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Nach Anzeige gegen 77-jährige Aiblingerin

„Wahnsinn geht weiter“: Pistole ihres verstorbenen Mannes bereitet Bad Aiblingerin weiter Ärger

Die Signalpistole ihres verstorbenen Mannes Otto hat eine Bad Aiblingerin pflichtbewusst bei der Polizei abgeben. Trotzdem wurde sie dafür bestraft.
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Die Signalpistole ihres verstorbenen Mannes Otto hat eine Bad Aiblingerin pflichtbewusst bei der Polizei abgeben. Trotzdem wurde sie dafür bestraft.
  • VonNicolas Bettinger
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Im Glauben, das Richtige zu tun, brachte eine Bad Aiblingerin die Signalpistole ihres verstorbenen Mannes zur Polizei. Dann folgte eine Anzeige und viel Ärger. Doch als sie glaubte, das Thema endlich vom Tisch zu haben, begann ein neues ärgerliches Kapitel.

Bad Aibling – „Jetzt wollen sie die Waffe haben, die ich doch längst abgegeben habe“, sagt Helga Scherf und ergänzt: „Ich bin verzweifelt, der Wahnsinn geht weiter.“

Die Bad Aiblingerin blickt auf traurige und zugleich skurrile Monate zurück. Im Januar starb ihr Ehemann Otto. Als sie daraufhin alte Schränke und Taschen durchforstete, fiel ihr eine Signalpistole in die Hände. Diese stammte aus der Zeit, als sie mit ihrem Mann regelmäßig beim Segeln war. Was dann passierte, kann Scherf bis heute nicht glauben. Und die Geschichte geht noch weiter.

„Ohne Erlaubnis Schusswaffe geführt“

Nachdem die 77-Jährige die Waffe zur Polizeiinspektion Bad Aibling gebracht hatte, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen sie auf. „Ich hätte sie einfach in den Müll schmeißen sollen“, ärgerte sich Helga Scherf damals. Laut Gesetz hatte die Witwe „vorsätzlich, ohne Erlaubnis eine Schusswaffe geführt“. Schon damals fiel Scherf aus allen Wolken. „Ich war doch ehrlich, habe die Waffe abgegeben. Jetzt werde ich dafür bestraft.“

Und trotz ihrer Verärgerung hätte es noch schlimmer kommen können. Denn das Strafmaß in solchen Fällen erstreckt sich von einer Geldstrafe bis zu Freiheitsstrafen von fünf Jahren, in besonders schweren Fällen auch zehn Jahren. Die zuständige Staatsanwaltschaft Traunstein teilte ihr jedoch wenig später mit, dass sie von der „Erhebung einer öffentlichen Klage“ absieht. Die 77-Jährige erklärte sich mit der „formlosen Einziehung der sichergestellten Signalwaffe“ durch die Polizei einverstanden, zahlte die verhängte Geldstrafe von 300 Euro und das Verfahren war damit eingestellt.

„Ich hatte ja keine andere Wahl, sonst wäre es vor Gericht gegangen“, ärgert sich Scherf. Dabei missfiel ihr weniger der Betrag von 300 Euro an sich. „Ich spende gerne etwas, aber ich will wenigstens selbst entscheiden, an wen.“ Dies sei ihr verwehrt worden.

Staatsanwaltschaft entscheidet „mit Augenmaß“

Eine Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft Traunstein ergab, dass der Vorgang grundsätzlich nicht zu beanstanden sei. „Die Auflage von 300 Euro ist zunächst mal nur ein Angebot, man muss dieses nicht annehmen“, erklärt Oberstaatsanwalt Dr. Rainer Vietze. Andernfalls komme es in der Regel zu einer gerichtlichen Klärung. Man setze den Geldbetrag „mit Augenmaß“ fest. Wo dieses Geld dann hinfließt, obliege der Entscheidung der Staatsanwaltschaft, wenngleich Vorschläge gemacht werden könnten, so Vietze.

„Diese Gelder wandern entweder in die Staatskasse oder zu einer gemeinnützigen Einrichtung.“ Man habe Listen mit regionalen Einrichtungen, etwa Caritas oder Tierschutzvereine. „Grundsätzlich sollte es aber für die Betroffenen schon eine Strafe sein, das ist kein Wunschkonzert“, sagt der Oberstaatsanwalt. Man selbst habe die Übersicht und achte darauf, dass die Gelder möglichst gleichberechtigt verteilt werden.

Scherfs 300 Euro kamen schließlich dem Frauen- und Mädchennotruf Rosenheim zugute. Doch war eine Bestrafung der 77-Jährigen, die nichts von ihrem Verstoß ahnte, überhaupt notwendig? „Der Verstoß gegen das Waffengesetz ist ein sensibler Bereich“, sagt Vietze. Der Transport von Waffen sei oftmals „gar nicht so ungefährlich“, weswegen recht schnell Geldstrafen ausgesprochen werden. „Auch wenn das nicht absichtlich gemacht wird“, erklärt er.

Warum die Waffengeschichte weiterging

„Die Sache war damit für mich abgeschlossen“, so die Aiblingerin. Doch es kam anders und die unrühmliche Waffengeschichte ging weiter. „Das Amtsgericht Rosenheim nahm Wochen später mit mir Kontakt auf“, beginnt Scherf ungläubig zu erzählen. Sie sei aufgefordert worden, die Waffe innerhalb von zehn Tagen samt Waffenschein ihres Mannes abzugeben. „Aber ich habe die Waffe doch gar nicht mehr“, sagt Scherf.

Zudem sei ihr mitgeteilt worden, dass sie die Waffe für 250 Euro vernichten lassen oder diese bei einem Büchsenmacher auf eigene Kosten unbrauchbar machen soll. Eine Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen beim Amtsgericht Rosenheim konnte das Rätsel zunächst nicht lösen. Die Einsicht in das Schreiben, das Scherf Ende Mai erhalten hatte, brachte dann mehr Klarheit. Denn der Brief kam vom Landratsamt, nachdem dieses vom Amtsgericht über die Erbschaft von Helga Scherf informiert worden war.

Im Brief hieß es unter anderem: „Im Nachlass muss sich eine erlaubnispflichtige Schusswaffe befinden.“ Als Erbin sei Scherf berechtigt, diese Waffe auch weiterhin zu besitzen, jedoch dazu verpflichtet, eine „Waffenbesitzkarte“ zu beantragen. Da Scherf zudem kein „Bedürfnis geltend machen kann“ (wie etwa Jäger oder Sportschützen), müsse sie die Waffe auf eigene Kosten unbrauchbar machen lassen.

Da Scherf die Waffe aber längst abgegeben hat, sind die beschriebenen Maßnahmen also gar nicht erforderlich. „Ja weiß denn die eine Hand nicht, was die andere macht“, ärgert sich Scherf über die ungewollte Fortsetzung der Waffen-Odysee. Ihr Wunsch: “Das Thema endlich vom Tisch bekommen.“ Nachdem sie angab, nicht mehr im Besitz der Waffe zu sein, habe man ihr irgendwann mitgeteilt, dass sich die Sache erledigt hat.

„Von wegen dein Freund und Helfer“

Helga Scherf kostete das neuerliche Schreiben also einige Nerven, gerade weil das Verfahren längst eingestellt war. Für die Staatsanwaltschaft Traunstein jedoch durchaus erklärbar. Demnach sei es grundsätzlich möglich, das die Staatsanwaltschaft das Landratsamt nicht über jeden Fall informiert. Eine Mitteilungspflicht herrsche dagegen etwa bei Angelegenheiten, die Verstöße und die Kontrolle von Kriegswaffen betreffen. Außerdem richtete sich das Standard-Schreiben des Landratsamtes – wenn auch nicht auf den ersten Blick – auch an Erben wie Scherf, die nicht mehr „im Besitz der Schusswaffe“ ist.

Helga Scherf hofft nun, dass die Waffengeschichte endgültig erledigt ist. Klar sei aber: „Die Polizei wird mich nicht mehr sehen, von wegen dein Freund und Helfer.“ Seitens der Behörden fehle ihr Verständnis und Feingefühl.

Was tun, wenn ich eine Waffe finde?

„Wer eine Waffe findet, muss bei der Polizei anrufen, damit wir die Waffe abholen können“, erklärt Polizeihauptkommissar Michael Fritz von der Polizeiinspektion Bad Aibling. In dem Moment, in dem man die Waffe von zu Hause zur Polizei transportiert, mache man sich bereits strafbar. „Nach dem Legalitätsprinzip ist die Polizei als Strafverfolgungsbehörde dazu verpflichtet, eine Straftat anzuzeigen, sobald sie davon Kenntnis erlangt“, erläutert Fritz.

Da der Waffenschein nicht auf Helga Scherf, sondern auf den Namen ihres Mannes ausgestellt war, hat sie unerlaubt eine Waffe geführt. Auch die Staatsanwaltschaft Traunstein darf kein Auge zudrücken, kann aber über das Strafmaß entscheiden.

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