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AKTUELLES INTERVIEW ZUM ROSENHEIMER SUCHTHILFETAG

Alkohol weiter die Droge Nummer eins

Eine mit Drogen versetzte Kräutermischung: Chemiker entwickeln immer wieder neue Substanzen, die vor dem Verbot ein aufwendiges Prüfverfahren durchlaufen – eine Zeit, die Händler für den Verkauf nutzen.  DPA
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Eine mit Drogen versetzte Kräutermischung: Chemiker entwickeln immer wieder neue Substanzen, die vor dem Verbot ein aufwendiges Prüfverfahren durchlaufen – eine Zeit, die Händler für den Verkauf nutzen. DPA

Heute findet in Rosenheim der vierte Suchthilfetag statt, veranstaltet von „neon“ – Prävention und Suchthilfe Rosenheim – sowie von den ambulanten Hilfen „Anthojo“. Im Interview erklärt Benjamin Grünbichler, Sprecher des Bayerischen Arbeitskreises Suchtprävention und Geschäftsführer bei „neon“, welche Themen im Fokus des Suchthilfetages im Kuko stehen.

Der vierte Rosenheimer Suchthilfetag widmet sich unter anderem den neuen psychoaktiven Substanzen, die offen im Internet angeboten werden. Wie gefährlich sind diese neuen „legalen“ Drogen?

Unter dem Szenenamen „Legal High“ werden chemische Drogen meist als „Räuchermischungen“, „Badesalze“ oder „Reiniger“ verkauft, um den eigentlichen Zweck – den Konsum – zu verschleiern und rechtliche Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes oder des Arzneimittelgesetzes zu umgehen.

Eine abschließende Einschätzung der Risiken und Langzeitfolgen des Konsums ist nur schwer möglich, da derzeit noch keine systematischen Studien hierzu vorliegen, zumal immer wieder neue synthetische Substanzen auf den Markt kommen. Konsumenten nennen unerwünschte Wirkungen wie Herzrasen, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen, Übelkeit, Angstzustände, Magenschmerzen, Muskelkrämpfe und Bewusstlosigkeit. Zudem wurde in Einzelfällen von Herzinfarkten, Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen und Psychosen berichtet. Auch Todesfälle werden in wissenschaftlicher Literatur benannt.

Möglicherweise unterschätzen Konsumenten das Gefahrenpotenzial, da der Begriff „Legal High“ den Anschein erweckt, dass die Produkte ungefährlich seien. Das sind sie aber nicht. Hinzu kommt, dass die enthaltenen Wirkstoffe meist gar nicht oder nur unvollständig auf den Verpackungen angegeben werden.

Viele der unter dem Begriff „Legal High“ vermarkteten Wirkstoffe sind inzwischen unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt. Kreative Chemiker entwickeln allerdings ständig neue Substanzen und nutzen den Umstand, dass nur solche Substanzen dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt sind, die darin ausdrücklich genannt werden. Dem konkreten Verbot einzelner Substanzen geht ein aufwendiges Prüfverfahren voraus. Diese Zeit nutzen Händler für den Verkauf der Drogen.

Viele neue Drogen, die auf den Markt drängen, neue Süchte wie das unkontrollierte Surfen im Internet: Wie kann die Suchthilfe auf diese Vielfalt der Problematiken reagieren?

Die Entstehung von riskanten und missbräuchlichen Konsummustern oder gar einer Abhängigkeit hat oft ähnliche Ursachen. In der Prävention zum Beispiel in Schulen und Betrieben stellt man daher weniger die einzelnen Substanzen oder Suchtverhaltensweisen in den Mittelpunkt, sondern arbeitet im Sinne der Stärkung von Sozial- und Lebenskompetenzen. Menschen, die in ihrem Selbstwert gestärkt sind, die adäquat mit ihren Bedürfnissen und Frustrationen umgehen können, bleiben am ehesten gesund und laufen weniger Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Dennoch muss sich die Suchthilfe mit der Vielfalt an Problematiken ständig auseinandersetzen und die Mitarbeitenden regelmäßig für die neuen Herausforderungen qualifizieren. Die verhaltensbezogenen Störungen und Abhängigkeiten im Zusammenhang mit den digitalen Medien wie Smartphone und Computer sind in ihrem jetzigen Ausmaß tatsächlich ein noch relativ unerforschtes Themengebiet. Der Bedarf an Prävention, Beratung und Behandlung steigt jedoch schneller, als wir unsere Beratungsangebote ausbauen können.

Der Rosenheimer Suchthilfetag beschäftigt sich heute unter anderem mit den Themen „Abstinenz: ein noch zeitgemäßes Therapieangebot?“, mit der „Zukunft des (Nicht-)-Rauchens“ und der Frage der Legalisierung von Cannabis. Weisen diese Themen darauf hin, dass die Suchthilfe alte Wege überprüft und neue gehen will?

Seit Jahrzehnten erreichen Angebote der Suchthilfe immer nur einen Bruchteil der betroffenen Menschen. Eine Hürde für die Kontaktaufnahme ist häufig die Hochschwelligkeit einiger Angebote. Beispiel: Abstinenz als Therapieziel ist zwar für viele Menschen sinnvoll, aber eben nicht für alle. Das System lässt hier aber keinen Spielraum zu. Will oder kann jemand (noch) nicht abstinent leben, kann er keine Therapie machen, obwohl eine Konsumreduktion schon ein Zugewinn an Gesundheit und Lebensqualität bedeuten würde. Sucht-, Justiz- und Fachverbände fordern außerdem schon seit Längerem eine Neubewertung der Droge Cannabis.

Natürlich gibt es hier keine einfache Lösung. Der Suchthilfetag soll aber als Plattform dienen, „alte Wege“ zu prüfen und neue Ideen zu entwickeln. Eines ist nämlich sicher: Das Bedürfnis nach Rausch setzt sich in jedem Fall über Verbote hinweg.

Trotz aller Diskussionen um neue Modedrogen und neue Süchte: Ist nicht der Alkohol nach wie vor die Droge Nummer eins?

Ja, ganz klar. Alkohol ist so gesehen für die größte Zahl der Drogentoten und immense gesellschaftliche Kosten im Bereich des Gesundheitssektors verantwortlich. Auch ist es tragisch, wenn man bedenkt, dass in Deutschland mindestens 2,7 Millionen Kinder mit einem suchtbelasteten Elternteil aufwachsen. Aufgrund seiner gesellschaftlichen Anerkennung wird Alkohol häufig als Lebensmittel anstelle eines Genuss- und Rauschmittels angesehen, was zu sehr unüberlegtem Konsum führt. Gleichzeitig ist Alkohol ein gutes Beispiel dafür, dass unsere sehr auf einzelne Substanzen abzielende Sucht- und Drogenpolitik nicht mehr zeitgemäß ist: Ein Großteil der Menschen kann mit der sehr starken und schädlichen Droge Alkohol gut umgehen – ein generelles Verbot wie bei anderen Substanzen würde niemand fordern.

Interview. Heike Duczek

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