„Alterssitz“ für Königin der Instrumente: Ehemalige Priener Orgel startet zweite Karriere im Hause Koch

Aus einer „Jugendliebe“ wurde eine Orgelpassion.
  • Silvia Mischi
    vonSilvia Mischi
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Durch Zufall erfuhr Michael-Klaus Koch von der Tatsache, dass die Priener Pfarrkirche eine neue Orgel erhalten soll. Das war in den 90er-Jahren. In Rimsting fand sie nach jahrelangen Restaurierungen ihren Alterswohnsitz. Dort sollen jetzt Jungorganisten durch Dozenten an dem Instrument in einer Art Meisterklasse Anleitung für ihr Spiel bekommen.

Prien/Rimsting– Wenn sie erklingt, umarmt sie einen regelrecht mit ihren Harmonien und Tönen: die Orgel. Sie gilt als Königin der Instrumente, weil sie das Höchste ist, was man als Instrument spielen kann – mit beiden Händen und beiden Füßen gleichzeitig. Verstärkt wird dieser royale Titel durch die Tatsache, das Orgeln meist in Kirchen erbaut sind und es nicht nur wegen ihres hohen Standorts auf der Empore so scheint, dass man durch ihr Spiel dem Himmel ein Stück näher rückt.

Zerstückelung des Instruments verhindert

Einzeln verpacktgingen die Pfeifen auf Reise.

Doch wenn das Instrument in die Jahre kommt oder der Holzwurm darin eingezogen ist, stehen aufwendige Restaurierungsarbeiten an. Oftmals kommt dann für die Pfarrgemeinden der Kauf eines neuen Instruments in Frage. Um Spendengelder für die Neuanschaffungen aufzutreiben lassen sich Pfarrgemeinden viele Aktionen einfallen. Eine davon kann die Versteigerung der Orgelpfeifen sein. Doch genau diese Vorstellung der „Zerfledderung“ des Priener Instruments war Anfang der 90er-Jahre für Klaus-Michael Koch ein Greuel. Er hatte an als Jugendlicher darauf gespielt und sein Herz damals an die Orgelmusik regelrecht verloren.

300 Jahre altes Gebäude verhalf zur Orgel

Die ehemalige Priener Kirchenorgel an ihrem „Alterssitz“ in Rimsting mit lapislazuli-blauer Kastenfarbe.

Der damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Josef Stöttner verstand das Anliegen Kochs, die Königin zu erhalten, und setzte sich maßgeblich für die neue Bleibe ein. In seine Karten spielte dabei, dass die Orgel nicht in irgendein Haus kam, sondern in das ehemalige Gerichtsgebäude des Erzbistums Salzburg, das Koch in Rimsting erworben hatte. Bei diesem spektakulären Projekt stand Koch der international bekannte Orgelbauer Gerald Woehl, der aus Wasserburg stammt, zur Seite, der zugleich für die neue und aktuelle Königin in der Priener Kirche verantwortlich war. „Er empfahl uns Orgelbauer der althergebrachten Handwerkskunst in Oberschlesien, also Nordtschechien. Dort war das aufwendige Vorhaben, das summa summarum drei Jahre dauerte, auch von den Löhnen her leistbar“, so Koch.

Bausatz mit tausenden Puzzleteilen

Klaus-Michael Koch zeigt einen alten Mechanismus.

Wie ein Puzzle aufgeteilt, ging dann die Orgel per Lastwagen auf Reisen. In der dreijährigen „Reha“ wurde der Wurmbefall der Holzteile behandelt. Teil mussten Bretter ersetzt werden, weil sie nicht zu retten waren. Die Pfeifen galt es zu sanieren, die Belüftungen instandzusetzen, Blasebälge zu erneuern et cetera. „Unendliche viele Kleinteile waren es. Jedes Stück hat eine Nummer erhalten und ging verpackt on Tour. Schließlich hat das Instrument allein 2300 Pfeifen“, so Koch. Die kleinste Pfeife ist gerade einmal so groß wie ein Kugelschreiber, die größte wiederum misst stolze fünf Meter. Die Auf- und Abbauten glichen einem Legospiel. Planung war dabei das A und O, schließlich musste jedes Teil auf den Millimeter genau passen. Parallel zu den Restaurierungsarbeiten in Tschechien musste das 300 Jahre alte Gebäude in Rimsting um fünf Meter verlängert werden. „Das war eine Baustelle“, erinnert sich Koch.

Der Orgelkastenauf der Empore ist maßgefertigt.

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Zudem: Die Empore der Orgel ist aus kanadische Eiche und ebenso wie die Stufen zu ihr auf Gummistreifen gebettet. Warum? „Das ist für den Klang. So entsteht ein großer Resonanzkörper, der schwingt. Das ist gerade für die Obertöne wichtig“, erläutert Koch gegenüber unserer Zeitung.

Nach fünf Jahren zog die ehemalige Priener Orgel Pfeife für Pfeife, Blasebalg für Blasebalg in Rimsting ein. „Das waren spannende Momente, ob alles passt und wie der Aufbau gelingt“, beschreibt Koch. Der Orgelkasten, quasi die Ummantelung des Instruments in dem die Pfeifen unter- und angebracht sind, war dabei eine Maßanfertigung in dem Gebäude. „Aus Lapislazuli-Staub wurde der Blauton erschaffen und aufgetragen. Das Procedere war dabei ein Versuchsballon, denn die Farbe musste immer nassbleiben, um jeglichen sichtbaren Pinselansatz zu vermeiden. 18 Stunden wurde von drei Künstlern unter der Leitung des Chiemgauer Kirchenmalers Jakob Irgang am Stück gepinselt, damit der Kasten so erstrahlt, wie er heute ist“, schildert Koch. Liebe zum Detail prägten dabei die Arbeiten jedes Beteiligten an den über 30 Registern mit je 56 Pfeifen und Tasten. Es gibt sowohl Metall- als auch Holzpfeifen. Letztere sollen Flöten und Oboentöne nachempfinden.

Blick in das Innere: Klaus-Michael Koch zeigt die gelben Filzplättchen bei den Pfeifen.

„Mehrere Wochen dauerte es, bis die Orgel mit dem Haus und den darin vorherrschenden Temperaturen zusammengewachsen ist und ihr ganzes Klangvolumen entwickelt hat“, beschreibt Koch. Dass gerade zu anfangs auch die Sorge um Zerstörung wie durch Holzwurmbefall oder Nagetiere mitschwingt, ist dabei verständlich. Doch bisher ist hier die Sorge unbegründet. Alle paar Jahre wird bei Kontrollen im Innenraum Staub gesaugt, ansonsten bleibt die Orgel – bis auf die Manuale – unberührt.

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Das Instrument geht auf Orgelmacher Johann Christoph Egedacher zurück, der das Instrument 1738 für Prien am Chiemsee geschaffen haben soll. Ein weiteres Orgelwerk, das Egedacher zugeschrieben wird, ist die Orgel der Wallfahrtskirche Tuntenhausen. Dass eine Orgel in einem nicht-sakralen Gebäude untergebracht ist, ist historisch bedingt keine Überraschung. So geht die Geschichte des Instruments zurück auf das Jahr 267 vor Christus. Ktesibios aus Alexandria war ein griechischer Techniker, Erfinder und Mathematiker. Quasi Faulheit hat zur Orgel geführt. „Ktesibios wollte mit einem Mal mehrere Flöten erklingen lassen und baute dafür einen Balken, auf dem er die Pfeifen angeordnet hat. Das war die Geburtsstunde der Orgel“, weiß Koch.

Fünf Meter hoch sind die größten Pfeifen.

Für ihn ging mit der eigenen Orgel, die er als Bub schon spielen durfte, ein Traum in Erfüllung. Je nach Stimmung wählt er dabei die Stücke aus, die er darauf spielt. Diese Spielfreude wollen das Ehepaar Klaus-Michael Koch und seine Angelika von Eicken teilen. Deshalb steckt ein ganz besonderes Projekt noch in den Kinderschuhen. Gesucht wird ein aktueller oder ehemaliger Dozent für Orgel, der sein Wissen mit Nachwuchsschülern teilt. Diesen wollen die Kochs ein Forum an ihrer Orgel bieten und eine Art Meisterklasse beziehungsweise einen Orgelkurs schaffen. Die genaue Form steht noch nicht fest. Erst einmal soll der Bedarf geklärt werden. „Bei uns im Chiemgau, um genau zu sein eigentlich zwischen München und Salzburg, gibt es so viel künstlerisches Können, das weitergegeben werden sollte“, so Angelika von Eicken. Sie weiß, wovon sie spricht, hat sie doch das Immlinger Festival die ersten zehn Jahre lang mitaufgebaut und geprägt.

Dozenten und Jungorganisten gesucht

Für Jungorganisten bietet sich die Koch’schen Orgel in Rimsting als eine besondere Gelegenheit an. So sollen die jungen Musiker sich ebenso wie Dozenten für das Orgelspiel (im Ruhestand) melden, um im Rahmen einer Art Meisterklasse oder eines Kurses mit den Nachwuchsorganisten zu üben und ihr Können zu verbessern. Weitere Infos dazu per E-Mail an orgel.otterkring@gmail.com.

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