Pilger in der Pandemie

Die Basilika in Tuntenhausen war über Jahrhunderte Ziel von Wallfahrern, dann kam Corona

Für Wallfahrtszüge bleiben die Glocken der altehrwürdigen Basilika seit Monaten still.
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Für Wallfahrtszüge bleiben die Glocken der altehrwürdigen Basilika seit Monaten still.
  • vonWerner Stache
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Wo sonst die Wallfahrer in Scharen in den Marienwallfahrtsort Tuntenhausen gepilgert sind, herrscht seit einem Jahr eine ungewöhnliche Stille. Das Coronavirus hat die jahrhundertealte Wallfahrtstradition verändert. Und den ganzen Ort.

Tuntenhausen – Tuntenhausens Wallfahrt hat eine lange Tradition. Bereits 1441 pilgerten Menschen hierher und machten Tuntenhausen zu dem, was es heute ist: eine der größten Wallfahrten der Erzdiözese München und Freising. Selbst aus Tirol kamen und kommen die Gläubigen hierher. Davon zeugen heute noch das Mirakelbuch, Opferkerzen und Votivbilder. Und nun nichts mehr?

Verboten: Altes Mittel gegen Seuchen

Ausgerechnet Wallfahrten, mit denen seit Jahrhunderten Krisen und Seuchen überwunden werden sollten, werden jäh vom Coronavirus gestoppt. „Gruppenwallfahrten, die mit dem Bus kommen, gab es im vergangenen Jahr wegen der aktuellen Pandemie nicht wirklich mehr“, betont Pfarrer Richard Basta. Doch das Ende eines religiösen Rituals bedeutet das natürlich noch lange nicht – auch nicht in Tuntenhausen.

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Lang waren oft die Wallfahrtszüge. Vor dem Ortseingang von Tuntenhausen werden sie gewöhnlich von der Pfarrei in Empfang genommen.

Dafür pilgerten im Corona-Jahr mehr Einzelwallfahrer statt der gewohnten 50 bis 60 Personen starken Glaubensgemeinschaften gen Tuntenhausen. „Die Kirchen sind geöffnet, die Wallfahrtswege gut ausgeschildert“, meint Kirchenpfleger Gerhard Selig. Auch das Gotteslob biete ausreichend Texte und Gesänge für eine Wallfahrt allein oder mit der Familie. „Im Sommer pilgerten auch sehr viele Radausflügler nach Tuntenhausen“, erinnert sich Selig. Sie gingen dann ins Gotteshaus zum Gebet. Doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein – viel weniger als die sonst üblichen 70 bis 80 Pilgerzüge im Jahr.

Vierte Wallfahrtssaison fällt aus

Für die Wallfahrtskirche von Tuntenhausen ist die Pandemie schon der zweite Einbruch binnen weniger Jahre. Während der großen Sanierung war das Gotteshaus zwischen 2018 und 2019 geschlossen. Mit großem Aufwand startete Selig danach eine „Werbetour“ zu den Wallfahrtspfarreien, stellte die frisch sanierte Basilika vor und überreichte kleine Geschenk. Nun stehen Kirchenpfleger und Pfarrei vor fast der gleichen Situation. „Wir werden durch die lange Pause wahrscheinlich wieder auf die Wallfahrtspfarreien zugehen müssen“, so Selig.

Auf das „Anlaufen“ der Wallfahrten hofft auch die örtliche Gastronomie wie das Gasthaus Schmid oder der Regionalladen Pronberger, die sich beide direkt neben der Basilika befinden und zu einer Stärkung nach der Wallfahrt einladen. „Es trifft uns ziemlich hart“, betont Hans Schmid, denn: „Immerhin ist das jetzt schon die vierte Wallfahrtssaison, die ausfällt.“ Der Wirt kann den Verlust in einem kleinen Ort wie Tuntenhausen nicht kompensieren, zumal alles andere ja auch weggebrochen ist. „Wir halten uns mit Essen zum Mitnehmen so einigermaßen über Wasser“, meint Schmid.

In die Kerzenbücher kommen kaum neue Einträge.

Seit Generationen bewirten sie die Wallfahrer

„Die Wallfahrt gehört seit jeher zu Tuntenhausen und auch in unsere Familie“ sagt Tobias Pronberger. Seit Generationen schon bewirte seine Familie die Wallfahrer. So seien auch viele Freundschaften entstanden und man freue sich immer auf ein Wiedersehen. Die Hoffnung für dieses Jahr haben die Pronbergers noch nicht aufgegeben und denken über mögliche Alternativen unter bestimmten Auflagen nach. „Leider hängen wir hier aber noch sehr in der Luft“ so Pronberger.

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Auch den Kirchenladen trifft es hart. Rosenkränze, Klosterprodukte, Kreuze und handgearbeitete Kerzen finden kaum mehr Absatz. Deshalb ist der Laden auch seit Mitte Dezember geschlossen. „Aber die Unkosten sind weiterhin zu tragen“, sagt Franz Hartinger und bedauert, dass es für dieses Segment keine staatlichen Zuschüsse gibt. „Dabei sind sämtliche kirchlichen Ereignisse weggefallen: keine Erstkommunion, keine Firmung und keine Wallfahrt“, so Hartinger. Selbst der Besuch der barocken Krippe zur Weihnachtszeit war diesmal nicht möglich. Einen Verkauf gibt es aktuell nur noch auf Bestellung und per Abholung.

Auch die Kirche selbst spürt die fehlenden Wallfahrten mit zahlreichen Gläubigen: Das Opfergeld geht merklich zurück, ebenso der Verkauf der Kerzen. So hoffen Tuntenhausen und die Pfarrei auf baldige Lockerungen. „Mit den Impfungen und dem Sommer sollte es wieder grünes Licht für die Wallfahrten geben“, hofft Gerhard Selig. Und nicht nur er.

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