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„I war mit da Kirch verheirat“

Warum Klaus Seidl nach 57 Jahren nicht mehr Mesner der Oberreiter Kirche sein darf

Chroniken und Alben mit sorgfältig eingeklebten Fotos: Klaus Seidl hat allerlei Material über die Oberreiter Kirche gesammelt, in der er 57 Jahre lang Mesner war.Trautmann
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Chroniken und Alben mit sorgfältig eingeklebten
  • VonPaula Trautmann
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Klaus Seidl war 57 Jahre lang Mesner der Wallfahrtskirche Mariä Opferung in Oberreit. Vergangenes Jahr hat er dort aus Versehen einen Brand verursacht. Nun ist die Kirche fertig renoviert und wiedereröffnet. Mesner darf der 84-Jährige aber nicht mehr sein.

Oberreit/Feldkirchen-Westerham – Sechs Bücher liegen auf dem Tisch im Wohnzimmer. Darunter Fotoalben und Chroniken über die Oberreiter Kirche. Seidl weiß genau, welches Foto, auf welcher Seite ist. Er kennt die Bücher und die Kirche bis ins kleinste Detail, kann etwas über jedes einzelne Wappen, jedes Bild an der Empore und jeden seiner Vorgänger erzählen.

Er blättert durch eine der Chroniken, zu einem Bild von sich sagt er nur: „Das ist meine Wenigkeit.“ Viel wichtiger sind ihm die Fotos vom geschmückten Altar, von Feierlichkeiten und der Renovierung 1974. Er weiß alles über die Barockisierung im 17. Jahrhundert.

Er lässt keine Seite im Album aus

Neben geschichtlichen Fakten erzählt er eine Anekdote nach der anderen. Wie ein Restaurator den Kanzelhut bei der Renovierung auf sein Autodach lud und der Fahrtwind ihn „wie ein Autoreifen“ in die Wiese rollen ließ. Oder wie eine der Glocken während des Zweiten Weltkriegs eingeschmolzen werden sollte, was seinen Vorgänger so verärgert hat, dass er die Glocke vom Turm warf und sie sich in den Boden bohrte. Er hört nicht mehr auf zu erzählen. Jedes einzelne Foto will er zeigen, keine Seite im Album lässt er aus. Er hat ein Lächeln im Gesicht, freut sich, dass er von seiner Kirche erzählen kann.

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Schon als kleiner Junge ist er dorthin gegangen. Nur 200 Meter ist der Hof, auf dem er heute noch lebt, entfernt von dem Gotteshaus – ein Fußweg von drei Minuten. Jeden Tag der vergangenen 57 Jahre ist er diese 200 Meter gelaufen, um die Kirche gegen acht Uhr morgens aufzusperren, im Sommer sogar noch eher. Abends gegen sechs oder sieben hat er die Türen wieder verschlossen. „I war mit da Kirch verheirat“, sagt er.

„Ich war am Boden zerstört“

Am 5. Dezember 2020 geschah dann das Unglück. Seidl hatte eine Kerze angezündet und auf einen Bleiteller gestellt. Er dachte, dass dabei nichts schief gehen könne. Als er die Kirche am nächsten Morgen aufschloss, war sie voller Rauch. Der Hochaltar und der Tabernakel waren stark beschädigt. „Ich war am Boden zerstört“, erinnert sich Seidl. Das ist er heute noch. Er lässt die Schultern hängen, wirkt niedergeschlagen. „Satan hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt der 84-Jährige. Er sei dem Teufel ein Dorn im Auge gewesen, weil er sich um die Gemeinde und die Kirche gekümmert habe.

Die Kirchenbilder hängen jetzt in seinem Schlafzimmer.

Mittlerweile ist sie fertig renoviert. Neun Handwerker haben rund ein Jahr gearbeitet, um sie wieder in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Sogar während die Kirche geschlossen war, hat Seidl sich gekümmert. Er hat den Arbeitern Getränke gebracht und das Laub der Ahorn- und Nußbäume gerecht: „Da is ma nix zu hart.“

Kirche als Zuhause und Wohnzimmer

Wenn es um die Kirche geht, ist er leidenschaftlich. Während der Renovierung hat er den Rosenkranz jeden Sonntag in seinem Wohnzimmer gebetet. Manchmal kamen Freunde zu Besuch. Einer von ihnen ist Josef Zinner. Er lebt in Grassau und fährt die rund 130 Kilometer hin und zurück gern, um Seidl zu besuchen. Er sei ein „gütiger Mensch“, der sich um andere kümmert. Als Seidls Bruder verunglückte, kümmerte er sich um dessen Kinder, den Hof und half seiner Schwägerin. „Er hat alles für andere Menschen und die Kirche getan, sein ganzes Leben geopfert“, sagt Zinner. Das Gotteshaus sei sein Zuhause gewesen, sein Wohnzimmer. Als Mesner habe er die Kirche gepflegt, geputzt und Blumen gekauft.

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Das habe ihm immer Spaß gemacht, so Seidl. Obwohl es nicht einfach gewesen sei, weil er auf dem Hof eingespannt war. „Aber i hab’s immer mit Liebe gmacht“, sagt der 84-Jährige. 150 Euro hat er im Jahr bekommen. Am Anfang waren es 100 Mark. Doch um das Geld sei es ihm nie gegangen. Wer mit Klaus Seidl spricht, weiß, wie wahr das ist.

Ende der Amtszeit ein „gewaltiger Schritt“

In seiner Zeit als Mesner hat er sogar selbst viel für die Kirche gekauft. Bilder von „der schmerzhaften Mutter Gottes“ oder „ihrem Sohn mit Dornenkrone“ hat er aufgehängt. Die Kirchenverwaltung hat ihm diese Bilder gegen Ende der Renovierung nun zu Hause vorbeigebracht. Nun hängen die Gottesbilder in seinem Schlafzimmer.

Figuren und Bilder hatte Seidl in der Kirche aufgehängt.

In der Kirche ist kein Platz mehr dafür. Auch für Seidl ist eine neue Zeit angebrochen, obwohl er gerne Mesner geblieben wäre. Er will sich aber nicht aufzwingen. Laut Michael Liegl, Verwaltungsleiter der Pfarrei St. Laurentius in Feldkirchen, sei eine Weiterbeschäftigung in diesem hohen Alter aus arbeitsrechtlicher Sicht „schwierig“. Der Kirchenstiftung tue das leid, aber es gebe keine andere Möglichkeit, wegen der „Unfallverhütungsvorschriften“.

Noch gibt es keinen Nachfolger

Ihm sei bewusst, dass das Ende seiner Tätigkeit ein „gewaltiger Schritt“ für den ehemaligen Mesner sei. Liegl wäre froh, wenn Seidl der Kirche dennoch erhalten bliebe. Deshalb habe er ihm den Schlüssel beim ersten Gottesdienst nach der Renovierung erneut überreicht, damit er die Kirche wieder auf- und zusperren kann.

Liegl will sich um eine Lösung bemühen, damit Seidl auch weiterhin eingebunden wird. Er wünsche sich, dass der alte und neue Mesner gut miteinander auskommen und untereinander ausmachen, wer welche Aufgaben übernimmt. Einen neuen Mesner gibt es bisher aber noch nicht. Das sei eine „Berufung“ und ein „sehr wichtiger Job“. Den hat Klaus Seidl 57 Jahre voller Hingabe und Demut übernommen. Wenn jemand zum Mesner berufen war, dann der 84-Jährige.

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