Selbsthilfegruppe Schlaganfallbetroffener in Bad Aibling: Wiedersehen nach der Zwangspause

Christoph Smidt (74)  lebt im Novalishaus
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Christoph Smidt (74) lebt im Novalishaus: „Im Novalishaus bin ich einer der Jungen und es gibt wenige Dinge dort, die mich ansprechen. Deshalb komme ich gerne zu den Treffen der Gruppe. Persönliche Beziehungen zu den anderen Gruppenmitgliedern habe ich keine. Es gibt zwei Personen, die mich normalerweise regelmäßig besuchen, aber ich würde mir auch jemanden mit Auto wünschen, mit dem ich ab und zu mal rausfahren und einen Ausflug machen kann. Insgesamt hat mir die Corona-Zeit nicht viel angetan. Aber es waren drei Monate, wo nichts lief, und ich konnte die üblichen Wege nicht machen. Jetzt habe ich wieder meine Therapie, die brauche ich, um Kräfte zu haben.“

Vier Mal ist das monatliche Treffen der Selbsthilfegruppe Schlaganfallbetroffener Bad Aibling-Rosenheim wegen der Corona-Pandemie ausgefallen. Nun gab es endlich ein Wiedersehen.

Bad Aibling/Landkreis – Acht Frauen und vier Männer sowie zwei Begleitpersonen folgten der Einladung von Waltraud „Traudel“ Aschenbrenner, Zweite Vorsitzende und gute Seele des Vereins, zum ersten offiziellen Termin nach der Zwangspause.

Abstand halten kein Problem

Da das Treffen im Café Heiss in Zell im Freien und mit der Möglichkeit zum Abstandhalten stattfinden konnte, hatten die Mitglieder ganz offensichtlich keine Sorge sich anzustecken. Seit dem Jahresempfang Mitte Januar hatten sich die meisten nicht mehr gesehen und das lockere Mitei nander vermisst. Jetzt gab es ein großes Hallo und lebhafte Gespräche an zwei großen Tischen.

Die Mehrzahl der insgesamt rund 25 Mitglieder, davon etwa 15 aktive, gehören schon seit über 15 Jahren zu der Gruppe, die Gerda Hellmiß, Patientenberaterin in der Neurologischen Klinik Bad Aibling, und Aschenbrenner im Mai 2000 gegründet hatten. In der ersten Zeit wuchs die Gruppe kontinuierlich an, doch zuletzt kamen nur wenige neue und kaum jüngere Betroffene dazu, obwohl diese sehr willkommen sind.

Der Altersdurchschnitt liegt inzwischen bei über 70 Jahren. „Wir sind alle zusammen älter geworden“, schmunzelt Aschenbrenner.

Immer im Januar wird in Kleingruppen das Jahresprogramm besprochen, in dem sich einige Veranstaltungen fest etabliert haben: Neben dem Neujahrsempfang, einer Weihnachtsfeier und einem Kinobesuch mit anschließendem Pizzaessen seien es vor allem drei Kreativnachmittage, die den Beteiligten große Freude machen, berichtet die Leiterin.

Mit viel Engagement sucht sie nach kreativen Aktivitäten, die nicht zu teuer und mit einer Hand umzusetzen sind. Sie ist dankbar für Materialspenden und die Hilfestellung einiger Freundinnen beim Basteln.

Wechsel zwischen Klinik und Café

Weitere Treffen – in der Regel am letzten Mittwoch im Monat – finden meist in der Neurologischen Klinik oder in den Sommermonaten im Café Heiss statt. Ab und zu geht es auch um spezielle Themen wie „Sport mit Behinderung“ oder „Versicherungsbedarf im Alter und bei Krankheit“.

Das Wichtigste an der Gruppe aber ist der Austausch und die Möglichkeit „mal rauszukommen“. „Man gewinnt neue Freunde und ist nicht nur auf den Partner angewiesen“, erzählt eine 79-jährige Frau aus dem Landkreis, die in den 1980er-Jahren einen Schlaganfall hatte und der Selbsthilfegruppe kurz nach der Gründung beitrat.

„Man hört auf, sich selbst zu bemitleiden, wenn man andere sieht, denen es noch schlechter geht“, fügt sie hinzu. Unter den „Leidensgenossen“ gehe es gerne lustig zu und man könne ungezwungen beisammen sein, beschreibt Aschenbrenner die besondere Atmosphäre: „Man wird nicht beobachtet oder schief angeschaut, wenn eine Gabel runterfällt oder beim Essen Ketchup auf die Kleidung tropft“, erklärt sie.

Trotz der Freude über das Wiedersehen und den schönen Bergblick schwingt an diesem Junitag in Zell auch Wehmut mit: Eigentlich sei für diesen Tag ein Busausflug an den Chiemsee mit Schifffahrt geplant gewesen, um das 20-jährige Bestehen der Gruppe zu feiern, erzählt Aschenbrenner. Solch größere Ausflüge haben länger nicht mehr auf dem Programm gestanden, weil sie für einige inzwischen sehr beschwerlich seien.

Das Jubiläum soll nun vo raussichtlich im September in festlichem Rahmen im Hotel Johannisbad nachgefeiert werden. Davor steht im Juli noch ein Besuch der Eisdiele in Kolbermoor an – ebenfalls ein fester Bestandteil im Jahresprogramm und damit ein weiterer Schritt zurück zur Normalität wie vor Corona.

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