Chiemsee-Fischer verschicken in der Corona-Krise mit der Post

Thomas Lex und sein Sohn Florian verkaufen normalerweise auf der Fraueninsel. Das Geschäft mit den Touristen liegt brach, da bleibt momentan nur der Online-Verkauf.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Die Chiemseefischer sind weiter täglich auf dem See, doch der Verkauf an Hotels und Gastronomie ist in der Corona-Krise zum Erliegen gekommen. Jeder Fischer geht mit der Situation auf seine Weise um. Allen gemeinsam ist die Hoffnung, dass das Virus seinen Griff um die Region zur Hauptsaison im Sommer wieder lockert.

Prien/Bernau/Fraueninsel –  Wenn die Chiemseefischer sich an Krisenzeiten erinnern, dann geht es meist um Probleme wie einen vorübergehenden Nährstoffmangel im See, der die Fischpopulation gering hält. Das gab es immer mal wieder, gravierend zum Beispiel Mitte der 1990er Jahre, als die Lage ernst war für viele Fischer. Doch nach solchen Tiefen gab es wieder Höhen, mit guten Fangjahren. Bis dato hielten Touristen, einheimische Fischliebhaber, Hotellerie und Gastronomie die Geschäfte mit Renke, Hecht & Co. am Laufen.

Engelbert Stephan aus Prien-Bruck beim Fischfang – die Familie behilft sich momentan mit einem Verkaufswagen. Berger

Banges Warten auf die Hauptsaison

Dann kam Corona. Die Chiemseefischer sind weiter täglich auf dem See, doch der Verkauf an Hotels und Gastronomie ist zum Erliegen gekommen, die Hoffnung liegt auf der regionalen Kundschaft. Von ihr zehrt zum Beispiel gerade dieChiemseefischerei Stephan, „sonst sähe es gerade nicht so gut aus“, beschreibt Inhaberin Verena Stephan aus Prien-Bruck die momentane Situation. Das Glück im Unglück für den Traditions-Familienbetrieb ist, dass schon vor Corona ein Umbau geplant war: „Um die Zeit der Baustelle zu überbrücken, sind wir rechtzeitig auf einen Verkaufswagen umgestiegen.“

Dominik Minholzaus Bernau ist seinem Vater Thomas in die Fischerei gefolgt. Ihr Restaurant ist derzeit zu; sie verkaufen „Fish-to-Go“.

Ein Umbau zur rechten Zeit

Über diesen sind die Stephans nun froh, zumal auch der Laden nur über eingeschränkte Platzverhältnisse verfügt. Die Inhaberin freut sich zusammen mit Ehemann Martin und Vater Engelbert Stephan – beide Fischer – auch über die Anstrengungen der Prien Marketing GmbH, die Händler in diesen Zeiten zu unterstützen. „Die Solidarität untereinander ist schön“, sagt Verena Stephan und erzählt, dass auch die Chiemseefischerei  unter dem Stichwort „prienhoidzam“ gerade auf dieser Welle mitschwimmen kann. „Wir sind auch selbst aktiv auf Facebook und Instagram, so bleiben wir mit unseren Kunden in Kontakt.“

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Wenn alles gut geht, lockert das Virus seinen Griff um die Region zur Hauptsaison im Sommer wieder, hofft Thomas Minholz aus Bernau. Renken, Brachsen und Saiblinge hat er morgens aus dem Chiemsee geholt, nur wohin jetzt mit dem Fisch? Normalerweise betreibt Familie Minholz ein eigenes Restaurant, das an Sohn Dominik und seine Partnerin Julia übergeben wurde, beliefert Gastronomie und Hotellerie sowie Fischhändler, aber selbst Letztere können nun nichts absetzen. „Wir verkaufen derzeit Fish-to-Go“, erzählt der Fischer, der seit 40 Jahren mit seinem Boot unterwegs ist. Fischsemmeln, feine Salate und Räucherfisch kann Familie Minholz, die auf eine über 500 Jahre alte Fischereitradition zurückblickt und in den vergangenen Jahren einiges investiert hat, auf diese Weise anbieten – immerhin ein Absatz, der sich aber leider nicht vergleichen lässt mit dem üblichen.

Seit 40 Jahren mit dem Boot unterwegs

„Ich hoffe nicht, dass sich die Situation noch lange hinzieht, dann wüsste ich nicht, wie wir das durchhalten können“, gibt Minholz zu bedenken. Seine Gedanken schweifen hinüber zur Fraueninsel, wo um diese Jahreszeit eigentlich Ausflügler und Touristen das Geschäft ankurbeln.

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Einer, den die Festlandfischer gerade nicht beneiden, ist Fischermeister Thomas Lex. Mit seinen Söhnen Florian und Tassilo verschreibt sich Lex in achter Generation der nachhaltigen Fischerei: „Die jetzige Lage, so ganz ohne Touristen auf der Insel, ist ein echtes Problem.“ Lex klingt nachdenklich. Gerade kommt er vom See, hat Renken, Hechte und Barsche im Netz.

Geräuchert und gefroren per UPS

Den Fang friert er ein, „aber unsere Gefrieranlage ist bald voll, wenn das so weitergeht.“ Einen Verkaufswagen an Land hat er nicht, kurzfristig sei so etwas auch nicht zu organisieren. Ein kleiner Lichtblick ist das Onlinegeschäft mit den Chiemseefischen, das die Familie Lex seit einiger Zeit in Kooperation mit einer kleinen Firma mit Sitz auf der Fraueninsel betreibt. „Wir liefern ihnen den Fisch, geräuchert, mariniert oder gefroren, sie übernehmen Logistik und Versand, den Transport zum Festland organisieren wir mit unserem Boot. Vom Land aus gehen die Fische per UPS zu Kunden in ganz Deutschland.“

Nicht die große Masse, aber immerhin: „Um Ostern rum kamen gut Bestellungen rein, auch von neuen Kunden – vielleicht bleiben uns einige von ihnen sogar nach der Krise erhalten“, hofft Lex.

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