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Soziales Netzwerk gibt behütetes Lebensumfeld

„Wollen nicht an den Krieg denken“: Wie ukrainische Kinder in Feldkirchen aufgefangen werden

Die Pädagogin Olena Aliiewa (von links) floh mit ihren Söhnen aus Ushgorod nach Feldkirchen-Westerham. Hier entwickelte sie gemeinsam mit Rektor Jürgen Lang einen Lehrplan und Arbeitsmaterialien für die ukrainischen Schüler. Oksana Schill (Zweite von rechts) steht als deutsch-ukrainische Dolmetscherin zur Seite.
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Die Pädagogin Olena Aliiewa (von links) floh mit ihren Söhnen aus Ushgorod nach Feldkirchen-Westerham. Hier entwickelte sie gemeinsam mit Rektor Jürgen Lang einen Lehrplan und Arbeitsmaterialien für die ukrainischen Schüler. Oksana Schill (Zweite von rechts) steht als deutsch-ukrainische Dolmetscherin zur Seite.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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142 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sind in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham angekommen. Wie Kinder und Mütter in ein ganz normales Leben abseits des Krieges eingebunden werden.

Feldkirchen-Westerham – Seit 2015 hat kaum ein anderes Thema Deutschland so sehr bewegt wie die gesellschaftliche Teilhabe von Flüchtlingen. Wie Integration gelingt, lebt die Gemeinde Feldkirchen-Westerham beispielhaft vor. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine nahmen Familien 142 Flüchtlinge bei sich auf. An Grund- und Mittelschule lernen bereits 44 Schüler. Für die Erwachsenen gibt es Deutschunterricht und Kennenlern-Runden.

Ein soziales Netzwerk hat die Gemeinde schon seit 30 Jahren. Doch jetzt sind viele neue Partner hinzugekommen. Alle wollen sie helfen: Deutsche und Ukrainer. Pädagogen und Psychologen. Berufstätige und Rentner. Einfach alle.

Sicheres Umfeld gegen Kriegstrauma

Im Fokus stehen dabei vor allem die Kinder: „Es ist wichtig, ihnen ein sicheres Lebensumfeld und Struktur zu geben, und sie möglichst den ganzen Tag in der Schule zu beschäftigen“, beschreibt Jürgen Lang, Rektor der Mittelschule. Denn es sind die Erinnerungen an eine glückliche Vergangenheit, der Schock und die Brutalität des Krieges, die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und den Freunden, die Sorge um die kämpfenden Väter und eine unsichere Zukunft, die ukrainischen Kinder beschäftigen.

„Kannst Du uns beibringen, wie man es schafft, nicht an den Krieg zu denken?“, hat die 13-jährige Alisa aus Mykolaiiw gefragt. Psychologin Iris Jansen, die der Mittelschule ehrenamtlich zur Seite steht, wird mit den Kindern und Jugendlichen individuelle Wege finden. Doch den besten beschreiten sie bereits: In zwei Willkommensklassen mit je 16 und 17 Schülern wurden sie an der Mittelschule aufgenommen.

Die Feldkirchen-Westerhamer haben keine Sekunde gezögert, die bürokratischen Hürden ausgeblendet und sich nicht auf den staatlichen Regeln ausgeruht. Denn eigentlich besteht für die Neuankömmlinge erst nach drei Monaten eine Schulpflicht. Eigentlich müssten sie anfangs nur für zwei Stunden am Tag (von 7.45 bis 9.15 Uhr) betreut werden. Und eigentlich ist all das auch nur ein Muss, wenn ausreichend Platz und Pädagogen da sind. Doch genau dieses „Eigentlich“ gibt es in der Mittelschule nicht. Auch wenn der Lehrermangel groß ist, es gerade mehrere längerfristige Ausfälle und keine mobilen Reserven mehr gibt, sagt Lang: „Ich weise kein Kind ab. Dafür bin ich Lehrer geworden, dafür mache ich gern Überstunden. Denn genau das ist humanitäre Hilfe.“

Am 15. März kam die erste Anfrage von einer Mutter aus Kiew, nur drei Werktage später – am 21. März – begannen Unterricht und Ganztagsbetreuung an der Mittelschule. Der Rektor und sein Kollegium, der Schulverein, die Gemeinde, ehrenamtliche Helfer und ukrainische Pädagoginnen haben den Weg für eine lückenlose Betreuung der Kinder und Jugendlichen geebnet. Mit einem Willkommenspaket an Schulsachen, mit Mittagessen, mit Ganztagsbetreuung, mit kostenloser Schulbusfahrt.

Unterricht gegen das Trauma: (vorn, von links) Madwei (10) aus Charkiv, Radomir (10) aus Borodjanka und Kirio (11) aus Mykolaiiw lernen mit Bilderkärtchen und ihren Lehrern Viktoriia Moshkola (hinten, links) und Martin Speer deutsch.

Olena Aliiewa aus Ushgorod war die erste ukrainische Pädagogin an der Schule. Sie suchte mit ihren beiden Söhnen in Feldkirchen Schutz vor dem Krieg. Sie ist Lehrerin für Englisch und Literatur, erarbeitete mit der Schulleitung einen Lehrplan und Arbeitsmaterial für die ukrainischen Klassen und bringt ihnen jetzt die deutsche Sprache bei. „Learning by doing“, sagt sie, denn sie selbst lernt Deutsch, wenn sie den Unterricht vorbereitet.

Ihr Mann kämpft in der ukrainischen Armee, verteidigt die Stadt Mykolaiiw. Sie spielt eine entscheidende strategische Rolle an der Schwarzmeerküste vor Odessa, ist hart umkämpft. In jeder Sekunde sind die Bilder des brutalen Angriffskrieges im Fernsehen und den sozialen Medien präsent. Jeder kann sich vorstellen, in welcher Gefahr ihr Mann ist, und dass nicht klar ist, ob er überleben wird. „Gestern schrieb er mir, dass es ihm gut geht“, sagt Olena. Wenn sie arbeite, könne sie sich ablenken, sagt sie. Was bei ihr funktioniert, versucht die passionierte Lehrerin auch den Kindern zu vermitteln: Deutsch lernen, um die Schule zu beenden – für die Zukunft der Ukraine.

Schon seit einigen Wochen arbeitet Olena ehrenamtlich in Vollzeit an der Mittelschule. Jetzt wird sie von Pädagogin Viktoriia Moshkola unterstützt, die mit ihrer vierjährigen Tochter aus der Ukraine floh. „Sie müssen für ihr Engagement und ihre tolle Arbeit auch angemessen bezahlt werden“, sagt Lang. Er setzt sich für seine neuen Kolleginnen ein und hat ihre Einstellung in den bayerischen Schuldienst bei der Regierung von Oberbayern beantragt. Eine dritte ukrainische Lehrerin sprach in dieser Woche in der Mittelschule vor. „Wir werden auch sie brauchen, denn aufgrund der vielen Anmeldungen werden wir bald die dritte Willkommensklasse aufmachen“, so Lang.

Mit 81 Jahren zurück in den Schuldienst

Drei Pädagogen betreuen eine Klasse. Dabei kann Lang nicht nur auf seine ukrainischen Kolleginnen, auf Sozialpädagogen und Erzieher aus dem Schulverein und auf ehrenamtliche Dolmetscherinnen aus der Gemeinde, sondern auch auf pensionierte Lehrer zählen. Martin (81) und Brigitte Speer (77) beispielsweise. Jeder von ihnen kommt für zwei Tage pro Woche in den Unterricht, hilft beim Deutschlernen oder in Sachkunde beim Kennenlernen der Heimat auf Zeit.

Auch der Feldkirchener Sportverein ist mit am Ball. „Unter unseren neuen Schülern sind richtig gute Sportler“, weiß Rektor und Sportlehrer Jürgen Lang. Fußballer wie der 13-jährige Alex spielen schon in der Feldkirchener Mannschaft. Und nun wurden auch die Weichen dafür gestellt, dass der Vize-Junioren-Meister der Ukraine im Boxen eine neue Trainingsstätte findet: Aslan, der Sohn von Olena, hat am Montag Probetraining bei einem Verein in München.

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