Walter Chasse aus Bad Aibling: Ein Stehaufmandl feiert 95. Geburtstag

Trotz „altersbedingter Nebenwirkungen“ mit 95 Jahren immer noch gut drauf: Der Jubilar Walter Thomas Chassee (Mitte) mit Bürgermeister Stephan Schlier (links) und Tochter Evi Zehentmair.
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Trotz „altersbedingter Nebenwirkungen“ mit 95 Jahren immer noch gut drauf: Der Jubilar Walter Thomas Chassee (Mitte) mit Bürgermeister Stephan Schlier (links) und Tochter Evi Zehentmair.
  • vonPeter Strim
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Er sagt von sich selber, er sei ein Stehaufmandl – und blickt man gemeinsam mit Walter Thomas Chassee auf sein bewegtes Leben zurück, sieht man auch warum.

Bad Aibling – Walter Thomas Chassee – ehemaliger Polizei-Hauptwachtmeister und einstiger Kaufmann mit eigenem Lebensmittelladen im Bad Aiblinger Stadtteil „Madau“ – feierte seinen 95. Geburtstag. Anlass auch für Bad Aiblings Bürgermeister Stephan Schlier, dem Jubilar im Beisein von dessen Tochter Evi Zehentmair und Schwiegersohn Werner persönlich als Gratulant seine Aufwartung zu machen.

Auf seinen bewegten und zu keiner Zeit langweiligen Lebensweg zurückblickend bezeichnet sich Walter Chassee selbst als Stehauf-Mandl. Vor allem ließ er sich durch diverse Verletzungen und Krankheiten nicht unterkriegen.

Von Sendling bis nach Bad Aibling

Das kaufmännische Talent, so Chassee, dessen Name von den französischen Hugenotten abstammen dürfte, wurde ihm bei der Geburt im Münchner Stadtteil Sendling quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war zu jenen Zeiten Handelsreisender in Sachen Wäsche. Die Eltern waren geschieden. Mit zwei Jahren führte sein Weg zu den Schwestern ins Indersdorfer Kloster, wo er die Jahre bis zur siebten Schulklasse verbrachte. Die Volksschule mit Abschluss endete für ihn in Bad Aibling.

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1940 begann er eine Lehre zum Kaufmann bei Kustermann in der Filiale für Eisenwaren in der Augustenstraße in München, die er 1943 erfolgreich abschloss, jedoch unter Kriterien in den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Dazu gehörten der Reichsarbeitsdienst, kurzzeitige Beschäftigungslosigkeit, Wehr- und Kriegsdienst, Einsatz in der Ukraine mit Erinnerungen an viele Verletzte und Verluste in den eigenen Reihen. Gefolgt von Kriegsgefangenschaft als landwirtschaftliche Kraft in Bleichenbach (Hessen) und danach einer weiteren Zeit ohne Arbeit.

Nach dem Krieg Aufzüge bedient

Von November 1945 bis März 1946 verdingte sich Walter Chassee als Bediener von Aufzügen in der damaligen Münchner Schaubude als Theater.

Der Zufall führte ihn im April 1946 zur Bayerischen Landpolizei. Wie er sich erinnert, war das Bewerbungsschreiben in Druckbuchstaben gefordert und es musste eine achttägige Einstellungsprüfung durchgemacht werden. Daran schloss sich eine viermonatige Ausbildung.

Nach verschiedenen Qualifikationsstufen erfolgte eine Versetzung zu den Dienststellen Bad Feilnbach, Au und Bad Aibling, wo er als Polizei-Hauptmeister bis zur Pensionierung 1983 tätig war.

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1961 ehelichte er die Witwe Olga Hartberger, geborene Lindner, die ihm Tochter Evi gebar. Heute darf er auch stolz auf vier Enkel und sieben Urenkel blicken. Mit der Heirat seiner Olga, deren Weg per Bahn nach Bad Aibling führte, ging auch Walters Traum mit dem Kauf eines Bauernhofs in Erfüllung. Darin integriert war ein Milchgeschäft, für dessen Betrieb und Führung Chassee eigens eine Prüfung absolvieren musste.

Kolonialwarenladen in altem Bauernhof

Nach verschiedenen Umbauten entstanden aus den Stallungen Wohnungen und eben der Kolonialwarenladen „Beim Chassee“, wo Waren und Lebensmittel offen verkauft wurden. Frühzeitig erhielt das Geschäft eine Kühltruhe mit Eisstangen von Auer Bräu. Eingekauft wurde mit Einkaufsnetz. Kartons wurden gefaltet und von den Zulieferern wieder mitgenommen, erinnert sich der Kaufmann.

Autos gab es damals sehr wenige und um zum Geschäft zu gelangen, reichten das Fahrrad und die eigenen Beine. Kunden waren überwiegend Frauen, die daheim Haushalt und Kinder versorgten. Das Geschäft der Chassees wurde trotz starker Konkurrenz in unmittelbarer Nähe größer.

Nur sein Geschäft blieb am Ende übrig

Jedoch schlossen, weil unrentabel, im Laufe der Zeit benachbarte Läden, etwa der Familie Lechner, und übrig blieb das jetzige Geschäft, das im Januar 1987 von Walter Chassee an Tochter Evi und Schwiegersohn Werner, ein gelernter Schreiner, übergeben wurde. Wie Werner Zehentmair feststellt, haben sich massive gesellschaftliche Veränderungen in den langen Jahren ergeben.

Zufriedenstellten habe sich in diesem Jahr die Phase der Corona-Krise gestaltet, in der Frauen, Männer und Kinder während der Ausgangsbeschränkungen, soweit möglich, die kurzen Wege zum Einkaufen beim ehemaligen „Chassee“ und jetzigen „nah+gut Edeka““ nutzten.

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