56-jähriger Grassauer betrunken mit dem Roller unterwegs

Traunstein/Grassau –Einen Roller, der in Schlangenlinien zwischen Übersee und Grassau unterwegs war, meldeten Sanitäter der Polizeiinspektion Grassau.

Der 56-jährige Rollerfahrer, mit 1,6 Promille Alkohol im Blut, leistete daraufhin Widerstand bei der Festnahme und bei der Fahrt ins Krankenhaus Prien zur Blutentnahme. Das Amtsgericht Traunstein, mit Richter Christopher Stehberger, verurteilte den Mann gestern wegen diverser Delikte zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, und einer Führerscheinsperre von eineinhalb Jahren.

Der in Grassau wohnende russische Staatsangehörige war am 12. Februar 2020 gegen 18 Uhr auf der Staatsstraße 2096 zwischen Übersee und Grassau mit seinem Mofa Piaggio Typhoon einem Rettungswagen aufgefallen. Die Sanitäter verständigten die Polizeiinspektion Grassau. Der 56-Jährige bog in Gröben mit hohem Tempo Richtung Staatsstraße TS 45 ab.

Beamte in Deutschund Russisch beleidigt

Die verständigte Streife startete zu einer Kontrolle in Mietenkam. Der Angeklagte kam der Polizei, auf dem Roller sitzend, aber mit den Füßen auf dem Boden tippelnd, entgegen. Er betätigte gleichzeitig Gas und Bremse, wie sich einer der Beamten erinnerte. Ein Alkotest erbrachte bei dem Rollerlenker einen so hohen Wert, dass eine Blutentnahme geboten war. Die Mitteilung führte zu einem Wutausbruch und der Grassauer wollte sich zu Fuß entfernen. Die Polizeibeamten versuchten, ihm Handschellen anzulegen, woraufhin der Betrunkene Widerstand leistete und die Beamten in übler Weise, in deutscher und russischer Sprache, beleidigte. Auch im Dienstwagen randalierte er und versuchte die Polizisten mit Kopfstößen und Tritten zu treffen. Diese holten sich Verstärkung durch Kollegen der Polizeiinspektion Prien.

In der Klinik verhielt sich der Grassauer ähnlich aggressiv, was die Blutentnahme schwer machte. Die Beamten wollten den alkoholisierten Angeklagten nicht allein im Krankenhaus zurücklassen und brachten ihn zurück nach Grassau.

Erst die Ehefrau konnte den 56-Jährigen beruhigen. Wie sehr er sich aufgeführt hatte, bewiesen die Aufnahmen aus der Bodycam einer Polizistin. Verletzt wurde niemand.

Der Angeklagte Rollerfahrer behauptete vor dem Gericht, Schmerzen durch die Handfesseln an alten Verletzungen empfunden zu haben, die er im Tschetschenienkrieg und durch Folter erlitten hat. Außerdem habe er, abgesehen vom Alkohol, unter dem Einfluss eines Medikaments gestanden, das er wegen der Schmerzen brauche. Der 56-Jährige sagte außerdem aus, dass er sich zum Zeitpunkt der Verkehrskontrolle in einer seelischen Ausnahmelage befunden hatte, da tags zuvor eine seiner Schwestern gestorben sei.

Bereits neunmal zuGeldstrafen verurteilt

Der psychiatrische Sachverständige, Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee, bestätigte die angeführten Schmerzen „zweifelsohne“. Die Einsichtsfähigkeit des Mannes sei bei den Taten nicht tangiert gewesen, wohl aber seine Steuerungsfähigkeit – durch den Alkohol, die im therapeutischen Bereich liegenden Schmerzmittel, die aufgeheizte Stimmungslage und durch die Nachricht von der toten Schwester. Der Gutachter nahm eine „vorübergehende krankhafte seelische Störung“ und dadurch eine möglicherweise erheblich beeinträchtigte Schuldfähigkeit des 56-Jährigen an. Die Voraussetzungen für eine psychiatrische Unterbringung seien prinzipiell erfüllt. Die Maßregel scheitere jedoch an mangelnden Aussichten auf einen Therapieerfolg. Für den zehnfach vorgeahndeten Angeklagten, der neunmal mit Geldstrafen davonkam, beantragte Staatsanwalt David Heberlein eine Freiheitsstrafe von elf Monaten mit dreijähriger Bewährungszeit. Der 56-Jährige sei außerdem ungeeignet, ein Kraftfahrzeug zu steuern. Noch ein halbes Jahr Fahrverbot und eine dreijährige Sperre für eine neue Fahrerlaubnis seien somit anzuordnen. Bezüglich der Unterbringung folgte der Ankläger dem Sachverständigen. Verteidiger Oliver Winkler aus Anger schloss sich hinsichtlich der Unterbringung an und betonte den Ausnahmezustand seines Mandanten.

Angeklagter kann dasFahrrad nicht nutzen

Insgesamt habe er einen „atypischen Widerstand“ verwirklicht. Die Gefahr für andere durch die Rollerfahrt sei nicht sehr hoch gewesen. Sechs Monate mit Bewährung seien ausreichend, kein Fahrverbot zu verhängen. Im „letzten Wort“ appellierte der 56-Jährige, ihm „das Mofafahren nicht zu verbieten“. Wegen der alten Verletzungen könne er nicht Fahrrad fahren.

Richter Christopher Stehberger gelangte im Urteil zur gleichen rechtlichen Wertung wie Staatsanwalt und Verteidiger – mit einer fahrlässigen Trunkenheitsfahrt, mit einem Widerstand und zwei tätlichen Angriffen gegen Polizeibeamte, mit versuchter Körperverletzung in zwei Fällen und vierfacher Beleidigung. Als Grund für eine etwas niedrigere Strafe als vom Staatsanwalt gefordert nannte der Vorsitzende die für die Allgemeinheit nicht allzu gefährliche Fahrt des Angeklagten. Außerdem habe er nie zuvor einen Widerstand begangen: „Ein Widerstand ist für ihn eigentlich wesensfremd.“ Der Richter verzichtete auf ein Fahrverbot, legte dem 56-Jährigen jedoch ans Herz: „Sie dürfen Mofa fahren. Aber besoffen darf man nie fahren. Sonst landen Sie im Gefängnis.“ kd

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