Walzgesellen vor dem Rathaus

Je 14 Euro bekamen die Walzgesellen von Bürgermeister Hans Schaberl und Kämmerer Johannes Lang (rechts).
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Je 14 Euro bekamen die Walzgesellen von Bürgermeister Hans Schaberl und Kämmerer Johannes Lang (rechts).

Feldkirchen-Westerham – Dieser Besuch im Rathaus in Feldkirchen war nicht angemeldet, kam auch für Bürgermeister Hans Schaberl völlig überraschend: Neun stramme Männer und acht fesche Frauen standen vor der Tür.

Sauber ausgestattet mit dunklen Hüten, weißen Hemden, Jacken mit den sechs Knöpfen, Wanderstecken und Reisetaschen. „Die vergangene Nacht haben wir auf dem Fußboden in der Stube eines Gasthauses hier in Feldkirchen geschlafen“, erzählten die jungen Walzgesellen.

Auf die spontane Frage nach den coronabedingten Vorschriften scheinen sie gewartet zu haben: „Wir sehen uns als eine Familie und den Sicherheitsabstand konnten und haben wir auch konsequent eingehalten“, sagten sie übereinstimmend. Allesamt sind sie – Frauen und Männer – junge und gut ausgebildete Handwerker mit verschieden Berufen. Früher waren sie als sogenannte Walzbrüder unterwegs, heutzutage nennen sie sich „freireisende Wandergesellen“.

Drei Jahre und einen Tag müssen sie unterwegs sein, dürfen in dieser Zeit weder mit den Eltern, noch den Geschwistern, Verwandten oder Bekannten einen Kontakt aufnehmen. Selbst die Entfernung zum Elternhaus ist mit mindestens 50 Kilometern festgelegt und muss unter allen Umständen eingehalten werden. Moderne und heutzutage beinahe alltägliche Kommunikationsmittel wie Laptop, E-Mail oder Handy sind streng verboten.

Zu den weiteren Voraussetzungen gehören ein guter Leumund, ledig, kinderlos, verträglich und vor allem aber auch schuldenfrei müssen sie sein. Warum sich diese 17 Frauen und Männer in Feldkirchen getroffen haben, war eigentlich nicht so recht auszumachen.

Vielleicht lag es an der jungen Frau, die in Gedanken versunken etwas abseits stand. „Ich bin 25 Jahre alt und neu dazugekommen“, mehr wollte die hübsche Frau anfangs nicht verraten. Doch dann wich sie der Frage, ob bei ihrem Auszug eventuell ein gebrochenes Herz zurückbleiben musste, nicht aus: „Ich war bis jetzt Single und will es auch in den nächsten drei Jahren bleiben.“

Die Reise in eine ungewisse und dennoch abenteuerliche Zukunft konnte beginnen. Mit zumindest nicht ganz leerem Geldbeutel: 14 Euro pro Person hat ihnen der Bürgermeister und Kämmerer Johannes Lang ausbezahlt. Ein eigenes Geld verdienen sie dann, wenn sie irgendwo eine Arbeit annehmen.

Bürgermeister Hans Schaberl (links) begrüßte die unangemeldeten „freireisenden Walzgesellen“ vor dem Rathaus. Merk

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