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Kündigung wegen Eigenbedarfs - Wohnungssuche dauert schon ein Jahr

Werden Mama Veronika und Benjamin (1) obdachlos? Nur die Hoffnung auf ein Weihnachts-Wunder bleibt

Veronika Holzinger sucht verzweifelt nach einer Wohnung für sich und ihren zweijährigen Sohn Benjamin. Doch wie sehr sie sich auch bemüht und wie kreativ ihre Suche auch aussieht: Sie findet nichts. Doch bis Ende Februar muss sie aus ihrer alten Wohnung ausziehen. Ab dem 1. März wären sie und ihr Kind obdachlos, wenn ihre Hilferufe nicht erhört werden.
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Veronika Holzinger sucht verzweifelt nach einer Wohnung für sich und ihren einjährigen Sohn Benjamin. Doch wie sehr sie sich auch bemüht und wie kreativ ihre Suche auch aussieht: Sie findet nichts. Bis Ende Februar muss sie aus ihrer alten Wohnung ausziehen. Ab dem 1. März wären sie und ihr Kind obdachlos, wenn ihre Hilferufe nicht erhört werden.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Veronika Holzinger sucht für sich und ihren Sohn Benjamin eine neue Bleibe. Ihre Wohnung wurde wegen Eigenbedarfs gekündigt. Ihre „Herbergssuche“ dauert nun schon ein Jahr. Doch aufnehmen will sie keiner.

Tuntenhausen - Veronikas Ansprüche sind bescheiden: Eine kleine Wohnung für sich, ihren einjährigen Sohn und den Kater. 75 Quadratmeter vielleicht. Oder eine Wohngemeinschaft - in einem Haus oder einem Sacherl auf dem Land. Ein kleines Gärtchen wäre schön. Mehr braucht die junge Mutter nicht, um glücklich zu sein.

Doch diesen Traum träumen gerade hunderte Familien in der Region. Nur für wenige erfüllt er sich. Für die meisten wird er zum Albtraum, weil es keine Wohnungen gibt oder sie nicht mehr bezahlbar sind. Auch für Veronika Holzinger aus Weiching nicht.

Es gibt kaum noch bezahlbaren Wohnraum in der Region. Die sozialen Netzwerke sind voll von Hilferufen. Viele Menschen wie Veronika sind auf der verzweifelten Suche nach einer Wohnung ganz egal, ob groß oder klein.

Ihre Wohnung wurde ihr wegen Eigenbedarfs gekündigt. Da war ihr Sohn kaum auf der Welt. Wenigstens konnte sie vor Gericht erstreiten, dass ihr noch eine Gnadenfrist von einem Jahr gewährt wurde. Seitdem sucht sie. Auf einschlägigen Immobilien-Portalen, in den sozialen Medien oder mit kreativen Ideen. 30 Leporellos hat sie gebastelt - ihre Wünsche gemalt, ihre Kontaktdaten hinterlassen. Sie hat sie breit gestreut - in Tuntenhausen, Ostermünchen, Aßling, Fischbachau, Raubling, Irschenberg und Rott in Schaufenster gehängt. Nur eine Dame hat sich darauf gemeldet. Leider nicht mit einem Wohnungsangebot, dafür mit einem Lob für die gute Idee.

Gnadenfrist schrumpft mit jedem Tag

Die Gnadenfrist schrumpft mit jedem Tag. Ab dem 1. März sind Veronika und ihr Sohn Benjamin obdachlos. Wenn ihr nicht doch noch jemand hilft. Sie hat die Bürgermeister der umliegenden Kommunen aufgesucht. Doch überall sind die Wartelisten für kommunalen Wohnraum lang. Keine Chance auf schnelle Hilfe. Bleibt der 43-Jährigen wirklich nur die Flucht in ihr altes Kinderzimmer?

Sie hat sich an ihre Heimatgemeinde Tuntenhausen gewandt. Die hat keinen eigenen Wohnraum, vermittelt „Härtefälle“ wie Veronika an die Beratungsstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit im Landkreis Rosenheim. „Die Kündigungen wegen Eigenbedarfs nehmen zu“, bestätigt Bereichsleiterin und Sozialpädagogin Lilo Lüling. Ihr Team kann beratend helfen. Wohnraum aber hat die Fachstelle keinen zu vergeben.

Die Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit (FOL) hat im vergangenen Jahr Menschen in 307 Wohnungsnotfällen beraten und betreut. Darunter waren 185 Einzelpersonen, 51 Familien, 38 Alleinerziehende, 32 Paare und eine Wohngemeinschaft. Das geht aus dem Jahresbericht für 2021 hervor.

„Die freien Träger können auch nicht alles richten“, macht Veronika klar. Auch sie ist Sozialpädagogin und hat in einer Beratungsstelle gearbeitet. Bis ihr Sohn auf die Welt kam. Wie andere Eltern hat sie sich für drei Jahre Elternzeit entschieden. Mit der finanziellen Konsequenz, dass sie als Alleinerziehende nach 14 Monaten Elterngeld und in einem ungekündigten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis nur Hartz IV (ab 1. Januar Bürgergeld) bekommt, um ihren Lebensunterhalt sicherstellen zu können. „Ich werde behandelt wie eine Langzeitarbeitslose, dabei bin ich in Elternzeit“, kritisiert sie, dass es keine individuelle Betrachtung besonderer Lebenslagen gibt.

Werden Alleinerziehende benachteiligt?

Veronika ist ratlos. Fühlt sich von der Gesellschaft vergessen. Weil sie alleinerziehend ist, ohne sich das ausgesucht zu haben. „Alleinerziehende mit Hartz-IV-Bezügen will keiner als Mieter haben“, hat sie in den vergangenen Monaten erfahren müssen. Entweder seien die Mieten astronomisch hoch und unbezahlbar. „Oder die Leute haben Angst, dass sie ihr Geld nicht bekommen“, vermutet die junge Mutter.

„In der Versorgung alleinerziehender Elternteile gibt es viele Lücken“, sagt Nicole König vom Landesverband Bayern alleinerziehender Mütter und Väter. Dabei leben von den rund 13 Millionen Kindern unter 18 Jahren in Deutschland etwa 16 Prozent nur mit einem Elternteil im Haushalt. Meist ist es die Mutter.

Dabei übernimmt das Jobcenter im Rahmen des Bürgergeldes die Kosten für Unterkunft und Heizung. „Für eine Karenzzeit von einem Jahr sogar in tatsächlicher, also in voller Höhe“, informiert Silke Stichaner, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Rosenheim. Ob und inwieweit nach Ablauf dieser Karenzzeit die Mietkosten nur noch im Rahmen der „Angemessenheit“ gewährt würden, werde im Einzelfall geprüft. Und auch die Arbeitsagentur stellt fest: „Alleinerziehende scheinen auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt zu sein.“

Es tut allen gut, näher zusammenzurücken

Von der Leerstandskonferenz „Jemand daheim“ hat Veronika gehört. Sie lacht, denn die Botschaften aus Kolbermoor entsprechen ihren Gedanken und Vorstellungen, nur leider nicht der Realität. „Es stehen so viele Wohngebäude leer“, hat sie auf ihrer Suche beobachtet. „Es leben so viele betagte Menschen einsam und isoliert in ihren Häusern. Warum kann man nicht eine Wohngemeinschaft bilden, sich gegenseitig unterstützen, gemeinsam und nicht einsam leben?“, fragt sie. „Schließlich würde es allen gut tun, näher zusammenzurücken.“

Doch wie soll sie Menschen finden, die wie sie denken? „Früher wurde in einem Dorf alles am Stammtisch ausgemacht“, sagt sie. Heute werde man mit der Idee einer solchen Wohngemeinschaft doch zuallererst für einen Erbschleicher gehalten. „Für solche Modelle fehlt es einfach an der Vernetzung“, kritisiert sie.

Auf der Leerstandskonferenz „Jemand daheim“ ging es im September in Kolbermoor um Lösungsansätze, wie brachliegender Wohnraum in Eigenheimen so belebt werden kann, dass für alle Beteiligten Mehrwerte entstehen. Auch Bürgermeister aus dem Mangfalltal suchten nach Inspirationen für ihre Gemeinden. Doch der Weg von der Idee zur Realität ist weit, und in der Region wird jetzt verzweifelt nach Wohnraum gesucht.

Als Sozialpädagogin könnte Veronika auch eine Tagespflege aufmachen, neben Benjamin weitere vier Kinder betreuen. Bei den vielen fehlenden Betreuungsplätzen in der Region wäre damit auch anderen Eltern geholfen. Die fachlichen Voraussetzungen hat sie. Was ihr fehlt, ist der Wohnraum. „Und der ist so elementar. “

Jeder Mensch hat das Recht auf angemessenen Wohnraum. Das ist im Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (UN-Sozialpakt) seit 1966 verbrieft. Die Staaten sind verpflichtet, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um dieses Recht zu verwirklichen. Die Realität aber spricht eine andere Sprache.

„Für Alleinerziehende ist es schwer, im Ballungsraum München, aber inzwischen auch im ländlichen Bereich Wohnraum zu finden“, bestätigt Nicole König, Projektleiterin des Landesverbandes Bayern alleinerziehender Mütter und Väter. „Hinzu kommen hohe Inflation und explodierende Energiekosten. Manche Alleinerziehende können sich nicht mal mehr ein neues Bett leisten, wenn es kaputtgeht.“

Lücken in Versorgung Alleinerziehender

König kritisiert, dass es viele Lücken in der Versorgung alleinerziehender Elternteile gebe. Die Kindergelderhöhung werde auf die Bürgergeldbezüge angerechnet. „Und so wird es dort, wo besonders wenig da ist, immer weniger.“ Der Verein berate Alleinerziehende in vielen Fragen, betreibe wichtige Lobbyarbeit, damit sie gesehen werden.

„Bei der Vergabe von bezahlbaren Wohnungen aus dem sozialen Wohnbauprogramm beispielsweise müssten Alleinerziehende bevorzugt werden“, fordert König. Gleichzeitig macht sie auf eine weiteres Dilemma aufmerksam: „Alleinerziehende haben gar nicht die Chance, genug zu verdienen, um alle Kosten zu tragen, weil ihnen die Zeit dafür fehlt. Vielerorts reichen die Betreuungszeiten der Kindereinrichtungen nicht aus. Hinzu kommen zwölf Wochen Ferien pro Jahr, in denen gar keine Betreuung angeboten wird.“

Wird Suche als Wohngemeinschaft erfolgreicher?

Es ist Weihnachten. Doch der Heiligabend von Veronika und Benjamin ist überschattet von der verzweifelten Herbergssuche und dem Gefühl, nicht gewollt zu sein. Noch einen letzten, verzweifelten Anlauf will die junge Mutter wagen: Gemeinsam mit einer anderen alleinerziehenden Mama auf Wohnungssuche gehen und eine Wohngemeinschaft gründen.

„Selbstverständlich ist auch eine WG möglich. In dem Fall kann der auf die WG entfallende Mietkostenanteil gewährt werden“, erläutert Silke Stichaner von der Arbeitsagentur die Finanzierung. Dieses Wohnmodell praktizierten sehr häufig die ukrainischen Geflüchteten, berichtet sie. Vielleicht ist es ja auch die Rettung für Veronika und Benjamin.

Falls es doch jemanden gibt, der Veronika und ihrem kleinen Sohn Benjamin helfen kann, möge er sich bitte unter der E-Mail-Adresse veronika.holzinger@gmx.de melden.

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