psychotherapeutin Krankenhaus-Mitarbeitern durch die Belastung der Corona-Krise

Mitarbeiter der Kliniken Südostbayern AGkönnen sich an das interdisziplinäre Team der psychosozialen Beratung wenden, wenn sie Themen im beruflichen, familiären, gesundheitlichen oder persönlichen Bereich belasten. Auf dem Bild – stellvertretend für das Team – ist Diplompsychologin Andrea Rotter im persönlichen Gespräch. Reuter

Besonders Mitarbeiter in Krankenhäusern sind in der Corona-Krise aufgrund der körperlichen und seelischen Anforderungen besonderen Belastungen ausgesetzt. Welche breit aufgestellte Unterstützung in der Krisenlage die Kliniken Südostbayern AG für Mitarbeiter anbietet, erklärt die psychologische Psychotherapeutin Andrea Rotter .

Von Ina Berwanger

Traunstein – Ängste und Unsicherheiten begegnen vielen Menschen in diesen Tagen der Corona-Pandemie. Psychotherapeutin Andrea Rotter erklärt im Namen ihres Interdisziplinären Teams, welche Hilfestellung die Kliniken Südostbayern AG für ihre Mitarbeiter leistet.

Frau Rotter, welches sind die Aufgaben der psychosozialen Beratung?

Andrea Rotter: Die Mitarbeiter können sich an uns wenden, wenn sie Themen im beruflichen, familiären, gesundheitlichen oder persönlichen Bereich belasten. Ihnen stehen unsere interdisziplinären Teams aus Psychologen, Therapeuten und Seelsorgern in allen sechs Häusern der Kliniken Südostbayern als Ansprechpartner zur Verfügung. Wir hören im geschützten Raum zu, unterliegen der Schweigepflicht, sind zugewandt, empathisch und wohlwollend. Oft schafft schon das erste Gespräch Entlastung, ermöglicht wieder Orientierung in einer unübersichtlich erscheinenden Lage. Um Strategien zur Stabilisierung und Bewältigung zu entwickeln, können auch weitere Gespräche stattfinden. Wenn eine Belastungssituation jedoch einer weiterführenden Behandlung bedarf, empfehlen wir niedergelassene Kollegen.

Zuhören im geschützten Raum Gibt es darüber hinaus weitere Hilfsangebote?

Andrea Rotter: Ja, ergänzend zu unserem Mitte April aufgrund der Corona-Krise geschaffenen internen Unterstützungsangebot steht unseren Mitarbeitern im Rahmen der Stärkung der betrieblichen Gesundheitsvorsorge des Klinikverbundes schon seit einiger Zeit ein telefonisch und via Live-Chat rund um die Uhr erreichbares Portal eines externen Dienstleisters als kompetenter und auch der Schweigepflicht unterliegender Ansprechpartner für die psychosoziale Beratung zur Verfügung. So kann jeder Mitarbeiter für sich entscheiden, ob er lieber auf eine externe Stelle zurückgreifen oder einen Kollegen vor Ort, dessen Gesicht er vielleicht schon einmal gesehen oder mit dem er zusammengearbeitet hat, ansprechen möchte.

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Warum ist die Beratung gerade aktuell besonders wichtig?

Andrea Rotter: Die Corona-Pandemie betrifft uns alle in ganz unterschiedlichen Facetten, sie bedeutet für jeden von uns andere Herausforderungen. Aber auch, wenn jeder mit der Pandemie anders umgeht, also zum Beispiel vielleicht eher ängstlich ist oder eher zum Verdrängen neigt, kann auch jeder Mensch an die Grenze seiner Verarbeitungsmöglichkeiten kommen. Nicht unterschätzt werden darf auch, dass besondere Belastungen und anhaltender Stress zu zunehmender Erschöpfung bis hin zu einem Gefühl des Ausgebranntseins führen können, fatalerweise zumeist in der letzten Phase verbunden mit einer sehr unangenehmen Handlungs- und Arbeitsunfähigkeit.

Das ist aber nur eine Seite oder?

Auf der anderen Seite können Menschen, die mit Extremsituationen, wie der bei uns glücklicherweise bisher noch nicht notwendigen Triage, konfrontiert werden, als eine Art interner Notfallreaktion in eine seelische Erstarrung kommen, ihre seelische Seite ausschalten. In beiden Fällen kann ein unterstützender Kontakt durch die psychosoziale Beratung einer Chronifizierung oder anhaltenden Traumafolgen vorbeugen, beides sollte natürlich im Interesse der betroffenen Mitarbeiter unbedingt vermieden werden.

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Welche Themen belasten Klinik-Mitarbeiter besonders?

Andrea Rotter: Wegen ganz unterschiedlicher Lebensrealitäten haben wir eine ganz große inhaltliche Bandbreite. Dazu gehört etwa die Frage nach ausreichender Schutzkleidung. Es gibt aber natürlich wie in allen Kliniken und Pflegeheimen auf der Welt unter dem Personal auch nachvollziehbare Ängste, sich mit Corona anzustecken oder andere mit dem Virus anzustecken. Belastend ist für viele auch die Ungewissheit darüber, wie lange der Ausnahmezustand noch andauern wird. Andere leiden unter den extremen Bedingungen, über Stunden in der Schutzkleidung zu arbeiten, verschwitzt und erschöpft zu sein und Kopfschmerzen zu haben. Zu den Sorgen am Arbeitsplatz kommen vielfach auch noch solche um die gerade gehäuften familiären Belastungen. Oder es tauchen Fragen auf wie diese: „Wie komme ich wieder runter? Wie kann ich wieder schlafen?“

Die eigenen Grenzen rechtzeitig erkennen Warum sollten Helfer in Krisensituationen rechtzeitig um Hilfe anfragen?

Andrea Rotter: Menschen in helfenden Berufen bemerken lange nicht, dass ihre Grenze schon längst überschritten ist. Vielleicht entwickeln sie sogar Scham oder haben Angst vor Stigmatisierung, schließlich gibt es noch viel zu viele Vorurteile gegenüber psychischen Symptomen und normalen Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Helfer sind gewohnt, ihren Fokus auf andere zu richten, sie haben auch ein eigenes Selbstbild. Wir neigen dazu, für andere stark, professionell und belastbar zu sein. Gerade unter anhaltenden Stress verliert man aber leicht den Kontakt zu seinen Ressourcen und kann so in einen Teufelskreis schlittern. Unser Angebot versteht sich damit als Schutzfaktor, um möglichst unbeschadet durch eine außergewöhnliche Zeit zu kommen. Davon profitieren übrigens auch unsere Patienten, denn ein stabiler Helfer ist auch aufnahmefähiger für seine Umwelt.

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