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Nach versuchter Tötung in Bad Aibling

Kreis Migration: „Das ist ein tragischer Ausnahmefall“

Ein scheinbar friedlicher Ort: In der Weißenburger Straße in Bad Aibling wurde am Samstagabend eine 63-jährige Frau von einem Asylbewerber brutal niedergeschlagen. Sie liegt schwer verletzt auf der Intensivstation in Rosenheim.
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Ein scheinbar friedlicher Ort: In der Weißenburger Straße in Bad Aibling wurde am Samstagabend eine 63-jährige Frau von einem Asylbewerber brutal niedergeschlagen. Sie liegt schwer verletzt auf der Intensivstation in Rosenheim.
  • Kathrin Gerlach
    VonKathrin Gerlach
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Ein 23-jähriger Asylbewerber hat am 12. Februar in Aibling versucht, eine 61-jährige Frau zu töten. Die OVB-Heimatzeitungen haben nach dem schockierenden Fall mit der Polizei und dem Kreis Migration Bad Aibling gesprochen.

Bad Aibling – Die Menschen sind schockiert. Bei einem brutalen Überfall wurde am Samstagabend eine 63-jährige Bad Aiblingerin lebensgefährlich verletzt. Der Täter – ein 23-jähriger Eritreer aus der unmittelbaren Nachbarschaft – wurde mit richterlichem Beschluss in einer forensischen Fachklinik untergebracht. Doch wie konnte es soweit kommen? Wie gut sind Flüchtlinge in Bad Aibling integriert? Und wie steht es um die Sicherheit in der Stadt?

„Die Bad Aiblinger dürfen sich auf ihre Polizei verlassen. Wir kümmern uns gut um unsere Bürger“, betont Erster Polizeihauptkommissar Bernd Heller, der stellvertretende Chef der Polizeiinspektion Bad Aibling.

Asylunterkunft ist kein Brennpunkt

Nach der polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2020 ist Bayern das mit Abstand sicherste Bundesland. (Hinweis der Redaktion: Die Kriminalstatistik 2021 wird erst im März veröffentlicht.)

Das bestätigt auch der Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd in Rosenheim: Demnach ist die Kriminalität rückläufig, wenn auch geringfügig. Im Jahr 2020 wurden 54 141 Straftaten erfasst – das waren 627 Straftaten (1,1 Prozent) weniger als noch im Jahr zuvor. Im Landkreis Rosenheim sank die Zahl der Straftaten um zehn Prozent auf 10 259, in der Stadt Rosenheim um 18 Prozent auf 4 211 Delikte.

Im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern wurden 31 .575 Tatverdächtige ermittelt. Der Anteil tatverdächtiger Personen aus dem Kreis der Zuwanderer lag 2020 bei 10,9 Prozent. Sie verübten 3822 Straftaten. Nach Informationen der Polizei werde ein Viertel der Straftaten in den Unterkünften begangen. „Doch die Asylunterkunft in Bad Aibling ist kein Brennpunkt“, betont Heller. Nach Informationen des Landratsamtes leben derzeit 146 Personen in dezentralen Unterkünften des Landkreises Rosenheim - eine davon ist der „Container“.

Doch wie steht es um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bad Aiblinger? „Ich denke gut“, ist sich Bürgermeister Stephan Schlier sicher. Die Stadt stehe in engem Kontakt mit der Polizei Bad Aibling. „Bezüglich der Sicherheitslage wurden nie Bedenken geäußert“, informiert Schlier. Und auch aus Gesprächen mit den Bürgern wisse er, dass sie weder auf den Dörfern noch im Zentrum oder in den Seitenstraßen der Stadt um ihre Sicherheit besorgt seien. An so schwere Straftaten wie die vom Samstag in der Weißenburger Straße kann sich Schlier nicht erinnern: „Ich bin fassungslos, erschüttert und wütend zugleich, dass ein Mensch so brutal angegriffen wird.“

„Unsere Passion ist friedliche Integration“

Fassungslosigkeit herrscht auch im Kreis Migration Bad Aibling. „Wir bedauern zutiefst, was der 61-jährigen Frau passiert ist. Ich bin in Gedanken ständig bei ihr. Es ist unfassbar, was sie erlebt haben muss, und welche schweren Verletzungen sie hat“, bringt Vorsitzende Petra Mareis ihr tiefes Mitgefühl zum Ausdruck. Mit einem Helferkreis von 90 Bad Aiblingern steht der Kreis Migration Asylbewerbern zur Seite. „Es ist unsere Passion, dass Integration funktioniert und friedlich abläuft“, betont sie. „Deshalb engagieren wir uns – für die Bad Aiblinger und für die Flüchtlinge.“ Seit der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 sei das auch gelungen. „Es gab mal Raufereien, aber so eine schwere Straftat noch nie“, blickt sie zurück. „Das ist ein tragischer Ausnahmefall, den wir zutiefst bedauern.“

Der 23-jährige Täter, der von der Polizei festgenommen wurde, gehörte nicht zu den Flüchtlingen, die vom Kreis Migration betreut werden. „Wir wussten gar nicht, dass er dort wohnt“, erklärt Mareis. Ursprünglich hatte sich der Verein um diese Wohnung bemüht – allerdings für einen anderen jungen Eritreer, der von den Migrationshelfern betreut wurde. „Er war so fleißig, dass er von seinem Arbeitgeber eine Wohnung bekommen hat“, hat Petra Mareis in Erfahrung gebracht. „Dass er seine Wohnung an einen Eritreer vermittelt hat, den er noch aus seinem Heimatdorf kannte, und der bislang in der Asylunterkunft in Rosenheim gemeldet war, wussten wir nicht“, so Mareis. Daher sei der junge Mann auch nicht vom Kreis Migration betreut worden.

„Wir haben uns so bemüht in all den Jahren, die Flüchtlinge friedlich zu integrieren. Das ist schrecklich“, wiederholt Mareis immer wieder. Sie ist fassungslos, denn: „Dieser tragische Einzelfall wird dazu führen, dass künftig wieder alle Flüchtlinge misstrauisch angeschaut werden.“ Dabei seien gerade die Eritreer nach den Erfahrungen des Kreises Migration „freundliche, fleißige und familienorientierte Menschen“. Fast alle seien gut integriert. Viele sind in Ausbildung oder sogar in Arbeit, lebten aber immer noch in der Container-Unterkunft.

Eine dezentrale Wohnung dürfen Flüchtlinge nach ihren Informationen erst beziehen, wenn ihr Asylantrag bewilligt ist. „Wir haben eine lange Warteliste für Wohnungen. Deshalb bin ich besonders enttäuscht, dass die in der Weißenburger Straße hinter unserem Rücken an einen fremden Mann vergeben wurde, der aus Rosenheim hierher gekommen ist und nicht arbeitet“, so Mareis.

„14 Flüchtlinge, die grundsätzlich noch in einer Asylunterkunft wohnen müssten, jedoch einen positiven Bescheid auf ihren ,Antrag auf private Wohnsitznahme‘ erhielten, haben eine eigene Wohnung in Bad Aibling“, informiert Michael Fischer, Pressesprecher des Landratsamtes Rosenheim. Dies sei in der Regel der Fall, wenn sie über ein ausreichendes Arbeitseinkommen verfügten und eine eigene Wohnung und ihren Lebensunterhalt zum überwiegenden Teil selbst bestreiten könnten. Wie viele ehemalige Asylbewerber eine Wohnung in Bad Aibling haben, ist dem Landratsamt nicht bekannt.

Die Vorsitzende des Kreises Migration möchte auch auf die Lage in Eritrea aufmerksam machen: „Es ist eine der grausamsten Diktaturen der Welt. Das Land ist geprägt von einem oft lebenslangen Militärdienst, völliger Willkür, Entführungen und Folter.“

Traumatische Erfahrungen

Junge Männer kämen nach Deutschland, um dem zu entgehen. Einige hätten traumatische Erfahrungen gemacht – in ihrem Land und auf der Flucht. Paten vom Kreis Migration stehen vielen von ihnen zur Seite. „Sie helfen beim Ankommen, Einleben, der Sprache, der Ausbildung, bei der Suche nach Wohnungen, Praktika oder Arbeit, geben Nachhilfe in Deutsch oder Mathe“, erklärt Petra Mareis. Fallen den Helfern seelische Notlagen auf, wenden sie sich an die Diakonie in Rosenheim, die hauptamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig ist.

„Wenn Flüchtlinge psychologische Betreuung benötigen, können sie sich an die Beratungsstelle TAFF der Diakonie, an die Flüchtlingsintegrations- und Migrationsberatungen oder an einen Psychologen im Rahmen der Krankenbehandlung wenden“, ergänzt der Pressesprecher des Landratsamtes. Zudem stünden verschiedene Seelsorger-Teams auch Flüchtlingen im Fall eines akuten traumatischen Erlebnisses zur Verfügung.
 

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