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Interview mit Sprecherin Marion Hengstebeck

ADFC fordert: Radler besser in den Priener Verkehr integrieren

ADFC-Sprecherin Marion Hengstebeck zeigt, wie schwierig es ist, mit Fahrrad und Anhänger durch die Schranken am Forellenweg zu kommen.
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ADFC-Sprecherin Marion Hengstebeck zeigt, wie schwierig es ist, mit Fahrrad und Anhänger durch die Schranken am Forellenweg zu kommen.
  • Silvia Mischi
    VonSilvia Mischi
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Prien – Fahrradfahren ist durch Corona noch mehr im Trend als schon zuvor. Die Priener Ortsgruppe des ADFC hat sich erst 2019 gegründet. Wie gut ist der Markt für Radfahrer gerüstet? Interview mit Sprecherin Marion Hengstebeck.

Was halten Sie vom aktuellen Vorstoß des Ministerpräsidenten Markus Söder zu Schnellradwegen für die Priener Region?

Marion Hengstebeck: Für mich machen Radschnellwege im ländlichen Bereich nur sehr eingeschränkt Sinn. Den einzigen Radschnellweg, den ich mir vorstellen könnte, wäre vom Ortszentrum an den See. Die CSU hatte diese Idee im Wahlkampf angedacht, nur leider gab es im Gemeinderat noch keinerlei konkrete Vorschläge, wie die Maßnahme umgesetzt werden könnte.

Ist dies überhaupt aufgrund mangelnder Flächen umsetzbar?

Hengstebeck: Die mangelnden Flächen werden oft als Problem angeführt und sind es sicher manchmal auch. Aber wenn man erst mal damit beginnt, sich überhaupt mit der Thematik „Mehr Platz fürs Rad“ zu beschäftigen, dann würden sich sicher auch Lösungen finden.

Wo sind besonders neuralgische Punkte in Prien für Radfahrer?

Hengstebeck: Ein neuralgischer Punkt sind hier die Chiemseebahn-Schienen in Prien. Hier wird auch in Zukunft ein Unfallschwerpunkt bleiben, weil sich die Situation nicht noch weiter verbessern lässt. Damit gestürzte Radfahrer nicht auch noch überfahren werden, hatte der ADFC dafür plädiert, an dieser Stelle Tempo 30 einzurichten, damit die Autos wenigstens langsam fahren müssen. Darüber hinaus sollten dringend Schilder für ein „Überholverbot von Radfahrenden“ installiert werden. Diese Schilder wurden mit der Straßenverkehrsordnung 2020 eingeführt.

Und außerdem?

Hengstebeck: Neuralgische Punkte gibt es zu viele, um sie hier einzeln aufzuzählen. Wir wissen aber auf jeden Fall, dass sich die Radfahrer in unserem Straßenverkehr unsicher fühlen und Angst haben. Deshalb lassen viele Bürger das Fahrrad stehen und fahren lieber mit dem Auto in den Ort, Mütter fahren ihre Kinder zur Schule. Eine Umfrage unter Radfahrern mit über 300 Teilnehmer hatte Prien die Schulnote „mangelhaft“ gegeben. Für mich ist das ein Armutszeugnis für einen Kur- und Fremdenverkehrsort, der laut Prien Marketing zur „lebenswertesten Seegemeinde im Alpenraum“ werden soll. Um das zu erreichen, müssen wir uns in Sachen Verkehr noch sehr anstrengen.

Wie beurteilen sie das bestehende Radwegenetz in der Priener/Chiemgauer Region?

Hengstebeck: Erfreulicherweise werden es entlang der meisten Hauptstraßen außerhalb der Ortschaften immer mehr Radwege. Diese müssten noch besser Instand gehalten werden und Lücken geschlossen, aber grundsätzlich finde ich die Entwicklung schon sehr gut. Allerdings eben nur außerhalb der Ortschaften.

Immer mehr Radfahrer sind unterwegs… Wo sehen Sie hier Problemfelder im Straßenverkehr?

Hengstebeck: Das Hauptproblem liegt daran, dass die Ortschaften noch völlig „Auto-orientiert“ sind. Aber die Tatsache, dass immer mehr Menschen mit dem Rad unterwegs sind, spricht doch sehr dafür, dass den Radfahrern zukünftig mehr Platz eingeräumt werden muss. Wir brauchen eine neue Flächenaufteilung, die Radfahrer und Fußgänger stärker berücksichtigt. Und ja, die Autofahrer müssen eventuell an der einen oder anderen Stelle zurückstecken.

Wie sieht es mit Radlständern aus? Zu wenige? Zu viele?

Hengstebeck: Es gibt einige, jedoch meistens keine guten Radlständer in Prien. Das Fahrrad sollte mit dem Rahmen, nicht nur mit dem Vorderrad am Ständer angeschlossen werden, um diebstahlsicher abgestellt zu werden, das ist leider bei den wenigsten Ständern möglich. Eine Fahrradgarage hinterm Bahnhof wurde bereits im Februar 2020 beschlossen, aber bisher ist der Bau noch nicht einmal begonnen. Das Bild, das sich für die Gäste bietet, die von dort mit der Chiemseebahn abfahren, ist beschämend für Prien. Zu den umgebenden Gemeinden kann ich leider zu wenig sagen.

Schutzstreifen für Radfahrer sind umstritten. Wie steht der ADFC dazu?

Hengstebeck: Es gibt verschiedene Sichtweisen. Einerseits sind die Schutzstreifen natürlich ein Zeichen für Autofahrer, dass hier Platz für Radfahrer gelassen werden muss. Dennoch muss beim Überholen der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Meter zum Radfahrer eingehalten werden. Dieser Abstand wird aber von Autofahrern sehr oft unterschritten, weil sie sich an den Streifen orientieren. Dadurch überholen sie viel zu eng. Auf der anderen Seite der Streifen sind zudem oft parkende Autos, jederzeit muss man hier erwarten, dass jemand ausparkt oder die Fahrertür öffnet, ohne zu schauen. Daher fühlen sich viele Radfahrer auf den Streifen nicht sicher.

Die Stellplätze an der Hochriesstraße sowie das Ein- und Ausparken dort sind Alltagssituationen, aber auch Gefahrenquellen für Radfahrer.

Der Chiemsee-Rundweg ist eine Kulttour. Wie beurteilen Sie diese? Es gibt ja mittlerweile gesperrte Abschnitte am See entlang…

Hengstebeck: Natürlich sollte diese wunderschöne Tour jeder machen, der den Chiemsee besucht. Dass Abschnitte für Fußgänger gesperrt werden, finde ich in der Hauptsaison wichtig und richtig. Zumeist sind die Strecken, auf die die Radfahrer umgeleitet werden, auch sehr schön und bieten wunderschöne Blicke über den See. Auf allen anderen Strecken ist gegenseitige Rücksichtnahme und Höflichkeit das Wichtigste. Es sollte doch eine Genuss-Tour sein und kein sportlicher Wettkampf. Wenn ich sportlich schnell fahren will, bin ich auf dem Uferweg falsch und sollte mir andere Strecken suchen. Auf den für Radfahrern gesperrten Stücken kann man ja auch mal absteigen und sein Rad schieben. Ich würde das den Radfahrern gerne als Tipp mitgeben, denn man kann doch die Natur nur wirklich erleben, wenn man sich Zeit nimmt.

Wie kann man auch Radfahrer noch besser sensibilisieren, im Miteinander mit Fußgänger und Autofahrer zu agieren? Hier gibt es ja oftmals Probleme…

Hengstebeck: Leider nimmt die Aggressivität allgemein zu, nicht nur im Straßenverkehr. Das finde ich eine sehr bedenkliche Entwicklung. Man kann nur immer wieder an alle Verkehrsteilnehmer appellieren, gegenseitig Rücksicht zu nehmen. Und sich auch mal etwas mehr Zeit zu lassen. Man hat das Gefühl, alle sind ständig in Eile. Wollen wir in einer Welt leben, wo nur Zeit zählt, aber die Menschlichkeit verloren geht?

E-Bikes/Fahrräder zum Ausleihen gibt es in Großstädten in ganz anderen Dimensionen an öffentlichen Radständern. Ist dies eine Zukunftsvision für den ADFC in der Region?

Hengstebeck: Ehrlich gesagt, haben wir uns damit noch nicht so sehr beschäftigt. Ich denke, es würde sicher Sinn machen, Verleihräder am Bahnhof und am See zur Verfügung zu stellen.

Parkplätze an den Straßen würden Sie gerne abschaffen. Wieso?

Hengstebeck: Die Parkplätze wie in der Hochriesstraße sollten langfristig verschwinden (bis auf wenige Behindertenparkplätze). Nur so kann Platz für neue Radwege oder breitere Fußwege geschaffen werden. Es sollten wenige größere Parkplätze mit guten Parkleitsystemen zur Verfügung stehen. Die Aufenthaltsqualität würde sich dadurch erheblich verbessern und die Menschen zum Bummeln und Verweilen einladen.

Schranken erzürnen Radler gerne. Aber eine Sie besonders. Welche ist das und warum?

Hengstebeck: Zur Erläuterung des Fotos möchte ich folgendes sagen: Die Situation steht symptomatisch für die Politik in Prien: Hier werden Radfahrer (auf dem offiziellen Chiemsee-Radweg) durch die Beschrankung extrem behindert. Sie sollen zu ihrer eigenen Sicherheit zum Absteigen gezwungen werden, damit sie nicht einfach in den Forellenweg einfahren können und dadurch Unfälle passieren. Mit einem Anhänger ist es eine Quälerei, durch diese Schranken zu kommen. Die Autofahrer aber dürfen auf dem Forellenweg immer noch 50 km/h fahren. Ihnen ist es anscheinend nicht zuzumuten, die Geschwindigkeit zur Vermeidung von Unfällen zu reduzieren.

Was würden Sie beziehungsweise der ADFC sich wünschen?

Hengstebeck: Der ADFC wünscht sich „Mehr Platz für’s Rad“ und setzt sich außerdem schon lange für ein flächendeckendes Tempo 30 in Städten und Gemeinden ein. Ich persönlich würde mir wünschen, dass der Priener Gemeinderat sowie die Gemeindeverwaltung endlich anfangen, sich der Verkehrsproblematik anzunehmen. Im Wahlkampf war es für alle Gruppierungen ein großes Thema, aber seit eineinhalb Jahren ist nicht viel passiert. Über zwei Bürgeranträge wurde zwar positiv abgestimmt, aber den Fußgängerüberweg an der Seestraße auf Höhe Stauden gibt es immer noch nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Vorschläge vonseiten der Bürger beziehungsweise des ADFC ernsthaft beraten und soweit wie möglich umgesetzt werden.

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