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Heimatinterview

„Armageddon Oberbayern“? Autorin Ronja von Rönne über den Chiemgau

Ronja von Rönne lebt in Berlin und hat gerade ihren zweiten Roman veröffentlich.
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Ronja von Rönne lebt in Berlin und hat gerade ihren zweiten Roman veröffentlich.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Grassau – Die Autorin und Moderatorin Ronja von Rönne (29) lebt in Berlin, ist aber in Grassau aufgewachsen und hat am Staatlichen Landschulheim Marquartstein ihr Abitur gemacht. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit ihr über ihr nicht ganz einfaches Verhältnis zum Chiemgau und ihr neues Buch.

Frau von Rönne, ist Grassau Ihre Heimat?

Ronja von Rönne: Ich war drei Jahre alt, als ich hierher gekommen bin. Meine Eltern haben davor in Berlin gelebt und dann ein Grundstück in Grassau geerbt. Obwohl ich hier aufgewachsen bin, fühle ich mich immer noch als Zugezogene. Aber das Haus hier, der Baggersee um die Ecke, schwimmen in der Tiroler Ache: All das ist mir heilig und ja, für mich Heimat.

Wenn man Ihnen in den Sozialen Medien folgt, scheint Ihr Verhältnis zur Region ambivalent zu sein.

von Rönne: Ich glaube, da geht es vielen Leuten so, die mal die Heimat verlassen haben. Denn erst mal ist Heimat das, was man als normal empfindet. Wenn man weggeht, merkt man, dass es auch anders geht. Ich glaube, es ist am ehrlichsten, wenn man ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Heimat hat: Einerseits muss man sich emanzipieren, andererseits auch schätzen, wo man herkommt.

Was schätzen Sie nicht so?

von Rönne: Ich fand damals zum Beispiel schon befremdlich, dass ich als Kind während des Religionsunterrichts auf dem Flur warten musste. Ich spreche immer noch kein bairisch, obwohl ich hier so lange gelebt habe. Es gibt viel Lokalpatriotismus, der schon sehr einschüchternd sein kann, wenn man hier nicht aufgewachsen ist. Ich glaube eigentlich, dass man seine Heimat feiern kann, auch wenn nicht alles ideal war. Heute ist es so, dass ich in Berlin zuhause bin und in Bayern daheim. Jedes Mal wenn ich über den Irschenberg fahre und in die Berge blicke, dann denke ich „hach - dahoam“.

War das Schreiben insofern eine Flucht?

von Rönne: Es war eigentlich immer schon so, dass ich mir Geschichten ausgedacht habe. Schon als kleines Kind. Irgendwie hat nie jemand „Stop“ gesagt und irgendwann, zwanzig Jahre später, kam dann der erste Buchvertrag, so die Kurzversion. Ich habe einen Blog geschrieben, den hat jemand von der Welt am Sonntag entdeckt. Dann habe ich erst für die geschrieben. Es ist mir irgendwie passiert, wie so ein Internet-Märchen aus den 2000ern. Dem Thema Heimat würde ich mich auch mal gerne widmen. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, ob der Titel „Meine schöne Bergheimat“ oder „Armageddon Oberbayern“ lauten würde. (lacht)

Worum geht es denn dann in Ihrem neuen Buch?

von Rönne: Es geht um zwei Frauen, eine ist 15, die andere 70. Und beide haben den Entschluss, zu sterben. Ich schreibe ganz gerne über dunkle Themen humorvoll. Es geht um Depressionen und die Gründe, warum man sterben wollen würde. Aber eben auch um die sehr viel besseren, warum das Leben trotz allem lebenswert ist.

Hat das Buch einen autobiografischen Bezug?

von Rönne: Es ist Fiktion. Ich habe einen guten Schriftstellerfreund, Benedict Wells, der immer sagt: Alles erfunden, aber alles empfunden. Die Figuren habe ich mir ausgedacht, das ist auch mein Stolz als Autorin. Sonst würde ich meine Tagebücher veröffentlichen. Aber ich glaube, man kann gar nicht verhindern, dass im Buch etwas Persönliches von mir drin steckt. Mein Mann, der absolut unverzichtbar für den Schaffensprozess dieses Buches war, meinte irgendwann, dass sehr viel Ronja in den Figuren steckt - vielleicht stimmt das, ich bin keine sehr gute Leserin meiner eigenen Texte.

Sie machen keinen Hehl daraus, dass Sie psychische Probleme haben.

von Rönne: Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich das verstecken muss. Vielleicht weil ich das große Glück habe, Freunde und Familie zu haben, vor denen ich mich nicht verstecken muss, die im Gegenteil so etwas ernst nimmt und mir nicht Tipps gibt wie: „Geh doch mal spazieren, dann gehen deine Depressionen weg.“

Es war für mich auch auf einer ganz anderen Ebene lohnend, offen mit diesem Thema umzugehen: Viele Leser und auch viele die mir bei Instagram folgen, waren sehr dankbar, weil das Stigma durchbrochen wurde.

Inwiefern?

von Rönne: Psychische Erkrankungen sind eben für einen Großteil der Deutschen immer noch ein sehr schambehaftetes Thema. Für mich war es eine Erleichterung: Ich musste Lesungen nicht absagen und mir was ausdenken, sondern konnte ehrlich sein. Ein Lügengebilde zu erbauen, um die Depression zu verstecken, ist auf Dauer wahnsinnig kräftezehrend. Ich will nur nicht die Galionsfigur von mentaler Gesundheit werden. Da geht es ganz vielen so und es ist keine „romantische“ Erkrankung, sondern eine, die wirklich jeden treffen kann. Depression ist keine Künstlerkrankheit, sondern eine Volkskrankheit.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg oder Ruhm?

von Rönne: Ruhm ist mir nicht so wichtig. Die vergangenen beiden Jahre habe ich mich eher zurückgezogen und nicht viel veröffentlicht. Das hat mich jetzt aber nicht unglücklich gemacht. Erfolg nehme ich eher so wahr, dass mir Geld Sicherheit bietet. Mich beruhigt das einfach, wenn ich weiß, dass ich einen Beruf habe, der meine Miete bezahlt. Es ist ein Luxus, dass ich mit etwas, dass ich liebe, Geld verdienen kann. Ein riesiges Privileg. Es ist aber gefährlich, seinen Selbstwert auf Erfolg, gerade bei Bücher, aufzubauen. Wenn ich so drüber nachdenke, ist Erfolg für mich wohl eher, dass ich ein großartiges Umfeld mit meiner Familie, meinen Freunden, meinem Mann habe. Die Öffentlichkeit ist eher ein Vehikel für mich, auf meine Bücher aufmerksam zu machen. Denn was nützt ein Buch, wenn niemand es liest.

Können Sie sich vorstellen, wieder im Chiemgau zu leben?

von Rönne: Mein Bruder ist jetzt von Berlin wieder hierher gezogen. Ich schau mir das mal bei ihm an! (lacht) Im Moment ist das keine Option. Ich mag die große Stadt und das gibt mir viel. Gleichzeitig finde ich es sehr schön, wenn ich jeden Sommer und Winter für einige Wochen heimkommen kann. Das ist schon ein ziemlicher Luxus. Im Lockdown war ich unglaublich froh, hier zu sein und nicht in Berlin.

Was ist denn Ihr Lieblingsort im Chiemgau?

von Rönne: Im Sommer die Hefteralm, wenn dort die kleinen Ponys sind. Und ich liebe die Ache. In Almau, zwischen Grassau und Übersee gibt es eine Stelle, an der ich mich im Sommer, gemeinsam mit meinem Vater und den Hunden, ein Stück weit den Fluss herunterlassen treibe. Eines der schönsten Gefühle der Welt.

In Berlin hat man ja laut Klischee immer Projekte. Was steht bei Ihnen an?

von Rönne: Gerade bin ich ganz froh, dass ich das Buch fertig habe. Ideen machen viel Arbeit. Jetzt warte ich erst mal ab, wie das so läuft. Vielleicht kauft es ja nur meine Großmutter und ein bis zwei Mitschülerinnen. Aber ich würde gerne mit meinem Mann, der Drehbuchautor ist, zusammen etwas machen. Vielleicht die Verfilmung von „Ende in Sicht“ (lacht).

Über Ronja von Rönne

Die 29-Jährige schreibt seit 2012 einen eigenen Blog namens Sudelheft. Ab 2015 arbeitete von Rönne als Journalistin für die Tageszeitung Die Welt. Für Furore sorgte sie mit einem Text zum Feminismus, für den sie den Axel-Springer-Preis bekommen sollte. Von Rönne lehnte ihn jedoch ab. Im gleichen Jahr wurde sie zum Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt eingeladen. Anfang 2016 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Wir kommen“, der auch als Theaterstück in Dresden aufgeführt wurden. Im Februar 2017 erschien im S. Fischer Verlag mit „Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben“, in dem sie neue Texte und Kolumnen aus der Welt veröffentlichte.

2017 wechselte sie zu Die Zeit und Zeit Online. Neben dem Schreiben moderiert von Rönne, unter anderem die ARD-Talkshow „Überzeugt uns!“, bei der anlässlich der Bundestagswahl 2017 Politiker Fragen von Jungwählern beantworteten, sowie das Schwarz-Weiß-Format „Streetphilosophy“ für den deutsch-französischen Kultursender Arte. Von Rönne ist mit dem Drehbuchautor Ben von Rönne verheiratet. Geheiratet hat das Paar in Grassau.

Das neue Buch

„Ende in Sicht“ handelt von der 69-jährigen Hella, die sterben will. Also macht sie sich mit ihrem alten Passat auf den Weg in die Schweiz. Auf der Autobahn fällt etwas Schweres auf die Motorhaube: Juli, 15, wollte sich von der Autobahnbrücke in den Tod stürzen. Jetzt ist sie nur leicht verletzt – und steigt zu Hella ins Auto. Zwei Frauen mit dem Wunsch zu sterben, kommen ins Gespräch.

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