CHIEMGAUER IM PORTRÄT

Alles Handarbeit, nicht nur die Brezen

Rollen, Lager und Bindungen sind zugekauft, aber sonst: Sehr professionell. Bovers

Die alt bewährten Rezepte und die fünfte Generation der Familie bringen der Bernauer Bäckerei Obermaier regelmäßig Auszeichnungen. So lange es um Brot und Semmeln geht. Doch den Seniorchef beschäftigen immer wieder auch andere Sachen, bei denen probiert und tüftelt er bis heute.

Bernau – „Bäcker, bleib bei deinen Semmeln“ möchte man deshalb den alten Spruch vom Schuster und seinen Leisten abwandeln, doch warum sollen so traditionelle Handwerker wie Bäcker nicht auch mal über den Rand ihres Backtroges schauen? Wer beruflich Nebengleise befährt, wird schließlich heute gerne zu den Innovativen gezählt.

Das Bild von den Gleisen passt beim Bäckermeister Günter Obermaier in Bernau ganz gut, zumindest rollen bei ihm Räder, wenn auch nur ganz kleine. Doch eigentlich hatte alles seinen Ursprung in der Loipe, zu einer Zeit, als der Ski-Langlauf nur klassisch und der Schnee noch reichlich war.

Dem Badegast am Bernauer Strandbad kann es schon mal passieren, dass er an einem heißen Sommertag einen Langläufer flott vorbeiziehen sieht: Schneeweißer Schopf, eindeutig nicht mehr jung, doch mit leichten Bewegungen im klassischen Stil, lange Stöcke und kurze, geräuschlose Skiroller.

„Wieder so ein Senioren-Freizeitsportler“, mag er denken, nicht ahnend, dass da gerade ein Mitglied der Langlauf-Nationalmannschaft von 1961 vorbeigerollt ist.

Und von dessen Bronzemedaille beim diesjährigen „Masters Woldcup“ in Minneapolis weiß er natürlich auch nichts. „Carbon Liner“ steht rot auf dem weißen T-Shirt – ein Schriftzug, den er später als Kaffee-Gast beim Bäcker Obermaier wiederentdeckt.

Seine Bronzemedaille hat Günter Obermaier auf Schnee und in der klassischen Loipe gewonnen, am 15. Januar 2018 war das und natürlich in seiner Altersklasse. Gut 50 Jahre früher, als er noch täglich in der Backstube stand, war er mehrfach Chiemgaumeister über diverse Distanzen.

Seine speziellen Arbeitszeiten als Bäcker hatten ihm beim Training Vorteile verschafft, denn er war schon morgens um 10 Uhr in der Loipe, während die Konkurrenz noch ihrer Arbeit nachging. Und weil ihm das Training auch im Sommer wichtig war, nutzte er die bereits existierenden Ski-Roller.

Doch die damals handelsüblichen Geräte waren nicht wirklich nach seinem Geschmack. Für solche Situationen hat er zum Glück auch heute noch seine Werkstatt. Herzeigen möchte er die zwar nicht, doch schildert er sie so anschaulich, dass man im Gespräch schnell das Bild einer Manufaktur vor Augen hat.

Während nebenan täglich gebacken wurde, entstanden hier nach seiner Pensionierung vor rund 25 Jahren nicht nur diverse Prototypen seiner Skiroller, sondern auch robuste Beiboote aus Kunststoff für die Bernauer Yachtkapitäne.

„Carbon-Liner“ seit zwei Jahren marktreif

Die Bootsbauerei war’s dann aber doch nicht, gegen die wachsende Konkurrenz hatte er mit seiner Manufaktur bald keine Chance mehr. Danach konnte er seine Kreativität ganz auf die Entwicklung des Ski-Rollers konzentrieren, bis schließlich nach vielen Versuchen mit Holz oder Aluminium – „Da san schon so einige z’sambrocha!“ – schließlich vor rund zwei Jahren der „Carbon-Liner“ marktreif war.

Dessen geschützte Besonderheit: Eine zusätzliche, dem Gewicht des Läufers anpassbare Rolle mit Rücklaufsperre, direkt im Bereich der Bindung. Die bietet laut Obermaier keiner der Mitanbieter und ihr Effekt im superleichten, biegsamen Carbon-Chassis ist „mehr Skiähnlichkeit und besseres Fahrverhalten.“ So ist es in der Fachliteratur nachzulesen.

Nun hat es sich herumgesprochen, dass gelungene Erfindungen nicht gleich und sofort den Markt erobern. Auch Günter Obermaier ist da erst am Anfang. Er verkauft nur direkt, seine Angebote stehen online, Sportartikelhändler lässt er außen vor. Abnehmer hat er in Österreich, in der Schweiz und überall dort, wo der Langlauf eine Rolle spielt.

Aber rein geschäftlich fühlt er sich noch eher so wie ein „Künstler, der hin und wieder mal eines seiner Werke verkauft“. Vereinen und Leistungszentren hat er sein Gerät kostenlos zum Training angeboten, die Reaktion war bisher eher überheblich ablehnend, oder man wollte gleich 20 Stück gratis haben.

Er versucht es inzwischen mit listig erkämpften Demo-Läufen auf den Sportplätzen der Region, die aber oft unter strenger Beobachtung der Kommunen stehen. Wenn dann mal ein Platzwart lässiger drauf ist, hat der Günter seinen ganz persönlichen Spaß: „Auf Tartan rollt es sich ganz super, da lauf ich dann schon mal meine zehn Runden!“

Seine Methode scheint generell mehr das Experiment als der langfristige Plan zu sein. Was aber nicht heißt, dass ein Handarbeiter ohne Köpfchen auskommt. Auch „learning by doing“ ist ein kreativer Prozess. Bis die unterschiedlichen Carbonfasern genau am richtigen Platz und zur Form zusammen „gebacken“ sind, braucht es Denkarbeit und Ausdauer.

So wird dem Obermaier Günter sicher auch irgendwann sein Vertrieb gelingen, denn dabei heißt es ja nach vorne schauen, oder rollen. Bei ihm, Jahrgang 1937(!), scheint es dafür eine Art persönliche Rückfahrsperre zu geben.

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